Fragen & Antworten
Ein Gespräch mit Ewald Woste, Vorsitzender des Vorstands der Thüga Aktiengesellschaft, zur Energiewende.
Zur Energiewende und Strategie der Thüga-Gruppe
Frage: Der Ausstieg aus der Kernenergie ist beschlossene Sache. Mit welcher Konsequenz?
Woste: Zunächst einmal haben wir jetzt einen Rahmen, der gesamtpolitisch getragen ist.Das ist wichtig, hat die Diskussionen versachlicht und schafft die Grundlage dafür, dass jetzt Investitionsplanungen zum Beispiel hinsichtlich Netzausbau und benötigter konventioneller Kraftwerkskapazitäten stattfinden können.
Frage: Wie realistisch ist der Kernenergieausstieg bis 2022/23?
Woste: Der Zeitrahmen ist sehr ambitioniert, aber umsetzbar. Sicher ist, dass wir den Kernenergiestrom künftig durch Strom aus erneuerbaren und konventionellen Energien ersetzen und verstärkt für Effizienzmaßnahmen sorgen werden. Aus der vielleicht anfänglichen unübersichtlichen Lage werden für die Energieversorgungsunternehmen nach und nach Chancen entstehen.
Frage: Die Gesetze zur Beschleunigung der Energiewende sind verabschiedet. Konnten Sie Einfluss auf das Verfahren nehmen?
Woste: In gut 17 Wochen ist ein komplexes Gesetzespaket erarbeitet und verabschiedet worden. Das verdient erstmal Anerkennung. Aufgrund des hohen Zeitdrucks, war verständlicherweise wenig Platz, alle Beteiligten einzubeziehen und zu konsultieren. Wir haben aber über die Verbände BDEW und VKU den Gesetzgebungsprozess begleitet und dafür gesorgt, dass die berechtigten Interessen der Thüga-Gruppe Gehör finden. Jetzt kommt der Herbst der Verordnungen. Klar ist, dass es in den kommenden Wochen und Monaten Nachbesserungen geben wird. Wir werden diesen Prozess aktiv begleiten.
Frage: Wie sieht die Strategie der größten kommunalen Energiegruppe Deutschlands aus angesichts des anstehenden Umbaus der Energiewirtschaft?
Woste: Unsere Strategie richtet sich an den wesentlichen Handlungsfeldern aus, die sich im Rahmen der Energiewende ergeben: Erzeugung, Beschaffung, Netze, Speicher und Effizienz. Konkret bedeutet das, wir werden uns erstens künftig stärker im Bereich der Erzeugung und Beschaffung engagieren. Ein ganz bedeutender Punkt wird der Ausbau der Erzeugung aus regenerativen Energien sein. Hier investieren die Unternehmen der Thüga-Gruppe bereits vor Ort. Ein Teil der Partner ist dabei über eine gemeinsame Gesellschaft, der Thüga Erneuerbare Energien, auch überregional in zum Beispiel On- und Offshore Windkraftanalagen zu investieren. Im Bereich der Beschaffung werden wir noch enger kooperieren, um Vorteile zu generieren. Dazu bauen wir die Syneco zur Energiebeschaffungsplattform der Thüga-Gruppe aus. Zweitens steht für uns der Ausbau der Verteilnetze an. Innerhalb der Thüga-Gruppe haben wir einen Investitionsbedarf von knapp 7 Milliarden Euro bis 2020 ermittelt. Unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen des Regulierungsregimes sehen wir allerdings kaum Möglichkeiten für wirtschaftliche Investitionen. Drittens prüfen wir beim Thema Energiespeicher, ob wir einen Beitrag als Schnittstelle zwischen Strom- und Gasnetz leisten können. Und viertens spielen die Themen Energieeffizienz und Innovationen für uns eine große Rolle. Wir entwickeln mit unseren Partnern Energie- und Klimakonzepte, ein Eco-Mobilitätskonzept und haben mit über 30 Unternehmen der Thüga-Gruppe eine Innovationsplattform gegründet, um gemeinsam Geschäftsfelder zu erschließen.
Frage: Das Thema Innovationen hat bisher in der Energiebranche im Verhältnis zu anderen Branchen ein eher untergeordnetes Thema gespielt…
Woste: Früher zählte die Energiewirtschaft eher zu den ruhigen Branchen. In der Zwischenzeit hat sich das komplett verändert. Klar ist, wer auf diese Herausforderungen nur reagiert, wird vom Wettbewerb getrieben. Wer nur angestammte Positionen verteidigt, verliert. Uns geht es darum, zusätzliche Geschäftsfelder zu entwickeln und erfolgreich zu besetzen. Hier ist jedes einzelne Unternehmen der Thüga gefordert, für sich allein und im Verbund. Das Rennen um neue Geschäftsfelder hat begonnen. Unser Vorteil gerade beim Thema Innovationen ist, dass wir nicht wie ein Konzern funktionieren, sondern kleinteilig arbeiten, dadurch wendig sind und in überschaubaren Dimensionen denken.
Zu den grundsätzlichen Herausforderungen der Energiewende
Frage: Um den fluktuierenden Strom aus erneuerbaren Energien auszugleichen, sind neben Speichertechnologien vor allem gut regelbare Gaskraftwerke im Gespräch. Wer baut diese Kraftwerke?
Woste: Jetzt eine Aussage darüber zu treffen, halte ich für verfrüht. Ein Drittel der bislang geplanten Kraftwerke in Deutschland wollten die Stadtwerke vor den Ereignissen in Fukushima bauen. Die Rahmenbedingungen haben sich nun geändert und sind noch nicht endgültig. Ein Kraftwerksbeschleunigungsgesetz ist angekündigt. Und auch die EU hat Förderprgramme für besonders effiziente Kraftwerksneubauten geplant.
Frage: Beteiligt sich die Thüga-Gruppe am Bau von Gaskraftwerken?
Woste: An dem Gaskraftwerk im bayerischen Irsching sind wir über die Nürnberger N-ERGIE und die Frankfurter Mainova beteiligt. Wir wollen die derzeitig installierte Kraftwerkskapazität der Thüga-Gruppe von knapp 4000 Megawatt weiter ausbauen. Ein weiteres Gaskraftwerk planen wir beispielsweise in Süddeutschland. Wir werden das Projekt soweit entwickeln, dass wir starten können, wenn die Bedingungen stimmen.
Frage: Wie müssen die Bedingungen denn aussehen?
Woste: Dass wir neue Gaskraftwerke benötigen, um die Zeiten zu überbrücken, in denen keine Sonne scheint und kein Wind weht, bestreitet niemand. Diese Gaskraftwerke, werden aufgrund des Ausbaus der erneuerbaren Energien jedoch eine wesentlich geringere Auslastung haben, müssen aber zu jeder Zeit verfügbar sein, um die Versorgungssicherheit zu garantieren. Die Einsatzzeiten reichen aber nicht mehr aus, um die Investitionen wieder einzuspielen. Wir brauchen ein Anreizmodell, damit investiert wird.
Frage: Wird damit nicht ein neues Subventionsmodell geschaffen?
Woste: Es geht nicht darum, ein Subventionsmodell zu etablieren. Wir brauchen ein Marktmodell, in dem derjenige, der Leistung zur Netzstabilität bereit hält auch dafür entlohnt wird.
Frage: Wie sehen Ihre Erwartungen beim Thema Kleinstkraftwerke aus?
Woste: Grundsätzlich ist das ein interessanter und guter Ansatz, den wir sehr genau analysieren. Ich bin überzeugt, dass kleine Anlagen einen wichtigen Beitrag leisten können. Denke aber auch, dass es letztendlich auf einen Mix aus kleinen und großen Erzeugungsanlagen hinauslaufen wird. Kontraproduktiv für kleinere Anlagen sind jedoch Überlegungen der Finanzverwaltung, wonach die zentrale Steuerung mehrerer kleiner Erzeugungsanlagen zu einem virtuellen Kraftwerk den Verlust der Stromsteuerbefreiung zur Folge haben soll.
Frage: Welche Rolle spielt „Power to Gas“ für die Thüga-Gruppe?
Woste: Bereits jetzt können die vorhandenen Stromnetze einiger Partnerunternehmen den durch Wind und Sonne erzeugten Strom zeitweise nicht mehr vollständig aufnehmen. Nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz müssen diese Unternehmen ihre Netze so verstärken, dass der gesamte erzeugte Strom eingespeist werden kann. Wir gehen daher davon aus, dass in den nächsten Jahren erhebliche Mittel in die Verstärkung der Netze fließen. In diesem Zusammenhang sind Alternativen zum Netzausbau besonders interessant. Aus diesem Grund beschäftigen wir uns in Kooperation mit verschiedenen Thüga-Partnern mit der Speicherung von überschüssigem EE-Strom in der kommunalen Gasinfrastruktur. Des Weiteren sind wir aktiv an der dena Strategieplattform „Integration erneuerbarer Strom in das Erdgasnetz“ beteiligt.
Zu den Kosten der Energiewende und der Akzeptanz der Bürger
Frage: Es wird erwartet, dass der Umbau des Energiesystems zu steigenden Energiepreisen führen wird. Fürchten Sie um die Aktzeptanz der Bürger?
Woste: Fest steht, es gibt einen breiten gesellschaftlichen und politischen Konsens für den Umbau des Energiesystems. Und fest steht auch, dass der Umbau der Erzeugungsstruktur mit hohen Investitionen in die Infrastruktur verbunden sein wird. Zur Wahrheit gehört aber genauso, dass Deutschland eine moderne und hocheffiziente Energieversorgung aufbaut, mit der wir Vorreiter sein werden und die den Wirtschaftsstandort Deutschland aufwertet. Denn man darf nicht vergessen, dass die variablen Erzeugungskosten bei Windkraft- und Sonnenergieanlagen nahe Null liegen.
Frage: Wie wollen Sie die Menschen mit auf diesen Weg nehmen?
Woste: Wichtig ist, dass wir - damit meine ich auch die Politik und die Medien - dafür Sorge tragen müssen, die Menschen über die notwendigen Maßnahmen und damit verbundenen Kosten und Vorteile zu informieren. Wir müssen aktiv die Kommunikation mit den Menschen suchen und ehrlich sein, sonst verlieren wir ihren Zuspruch auf den Weg hin zu einer nachhaltigen und ressourcenschonenden Energieversorgung.
Stand: August 2011
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