150 Jahre Thüga

Auf den Spuren der Thüga

Was ist das Besondere an der Geschichte der Thüga? „In der Geschichte der Thüga spiegeln sich sowohl deutsche Zeitgeschichte als auch nur für dieses Unternehmen zutreffende Entwicklungslinien. Das wirklich Besondere und Faszinierende ist aber, dass sich das Thüga-Modell wie ein roter Faden durch alle Epochen zieht.“ Das sagt der renommierte Wirtschaftshistoriker und Publizist Dr. Rainer Karlsch. Er muss es wissen. Dr. Karlsch hat eine umfangreiche wissenschaftliche Studie über die Geschichte der Thüga ausgearbeitet. Darauf basieren die folgenden „Streiflichter“. Sie beleuchten schlaglichtartig wichtige Wegmarken der Unternehmensgeschichte, wissenschaftlich fundiert, zugleich spannend erzählt.

Scrollen Sie sich durch ein lebendiges Stück deutscher Wirtschaftsgeschichte oder klicken Sie auf eine Jahreszahl im Zeitstrahl (rechts), von der Gründung vor 150 Jahren bis zur Gegenwart.

ab 1831

Theodor Weigel – alles Geld in eine Gasanstalt

Die 1830er-Jahre: Deutschland ist ein Flickenteppich aus Königreichen, Herzog- und Fürstentümern. Es brodelt. Nachdem die Franzosen sich in der Julirevolution eine bürgerlich-liberale Monarchie erkämpft haben, wird der Ruf nach Freiheit und Einheit auch in Deutschland laut. Das „Hambacher Fest“ 1832 ist die erste politische Massenveranstaltung mit rund 30.000 Menschen aus allen Bevölkerungsschichten. 1832 stirbt Goethe, nachdem er Faust II fertiggestellt hat. 1833 erfindet Carl Friedrich Gauß den Schreibtelegraf. 1835 fährt die erste dampfbetriebene Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth.

Weigel steigt ins Gasgeschäft ein

In diese Zeit wird Theodor Weigel 1831 hineingeboren, in Alt-Landsberg bei Berlin als Sohn eines Landwirts. Er macht in Berlin eine Ausbildung zum Kammerstenograf, lernt also, Reden in parlamentarischen Kammern fehlerfrei aufzuzeichnen – eine für seine Herkunft eher ungewöhnliche Laufbahn. Mit 25 Jahren beginnt er bei der Deutschen Continental-Gasgesellschaft in Dessau alles über das noch junge Gasgeschäft zu lernen.

Alles Geld in eine Gasanstalt

Von den Wachstumschancen des Gasmarktes überzeugt, entschließt sich Weigel 1863, all seine Ersparnisse in die Selbstständigkeit zu stecken: Er möchte eine Gasanstalt in Arnstadt errichten und zieht mit seiner Familie dorthin. Mit dem Stadtrat schließt er einen Beleuchtungsvertrag, um öffentliche Plätze, Straßen, Haushalte und Gewerbebetriebe mit Gaslicht zu versorgen. Der junge Unternehmer hatte den Arnstädter Maurermeister Hönicke mit ins Boot geholt, der jedoch bald darauf wieder abspringt. Weigel muss sein Projekt alleine vorantreiben. Das Arnstädter Gaswerk geht im November 1863 in Betrieb.

Weigel hat noch nicht genug

Weigel ist das nicht genug, er will größer ins Gasgeschäft einsteigen. Zudem kann man vom Betrieb eines kleinen Gaswerks mehr schlecht als recht leben. Der Bau ist teuer, sodass der Kapitalanleger mindestens sieben Jahre warten muss, bis sich seine Investition rentiert. Auf der anderen Seite ist das Gasgeschäft relativ sicher und nicht sehr konjunkturanfällig. Zurück zu unserem umtriebigen Weigel: Er pflegt gute Kontakte zu zahlreichen Kommunen und schließt mit mehreren Städten Gasbeleuchtungsverträge ab. Gleichzeitig gewinnt er kapitalkräftige Bürger und hohe Beamte für sein Zukunftsprojekt: die Gründung einer Gasgesellschaft in Thüringen.

1864 genehmigt das Herzogliche Staatsministerium zu Gotha das Statut des Gründungskomitees.

ab 1864

Weigels Zukunftsprojekt:

Die Thüringer Gasgesellschaft

Theodor Weigel gewinnt kapitalkräftige Bürger und hohe Beamte für sein Zukunftsprojekt. Im November 1867 ist er endlich am Ziel: Die Thüringer Gasgesellschaft (ThGG) wird in Gotha gegründet. Doch das Gründungskomitee ist zu seinem Bedauern sehr risikoscheu, setzt das Grundkapital auf nur 150.000 Taler fest.

Drei Jahre Hängepartie

Doch die Gründung steht unter keinem guten Stern: Im Februar 1864 beginnt der Deutsch-Dänische Krieg um den Besitz von Schleswig-Holstein. Obwohl die Kämpfe nur ein halbes Jahr andauern, beeinflussen sie den Geldmarkt negativ. Die Verhandlungen mit dem Bankhaus wegen der Aktienemission verlaufen schleppend und letztlich ergebnislos. Negative Pressekommentare folgen. Erst im Frühjahr 1867 startet ein neues Gründungskomitee wieder durch. Dessen Mitglieder scheuen allerdings jegliches Risiko und setzen das Grundkapital auf nur 150.000 Taler fest.

Weigels Wunsch wird wahr

Im November 1867 ist es endlich so weit: Die Thüringer Gasgesellschaft (ThGG) wird in Gotha gegründet. Weigel kommentiert rückblickend kritisch: „Man dachte aber eben allzu solid; man begann das Geschäft in zu bescheidenem Umfange und mit zu kleinem Kapital.“ In heutigen Worten: Die Firma ist unterkapitalisiert. Eine so kleine Gesellschaft muss schwer darum ringen, sich einen Namen zu verschaffen. Weigel bringt seine zwei Gaswerke in Aschersleben und Bitterfeld in die Gesellschaft ein und erhält dafür größtenteils Aktien.

Reibereien in der jungen ThGG

Die Organisationsstruktur der ThGG erweist sich bald als unzureichend. Die Aufgaben zwischen Verwaltungsrat und Direktor Weigel sind nicht eindeutig verteilt. Die Verwaltungsräte führen die Hauptbücher in Altenburg, Weigel hingegen die Betriebsbücher in Arnstadt. In unserer heutigen, virtuellen Welt völlig normal, stellt die räumliche Trennung damals ein echtes Problem dar. Außerdem: Während die Verwaltungsräte sehr bedächtig agieren, will Weigel die Geschäfte zügig ausbauen. Eine Art Doppelwirtschaft und zahlreiche Reibereien sind die Folge. So kommt es bis 1871 nicht einmal zum legalen Eintrag der Gesellschaft. Die ThGG ist also noch gar nicht rechtsfähig – und kann auch keine Kauf- und sonstigen Verträge abschließen. Weigel lässt sich aber dadurch nicht bremsen und schließt Verträge auf eigenen Namen und Rechnung. Er kauft beziehungsweise baut eigene Gaswerke und nimmt Hypothekenschulden auf die erworbenen Objekte auf.

Weigels Coup

Auf der Generalversammlung im Juni 1871 kommt es schließlich zum Bruch – mutmaßlich ein von Weigel geschickt eingefädelter Coup. Der Verwaltungsrat bekommt neue Mitglieder, die Weigels Linie unterstützen und die Statuten ändern. An die Stelle des Verwaltungsrates tritt jetzt ein Aufsichtsrat. Für die Geschäftsführung ist alleine der Direktor verantwortlich. Zweck der Gesellschaft ist fortan die Beteiligung an Gaswerken. Im Juni 1871 wird die Thüringer Gasgesellschaft vom Herzoglichen Amtsgericht Gotha handelsrechtlich eingetragen. 1872 tritt Konsul Edmund Becker von der Allgemeine Deutsche Credit-Anstalt aus Leipzig in den Verwaltungsrat ein. Er ist einer der einflussreichsten Bankiers der prosperierenden Messe- und Industriestadt. Es zeichnet sich damit schon ab, dass die ThGG ihren Sitz nach Leipzig verlegen wird.

ab 1871

Umzug nach Leipzig

Das Geschäft brummt

Die ThGG kann den Aufschwung infolge der Industrialisierung in den 1870er-Jahren für sich nutzen. Der neue Unternehmensstandort Leipzig zählt zu den Zentren des europäischen Geistes, Kultur- und Wirtschaftslebens. Die Verwaltung aller Gaswerke wird in Leipzig gebündelt. Das schafft Synergien. Doch es droht neue Konkurrenz.

Bereits vor der Reichsgründung befindet sich Deutschland im Aufschwung. Durch den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 unterbrochen, setzt dieser sich anschließend umso kräftiger fort. Die von Frankreich zu zahlenden Kriegsreparationen von fünf Milliarden Francs befeuern den Wirtschaftsboom in Deutschland. Im Januar 1871 treten die süddeutschen Staaten dem Norddeutschen Bund bei. Der König von Preußen nimmt den Titel Deutscher Kaiser an und der Norddeutsche Bund vergrößert sich zum Deutschen Reich, das rasch zur größten Binnenvolkswirtschaft Europas aufsteigt. Einheitliche Münzen, Maße und Gewichte werden eingeführt – ein Segen für die Ingenieure der Gaswirtschaft. Rohre, Muffen und Armaturen können nun genormt werden.

Rosige Zeiten für die ThGG

Die ThGG nutzt die Jahre des Booms, um ihre Geschäftsbasis zu erweitern. Noch 1871 gehen vier von Weigel gebaute Gaswerke – Arnstadt, Schneidemühl, Oederan und Pößneck – in den Besitz der ThGG über. Es handelt sich um kleine Werke mit eng begrenzten Versorgungsgebieten. Ein Durchbruch gelingt der ThGG im Folgejahr, als sie die beiden großen Werke in Leipzig-Lindenau und Leipzig-Sellershausen erwirbt. Die Messe- und Industriestadt boomt und mit ihr wächst auch die Zahl der potentiellen Kunden. Direktion und Aufsichtsrat erkennen die Chancen, die sich in Leipzig bieten. Sie erhöhen das Aktienkapital der Gesellschaft, um die Expansion zu finanzieren. Eine außerordentliche Generalversammlung im Mai 1872 beschließt den Sitz der ThGG von Gotha nach Leipzig zu verlegen. Im April 1873 wird die Gesellschaft aus dem Handelsregister in Gotha gelöscht und im September 1873 als „Thüringer Gasgesellschaft zu Leipzig“ im Leipziger Handelsregister neu eingetragen.

Zusammenarbeit schafft Mehrwert

Dieser Gedanke spielte schon damals eine entscheidende Rolle – auch wenn das „Plus“ zu dieser Zeit noch keinen Platz im Firmenlogo hatte. Leipzig verwaltet fortan die Gaswerke zentral. Eine gemeinsame Buchführung erspart den einzelnen Werken Aufwand und Kosten. Sie erstatten wöchentlich Bericht nach Leipzig. Ein zentral gesteuerter Materialeinkauf erzielt günstigere Preise. Auch in der technischen Abteilung gibt es – modern ausgedrückt – Synergieeffekte. Doch der Gasbeleuchtung droht Konkurrenz: das elektrische Licht. Wie Theodor Weigel die neue Herausforderung meistert?

Von der Arbeit im Gaswerk

Die Arbeit in den frühen Gaswerken ist schwer, ungesund und gefährlich – mit deutlich höherem Krankenstand als in der Industrie. Gearbeitet wird in Wechselschichten von zehn bis zwölf Stunden pro Tag, auch an Sonn- und Feiertagen. Wenn es überhaupt Urlaub gibt, dann nur fünf Tage pro Jahr und das auch nur für langjährige Mitarbeiter. Tarifverträge existieren nicht. Der größte Vorteil der Arbeit im Gaswerk ist die vergleichsweise hohe Sicherheit des Arbeitsplatzes. Hinzu kommen Vergünstigungen bei langer Betriebszugehörigkeit. Die Arbeit bei der ThGG ist alles in allem auskömmlich, sodass es – anders als in der Kohleindustrie – bis 1914 nicht zu Streiks kommt.

Leuchtgasherstellung

Die Rohstoffe für den Betrieb eines Gaswerkes sind Steinkohle, Koks, Gaskohle und Gasreiniger. Aus Steinkohle werden Gaskohlen gewonnen und aus diesen dann das Gas. Abnehmer dieses „Leuchtgases“ sind öffentliche Laternen in Städten und „Privatflammen“. Neben dem Leuchtgas verkaufen die Gaswerke auch Teer und Gaskohle.

Direktoren, Beamte und Feuermänner

Theodor Weigel führt die ThGG und seine Gaswerke im Kaiserreich patriarchalisch. Jedem Werk steht ein Direktor vor. Obwohl keine Staatsbediensteten, werden Leitende Angestellte als „Beamte“ bezeichnet. Sie besitzen de facto eine Lebensstellung und genießen ein bestimmtes soziales Prestige. Schon Ende 1881 richtet die ThGG eine Pensionskasse für ihre Angestellten ein. Angestellte und Firma zahlen anfangs jeweils 1.500 Mark pro Jahr ein. Im Jahr 1896 gewährt die ThGG erstmalig zu Weihnachten auch „Ehrenabgaben“, gestaffelt nach Dienstjahren. Unter anderem sind bei der ThGG tätig: Rohrleger, Schlosser, Installateure, Feuermänner, Obermeister, Buchhalter, Bürogehilfen und ...

Gasriecher

Sie stellen schadhafte Stellen im Rohrnetz fest, um Gefahren abzuwenden und Gasverluste zu begrenzen. Bei der tagtäglichen Kontrolle der Leitungen kriechen die Gasriecher nicht selten auf allen vieren durch die Straßen. An verdächtigen Stellen treiben sie Bohrspieße in das Straßenpflaster, bis fast hinunter zu den Gasrohren, um ganz genau zu „schnüffeln“. Doch der Beruf bekommt bald Konkurrenz: Hunde haben die weitaus sensibleren Nasen als ihre menschlichen „Kollegen“. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert sind Gasspürhunde im Einsatz.

ab 1881

Neue Konkurrenz

Theodor Weigel und der Strom

Bis 1880 wächst die Gaserzeugung der ThGG um knapp 60 Prozent. Aber auf dem Markt für Leuchtmittel sind neue Konkurrenten aufgetaucht: einerseits billigeres Leuchtöl aus Petroleum, das „Licht des kleinen Mannes“, andererseits das elektrische Licht. Theodor Weigel sieht die Gefahr. Neue Gasanwendungen im Haushalt und der Glühstrumpf für das Gaslicht verschaffen dem Geschäft der ThGG Luft.

Gefahr für die ThGG?

Thomas Edison hatte 1879 einen Glühfaden aus Bambuskohlefasern entwickelt – und darüber hinaus ein komplettes System von der Stromerzeugung über die Verteilung bis zum Verbraucher. Theodor Weigel erkennt, dass Steinkohlegas zur Beleuchtung ein Luxusartikel werden wird. Er sieht die Gefahr für seine ThGG. 1881 ändert er daher das Statut des Unternehmens und weitet die Tätigkeit des Unternehmens auf die „Ausführung von Beleuchtungsanlagen aller Art“ aus. Weigel arbeitet im Stillen daran, ins Geschäft mit elektrischen Beleuchtungsanlagen einzusteigen. Es soll aber noch bis 1902 dauern, bis die ThGG beim Strom zum Zuge kommt.

Licht ist nicht gleich Licht

In der Zwischenzeit gibt es einen nochmaligen Auftrieb für die Gaswirtschaft, der die Konkurrenz des elektrischen Lichts für eine Weile entschärft: Dem Chemiker Professor Bunsen gelingt es, die leuchtende Flamme des Steinkohlegases in eine Heizflamme umzuwandeln. Der Weg in ein weiteres Geschäftsfeld – die Wärme – ist damit frei und gleicht das sinkende Leuchtgasgeschäft ein Stück weit aus. Der von Hugo Junkers 1897 entwickelte Gasdurchlauferhitzer „Volksbadeofen“ findet regen Absatz bei der Bevölkerung. Gasherde und -heizungen halten Einzug in deutsche Wohnungen. 1885 erfindet Dr. Auer von Welsbach den Glühstrumpf im Gaslicht, der dessen Qualität erheblich steigert. Erst nach dem Ersten Weltkrieg schafft es die inzwischen entwickelte Metallfadenglühlampe, den Gasglühstrumpf zu verdrängen. Auch die ThGG profitiert vom Siegeszug des „Auerlichts“.

Die Elektrizität spukt allerorten

Im November 1897 warnen die ThGG-Aufsichtsräte: „In Aschersleben und Schönebeck spukt die Elektrizität ebenfalls.“ Weigel entscheidet, „die Herstellung elektrischer Anlagen und den Verkauf elektrischen Lichts selbst in die Hand zu nehmen“. Gesagt, getan: Als Pläne der Stadt Stolberg bekannt werden, ein Elektrizitätswerk zu bauen, bewirbt sich die ThGG jedoch erfolglos um die Konzession. 1902 ist es dann aber so weit: Die ThGG baut in der Stadt Niedersedlitz in Sachsen ein kleines E-Werk und versorgt sie sowie mehrere Gemeinden mit elektrischer Energie.

ab 1900

Neue Geschäftsfelder der ThGG

E-Werke und Ferngasnetze

Bald ist das elektrische Licht der Gasflamme als Beleuchtung weit überlegen. Die ThGG, unter Theodor Weigel immer auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern, steigt ins Stromgeschäft ein. Auch beim Aufbau der ersten Ferngasnetze beweist sie Mut zum Risiko. Theodor Weigel tritt ab, sein Sohn rückt nach.

1902 baut die ThGG ihr erstes E-Werk in Sachsen. Viel Freude hat sie daran nicht, da der Verkauf von Strom in einer Kleinstadt damals kaum Gewinne bringt. Das E-Werk kann nur durch Zusammenlegung mit dem Gaswerk wirtschaftlich bestehen. 1912 werden beide Werke für stolze 2 Millionen Mark an die Stadt Dresden verkauft.

Auch wenn die ersten Schritte im neuen Markt nicht sehr erfolgreich waren – ein Anfang ist gemacht. Im Augst 1906 kauft die ThGG das Elektrizitätswerk Friedrichsroda. Weitere folgten, auch beginnt die ThGG, selbst E-Werke zu bauen und die Geschäfte mit Gas und Elektrizität zu verkoppeln: die Elektrizität für Beleuchtung und die Kleinkraftversorgung, das Gas als Wärmequelle.

Moderne Leitungen fürs Ferngas

Von Anfang an überlegt Theodor Weigel, wie er den Aktionsradius der Gasanstalten erweitern könnte. Die Qualität der gusseisernen Rohre erlaubt keinen Mittel- oder Hochdruckbetrieb über größere Entfernungen: Sie sind nur begrenzt bruchfest und benötigen viele Verbindungsstellen, deren unzureichende Dichtung zu hohen Gasverlusten führt. In den Jahren 1885 und 1890 erfinden die Brüder Mannesmann zwei Walzverfahren, um nahtlose Stahlrohre herzustellen. Diese neuen Rohre sind viel elastischer, erheblich leichter und länger. Das spart Transportkosten und erhöht die Betriebssicherheit. Nun kann das Gas unter hohem Druck in die Leitungen eingespeist werden. Trotzdem: Der Aufbau einer Ferngasversorgung erfordert langfristige Investitionen und birgt hohe Risiken. Nur in Ballungsräumen mit hohem Gasbedarf lohnen sich die Investitionen in ein Ferngasnetz. Ziel ist die Erschließung möglichst zusammenhängender Versorgungsgebiete.

Generationenwechsel

Die ThGG beweist Mut zum Risiko und beginnt bereits 1904 in Mügeln bei Dresden ein Ferngasnetz aufzubauen. Technische Probleme und unterschiedliche Interessen der Gemeinden bremsen den Aufbau, bringen aber wertvolle Erfahrungen. Bis Ende der 1920er-Jahre kann die Thüringer Gasgesellschaft mit 40 Gaswerken Fernversorgungen aufbauen. Doch das erlebt Theodor Weigel nicht mehr. 1898 legt er seine Ämter als Direktor und Vorstand der Thüringer Gasgesellschaft nieder, 1905 stirbt er. 1900 wird sein Sohn Hans in den Vorstand der ThGG berufen.

ab 1910

Neues Geschäftsmodell

ThGG gemeinsam mit Kommunen

Turbulente Zeiten vor dem großen Krieg: Viele Städte und Gemeinden wollen das Gasgeschäft selbst in die Hand nehmen. Die ThGG reagiert mit einer neuen Geschäftsidee: gemischtwirtschaftliche Unternehmen. 1912 kommt sie in Stolberg erstmals zum Zuge. In den Grundzügen ist das „Thüga-Modell“ geboren.

Theodor Weigel legt 1898 seine Ämter bei der ThGG nieder.

Im Oktober 1900 wird sein Sohn Hans Vorstand und leitet gemeinsam mit Ingenieur Georg Schaar das Unternehmen. Als Schaar 1910 verstirbt, wird Carl Westphal der zweite Mann im Vorstand. Westphal ist ein selbstbewusster Manager. Er setzt stärker als Weigel auf den Einstieg der ThGG ins Stromgeschäft und bringt frischen Wind ins Unternehmen. Zwischen den beiden kommt es immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten. Denn es ist eine turbulente Zeit, das traditionelle Geschäftsmodell hat sich überholt: Zahlreiche Städte und Gemeinden sind entschlossen, ihre Gaswerke künftig selbst zu bewirtschaften oder eigene zu bauen. Die Pachtverträge der fünf größten von der ThGG gepachteten Werke laufen aus. Sie gehen zwischen 1900 und 1910 alle in städtisches Eigentum über. Wie soll man auf den Trend der Kommunalisierung reagieren? Die ThGG bemüht sich, die Konzessionen zu verlängern, ist dabei aber nicht mehr so erfolgreich wie zu Theodor Weigels Zeiten.

Ein neuer Ansatz

Neue Chancen für die ThGG zeichnen sich ab, als die Idee eines Zusammenwirkens von privatem und staatlichem Kapital aufkeimt, also eines gemischtwirtschaftlichen Unternehmens. Die Merkmale eines solchen Unternehmens: beiderseitige Kapitalbeteiligung, beide Seiten wirken an der Geschäftsführung mit, neben erwerbswirtschaftlichen gibt es auch gemeinwirtschaftliche Ziele. Firmen aus der Elektroindustrie setzen diese Idee als erste in die Praxis um. Sie wollen auf diese Weise mehr Kapital mobilisieren und schneller neue Absatzgebiete gewinnen.

Stadt und ThGG gemeinsam

Ende des Jahres 1912 setzt auch die ThGG diese neue Geschäftsidee in die Tat um: ThGG und die Stadt Stolberg bringen jeweils ihr Gas- und Elektrizitätswerk in eine Gesellschaft ein: die Stolberger Licht- und Kraftwerke GmbH. Die ThGG übernimmt die technische und kaufmännische Kontrolle beider Werke. Vorsitzender des Aufsichtsrates wird der Bürgermeister von Stolberg, sein Stellvertreter ist Carl Westphal. Nur wenige Monate später entsteht ein weiteres gemischtwirtschaftliches Unternehmen. Die Thüringer Gasgesellschaft und die Stadt Sonneberg gründen die Sonneberger Licht- und Kraftwerke GmbH.

Ein Geschäftsmodell, das in seinen Grundzügen bis heute Bestand hat, verhilft der ThGG zu neuerlichem Wachstum.

ab 1914

Schwere Zeiten

ThGG im und nach dem ersten Weltkrieg

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterbricht die positive Geschäftsentwicklung der ThGG jäh. Viele Angestellte und Arbeiter melden sich freiwillig zur Truppe, so auch die beiden Direktoren Hans Weigel und Carl Westphal. Viele verlieren ihr Leben. In der Nachkriegszeit wandelt sich die Energiewirtschaft grundlegend – mit Folgen für die ThGG.

Direktor Weigel kann im März 1915 nach Leipzig zurückkehren – der Aufsichtsrat hatte seine Freistellung erwirkt. Aus Mangel an Arbeitern und Rohstoffen kommen ab 1915 in einigen Werken der ThGG Kriegsgefangene und zwangsvermittelte Deutsche zum Einsatz. Das Unternehmen verzichtet bereits im Herbst 1916 auf die weitere Zeichnung von Kriegsanleihen. Eine kluge Entscheidung, denn mit dem verlorenen Krieg sind auch die Anleihen nichts mehr wert. Größere Beeinträchtigungen der Gasversorgung gibt es während des Krieges nicht – außer die staatlich festgesetzten „Gassperrstunden“. Ein steigender Gasabsatz kompensiert den während des Krieges drastischen Rückgang der Petroleumimporte. So kann die ThGG selbst in den Kriegsjahren ihren Gasabsatz um rund 38 Prozent steigern. Investitionen müssen allerdings aufgeschoben werden. Insgesamt zahlt die ThGG jedoch einen hohen Blutzoll: 598 Angestellte und Arbeiter werden insgesamt zum Kriegsdienst eingezogen, 73 von ihnen kommen um, viele werden verwundet oder geraten in Gefangenschaft.

Instabile Nachkriegszeit, politische Wirren

Nach Kriegsende 1918 folgt eine Zeit stürmischer politischer Auseinandersetzungen. Die Gaswirtschaft leidet unter der Kohlenverknappung und Streiks bei der Eisenbahn. Trotz ihres gesunden Grundkapitals ist die Zukunft für die Thüringer Gasgesellschaft ungewiss, stärker als je zuvor beeinflusst die Politik die Geschäfte. Die junge Weimarer Republik befasst sich mit der Sozialisierung, also der Überführung von privatem in staatliches Eigentum – auch in der Energiewirtschaft. Im Frühjahr 1919 verabschiedet die Nationalversammlung das „Rahmengesetz zur Sozialisierung der Wirtschaft“: Das Reich darf bestimmen, welche Unternehmen durch Gesetz und gegen Entschädigung in „Gemeinwirtschaft“ überführt werden können. Vor allem der Kohlenbergbau steht zur Disposition, bleibt aber letztendlich unangetastet. Die öffentliche Hand konzentriert sich stattdessen auf den Ausbau ihrer Positionen in der Elektrizitäts- und Gaswirtschaft. So gründen Bayern, Baden, Sachsen und Thüringen eigene Landesunternehmen zur Energieversorgung. Preußen vereinigt 1927 alle seine Kraftwerks- und Leitungsgesellschaften in der Preußischen Elektrizitäts-AG. Ein Unternehmen, das in der Historie der ThGG bald eine große Rolle spielen wird.

ab 1920

In der Erfolgsspur

Das Netzwerk wächst – trotz Verrat

Den Ersten Weltkrieg übersteht die ThGG wirtschaftlich unbeschadet. Das Unternehmen kann den Stromabsatz von 1919 bis 1928 verachtfachen, den Gasabsatz verdreifachen. 1928 ist es schon an 42 Gas- und Elektrizitätswerken in Deutschland und vier in Luxemburg beteiligt, ihm gehören 13 eigene Gaswerke und vier Stromversorgungen. Ungemach droht durch Weigels Verrat.

Der Netzwerkgedanke

In den 1920er-Jahren entwickelt sich die ThGG von der Fabrikationsgesellschaft zur Fachgesellschaft: Die Hauptleitung in Leipzig prüft laufend alle Geschäfte der einzelnen Werke. Deren Betriebsführung liegt jeweils bei einer Betriebs-GmbH, die von Kommune und ThGG gemeinsam gegründet ist. Ihr steht die Hauptleitung als ständiger Berater zur Seite, ohne ihre Handlungsfreiheit einzugrenzen. Es entsteht ein dauerhafter Austausch an technischen und kaufmännischen Erfahrungen – schon damals ein Plus für alle Beteiligten! Eine Zentraleinkaufsabteilung fasst den laufenden Bedarf der Werke zusammen. Genau wie heute bündelt sie die Nachfrage und erzielt dadurch Preisvorteile.

Überzeugen statt überstimmen

Anders als bei der Gründung der ersten gemischten Unternehmen strebt die ThGG bald keine Mehrheitsbeteiligung mehr an. Sie begnügt sich mit 40 Prozent oder weniger. Der Einfluss der Kommune spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der Gesellschafterversammlung wider, deren Vorsitzender der Bürgermeister ist. Stadt und ThGG erhalten einen gewissen Prozentsatz von den Betriebseinnahmen. Über die Verteilung des Reingewinns entscheidet die Gesellschafterversammlung.

In den folgenden Jahren baut die ThGG ihren Geschäftsbereich weiter aus. Sie beteiligt sich an der ENAG in Leipzig, der LUK in München, der Rhenag in Köln und der Badischen Gas- und Elektrizitätsversorgung AG in Lörrach.

Hans Weigel: unrühmlicher Abschied

Trotz der prächtigen Entwicklung des Unternehmens braut sich Unheil zusammen: Es zeichnet sich eine Spaltung des Vorstands ab. Hans Weigel, Sohn des ThGG-Gründers Theodor, verlässt die ThGG 1928 – zunächst einvernehmlich mit der ThGG-Führung. Er hatte das Unternehmen 28 Jahre lang geleitet. Weigel bleibt im Aufsichtsrat mehrerer ThGG-Tochtergesellschaften und – vor allem – im Vorstand der Tochter ENAG. Der Plan ist, dass Weigel die ENAG weiterhin im Sinne der ThGG führt. Doch genau das tut er nicht. Er sorgt sogar dafür, dass die ENAG 1930 einen Gasliefervertrag mit der neuen Landesgasversorgung Sachsen schließt, dem ärgsten Konkurrenten der ThGG. Weigel hat damit das Vertrauen der ThGG verspielt. Seine ehemaligen ThGG-Vorstandskollegen Carl Westphal, Otto Weber und Ernst Gieseking fordern ihn auf, alle ThGG-Aufsichtsratsmandate niederzulegen. Sie wollen sogar seine Pensionsansprüche anfechten – ein zermürbendes Verfahren dazu zieht sich bis 1937 hin. Ein tragisches Ende der Weigel-Ära. Aber auch Hans Weigels Vorstandskollegen sind „nicht ohne“.

ab 1928

Intrigen und Affären

Die ThGG verliert ihre Selbständigkeit

Es kriselt bei der ThGG. Nicht wirtschaftlich, denn die ThGG steht prächtig da. Es geht vielmehr ein Riss durch den Vorstand. Mit fatalen Folgen für das Unternehmen: Direktor Westphal hilft der Preussische Elektrizitäts AG, ein Drittel der ThGG-Aktien zu erwerben und erheblichen Einfluss auszuüben.

Scharmützel im Vorstand

Hans Weigel scheidet 1930 im Streit aus dem Vorstand aus. Nun geraten Carl Westphal und Vorstandskollege Dr. Ernst Gieseking, den Westphal selbst zur ThGG geholt hatte, aneinander. Westphal ist durch einige gewagte Entscheidungen in die Kritik geraten und lenkt das Kreuzfeuer auf Gieseking, indem er ihn einer Liebesaffäre mit einer Sekretärin bezichtigt. Gieseking schlägt zurück und beschuldigt Westphal strafbarer Handlungen bei Geschäftsabschlüssen. Ende 1930 eskaliert der Streit. Der Aufsichtsrat setzt eine Kommission ein, um die Vorwürfe zu klären. Was nicht zweifelsfrei gelingt. Um einen gröberen Image-Schaden für die ThGG abzuwenden,  soll Gieseking einen Posten bei der Preussen-Elektra übernehmen – er lehnt ab und scheidet 1932 verbittert aus der ThGG aus.

Die „Affäre“ Westphal

Gieseking ist aus dem Weg. Trotzdem kein Grund zur Beruhigung für Westphal. Sein Ansehen bei Vorstand und Aufsichtsrat ist lädiert. Hinter dem Rücken seiner Vorstandskollegen bereitet Westphal einen großen Coup vor: Er bietet dem Generaldirektor der Preussen-Elektra seine Hilfe bei der Übernahme der Mehrheit an der ThGG an! Sieht Westphal die ThGG aufgrund der Weltwirtschaftskrise in akuter Gefahr? Denkt er, unter dem Dach der Preussen-Elektra, die wiederum zum Staatsunternehmen VEBA AG gehört, sei die ThGG sicher? Oder geht es ihm nur darum, seinen Posten zu sichern? Wir wissen es nicht mit letzter Gewissheit. Es dürft von allem etwas gewesen sein.

Falsches Spiel

Jedenfalls tut er alles, um den Aktiendeal einzufädeln. Und bedingt sich von der Preussen-Elektra eine Vertragsverlängerung von zwei Jahren aus. Auch soll Provision für ihn und seine Vertrauten fließen. Dezember 1930,  außerordentliche Generalversammlung der ThGG: Jetzt ist es offiziell, Preussen-Elektra hat mehr als ein Drittel des gesamten ThGG-Aktienpakets aufgekauft. Der Aufsichtsrat der ThGG fühlt sich überrumpelt und drängt auf die Abberufung Westphals. Die neuen Vertreter im ThGG-Aufsichtsrat sprechen sich für Westphal aus. Er bleibt noch zwei Jahre als Generaldirektor im Amt, hat aber nicht mehr viel Freude daran. Nach und nach kommen seine zweifelhaften Geschäftspraktiken ans Licht. Bilanzfälschung, falsche Steuererklärungen, Übervorteilung kommunaler Geschäftspartner, so lauten die Vorwürfe – die sich allerdings nicht eindeutig beweisen lassen. Aber Westphal kann sich nicht länger halten und scheidet 1932 aus dem Vorstand aus. 1936 streicht der Aufsichtsrat ihm die komplette Pension. Westphal prozessiert bis zu seinem Tod erfolglos gegen die ThGG. Doch während sich die ThGG noch mit sich selbst beschäftigt, treibt Deutschland auf den Abgrund zu.

ab 1930

Machtergreifung Hitlers

Die ThGG gerät unter Druck

Während die ThGG um sich selbst kreist, dreht sich das Rad der Weltgeschichte in eine bedenkliche Richtung. Die Weltwirtschaftskrise hinterlässt ihre Spuren. In Deutschland erstarken die Nationalsozialisten, Hitler ergreift die Macht. Die ThGG gerät in das Visier örtlicher Vertreter der NSDAP.

Hetzpresse gegen die ThGG

Radikale Kräfte, die auf das Ende der Demokratie hinarbeiten, sehen in der ThGG einen Konzern, der eng mit Liberalen und Sozialdemokraten zusammenwirkt. Adolf Schmalix, ein völkisch-rechtsradikaler Agitator, ist federführend bei Angriffen in der Presse gegen die ThGG. Er sorgt durch eine wüste nationalistisch-antisemitische Hetze gegen angesehene Persönlichkeiten in Thüringen in seinem Wochenblatt „Echo Germania“ für Aufsehen.
Seine „Großdeutsche Freiheitsbewegung“ erringt bei den Kommunalwahlen in Erfurt im November 1929 zehn von 52 Mandaten und gibt damit ein Signal für den Aufstieg des Rechtsextremismus. Obwohl er schon 1924 kurzzeitig der NSDAP angehört hatte, erfolgt seine offizielle Aufnahme erst 1936.

Adolf Schmalix

In den politischen Wirren nach dem Ersten Weltkrieg ist Schmalix auf politischer Sinnsuche. Der ehemalige Matrose strebt Anfang der 1920er-Jahre eine Karriere in der SPD an. Dies scheitert gründlich. Er verdient sich als politischer Redner bei beliebigen Veranstaltern seinen Lohn.
Offensichtlich gibt Schmalix der „jüdischen“ Sozialdemokratie und der Weimarer Republik die Schuld für sein politisches Scheitern und orientiert sich um. Er strebt eine Aufnahme in der NSDAP an, doch eine Gerichtsverhandlung Ende 1923 kommt dazwischen. 1925 gründet er die Zeitung „Echo Germania“. Darin hetzt er gegen die städtische Prominenz, gegen Juden und ausgesuchte Demokraten. Seine rechtsradikale Splitterpartei „Großdeutscher Freiheitsbund“ sorgt 1929 für eine reichsweite Sensation, als sie zehn Sitze im Erfurter Stadtrat erlangt. Ohne es zu wissen, bereitet Schmalix mit seinem politischen Handeln den Erfolg der Nationalsozialisten in Erfurt vor.

Weltwirtschaftskrise

Gleichzeitig stürzt die Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933 Firmen, Städte und Kommunen in Existenznot. Wenige Jahre zuvor waren gemischtwirtschaftliche Unternehmen noch als Erfolgsmodell gefeiert worden. Angesichts der Krise kommt zu es schweren Belastungen der Beziehungen zwischen den Eignern der gemischten Unternehmen, zu denen auch die ThGG gehört. Es geht dabei um die Auslegung der Geschäftsbesorgungsverträge, die Gewinnaufteilung oder die Besetzung von Posten. An sich sind solche Streitigkeiten nicht ungewöhnlich. Vergleiche oder Gerichtsentscheide beenden sie zumeist. Einige Akteure hoffen jedoch, die ThGG ab 1933 mit Unterstützung der neuen Machthaber unter Druck setzen zu können.

Ende der Demokratie

Anfang 1933 leitet die Vereidigung Hitlers als Reichskanzler das Ende der parlamentarischen Demokratie in Deutschland ein. Viele „alte Kämpfer“ der NSDAP drängen in öffentliche Ämter und setzen die Privatwirtschaft unter Druck. Deren linker Flügel fordert eine „Verstaatlichung der Banken und Trusts“. Über Jahre angestauter Unmut über die vermeintliche Übervorteilung der Kommunen durch das „Großkapital“ entlädt sich in scharfen Presseangriffen und Zivilprozessen. Mehrere Kommunen wollen die Thüringer Gasgesellschaft ganz aus bestehenden Verträgen herausdrängen, andere fordern Nachbesserungen.

Aufstand der Kommunen

Örtliche Vertreter der NSDAP gebärden sich als Interessenvertreter des Mittelstandes und kommunaler Interessen. Sie fühlen sich auch durch das System der gemischtwirtschaftlichen Unternehmen in der Gasversorgung benachteiligt. Mehrfach kommt es auch zu heftigen Auseinandersetzungen über die Neubesetzung von Ämtern. Korruptionsvorwürfe führen zu einer Reihe von Prozessen. Der „Aufstand der Kommunen“ gegen die Thüringer Gasgesellschaft kulminiert im Oktober 1933 in Thüringen. Dort hatte die Schmalix-Presse seit Jahren gegen das Unternehmen Stimmung gemacht.

ab 1933

Unterm Hakenkreuz

Politische Willkür bei ThGG

Alles in allem übersteht die ThGG die Angriffe rechtsradikaler Kräfte relativ unbeschadet, auch dank ihres guten Drahtes zum Reichswirtschaftsministeriums (RWM). Ihr hilft der Hinweis auf die Bedeutung des Unternehmens. Schließlich versorgen die ThGG-Unternehmen mit ihren mehr als 5.000 Beschäftigten über 600 Kommunen mit Gas sowie rund 4.000 mit Strom. Der Vorstand der ThGG passt sich den neuen Machtverhältnissen an.

„Empfehlungen“ vom Reichswirtschaftsministerium

In der von Gewalt und Willkür geprägten Vorkriegszeit kommt es der ThGG zugute, dass sie sich de facto in den Händen von Preußen und Sachsen befindet. Allerdings schränkt dies auch ihre unternehmerische Entscheidungsfreiheit ein. So „empfiehlt“ das RWM dem Unternehmen im Dezember 1933, den Vorstand zu ergänzen. Im Weigerungsfall werde ein Reichskommissar bestellt. Im Zuge der „Westphal-Affäre“ hatten die Direktoren Dr. Ernst Gieseking und Carl Westphal unter großem Krach den Vorstand verlassen. Seit 1932 besteht er nur noch aus Direktor Otto Weber und Dr. Erich Allstädt. Gegen Letzteren laufen mehrere Wirtschaftsprozesse, sodass er schließlich im März 1935 von sich aus geht. Der sächsische Finanzminister Rudolf Kamps (NSDAP) wird 1934 Vorsitzender des Aufsichtsrats. Er drängt auf die Entlassung Otto Webers, da dieser als „ehemaliger demokratischer Stadtverordneter untragbar ist“. Im März 1935 muss auch Weber den Vorstand verlassen. Doch Kamps ist noch nicht zufrieden: Auf sein Drängen hin wird sein Parteigenosse Erich Schuth im Oktober 1934 neuer Vorsitzender des Vorstands. Im März 1935 delegiert der Rat der Stadt Dresden auch noch Direktor Ernst Ganssauge in den Vorstand der ThGG. Damit sichern sich Staat und NSDAP entscheidenden Einfluss.

V-Personen im Vorstand

Für die betriebswirtschaftlichen Fragen sind die neu in den Vorstand berufenen Dr. Hans Gillessen, Max Wilke und seit 1938 Dr. Friedrich Plenz verantwortlich. Keiner der drei gehört der NSDAP an, sie passen sich den Machtverhältnissen aber umstandslos an. Davon zeugt auch die Tatsache, dass das RWM Gillessen und Plenz als Vertrauenspersonen (V-Personen) bei der ThGG einsetzt. V-Personen sind für alle militärisch und sicherheitspolitisch relevanten Fragen verantwortlich, wie die Bevorratung im Kriegsfall. Sie müssen eine Verpflichtungserklärung unterschreiben, Verstöße dagegen gelten als Landesverrat. V-Person wird nur, wen RWM und Sächsische Staatskanzlei als absolut zuverlässig eingestuft haben – und nur mit Zustimmung der Gestapo, der Geheimen Staatspolizei. In jedem Gaswerk wird noch vor Kriegsbeginn eine V-Person eingesetzt, da die Gaswirtschaft insgesamt als rüstungswichtige Industrie gilt.

Arische Strukturen

1936 muss der Vorstand der ThGG einen vertraulichen Fragebogen über „arische oder nichtarische Strukturen“ von Firmen ausfüllen. Unter dem Punkt „Gleichschaltung“ wird vermerkt: „Eine Gleichschaltung im rassepolitischen Sine war nicht erforderlich, da weder dem Vorstand noch dem Aufsichtsrat Nichtarier angehörten.“ Trotzdem gibt es bei der ThGG Fälle von rassistischer Diskriminierung: So wird dem Vorstand 1935 die Information zugespielt, dass es sich bei einem ThGG-Juristen um einen „Nicht-Arier“ handelt. Obwohl dieser als „sehr tüchtig“ gilt, sorgen Vorstand und Aufsichtsrat nach der Denunziation für seine Kündigung. Im März 1935 kommt es auch zu politischer Diskriminierung, als die Kreisleitung der NSDAP in Leipzig der ThGG eine Liste mit Vorwürfen gegen einige Angestellte zusendet. Der Vorstand lässt die Anschuldigungen prüfen, weist sie zurück und ist damit auch erfolgreich – nur bei einem Steuerfachmann nicht, der einem von Sozialdemokraten dominierten Bündnis von Kriegsveteranen angehört. Ihn kann der ThGG-Vorstand nicht halten und er muss im Juli 1935 das Unternehmen verlassen.

ab 1939

Die Kriegsjahre

Die ThGG als Teil der Kriegswirtschaft

Eine völlige Vereinnahmung durch den NS-Staat kann die ThGG zwar abwenden. Den Kriegsvorbereitungen sowie der Kriegs- und Besatzungswirtschaft kann sie sich jedoch nicht entziehen. Die ThGG engagiert sich in den besetzten Ostgebieten. An der „Heimatfront“ kommen auch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter zum Einsatz.

Das Gesetz mit den zwei Gesichtern

Es tritt 1935 in Kraft und ist bis 1974 gültig: das Energiewirtschaftsgesetz – ein Gesetz mit einem Janusgesicht. Auf der einen Seite soll es „die Energieversorgung so sicher und billig wie möglich“ gestalten. Anderseits unterstreicht ein geheimer Erläuterungsbeschluss die kriegswirtschaftliche Bedeutung der Energiewirtschaft. Und es stellt eine Ermächtigungsgrundlage für den Staat dar, jederzeit auf die gesamte Energiewirtschaft zuzugreifen. Für die Gaswirtschaft sollen sich die weitreichenden Konsequenzen des neuen Gesetzes schon bald zeigen.

Flurbereinigung

Mehrere Gauleitungen wollen den ohnehin schon großen Einfluss des Staates auf die Energiewirtschaft noch weiter ausdehnen. So drängt die Gauleitung von Sachsen die ThGG darauf, ihre Beteiligung an der ENAG auf die staatliche Aktiengesellschaft Sächsische Werke (ASW) zu übertragen. Der Vorstand der ThGG wehrt sich erfolgreich. Allerdings muss sie die Gasversorgung Ostsachsen AG an die ASW verkaufen, da diese laut Vertrag vom Dezember 1920 ein Übernahmerecht besitzt. Es gibt weitere Bestrebungen in Sachen „Flurbereinigung“ zugunsten des Staates, diese kommen infolge des Krieges über Ansätze nicht hinaus.

Besatzungswirtschaft

In der Kriegszeit verfolgt die ThGG verschiedene Projekte zum Aufbau von Energiegesellschaften in den besetzten Gebieten – mit mäßigem Erfolg. So plant die ThGG die Gründung der Warthegau Energie Betriebs AG in Posen im besetzen Polen. Sie wird dann aber 1940 als reine Gaugesellschaft gegründet. 1939 gründet die ThGG mit dem Sudetengau die Ferngas Sudetengau AG, von der sie 22 Prozent der Anteile 1941 an die Reichswerke Hermann Göring AG abtreten muss. 1942 erwirbt die ThGG die Mehrheit an der KEW in Ungarn – die allerdings der Staatsaufsicht unterliegt, da die Mehrheit der ungarische Staat hält. Über  Verhandlungen über Beteiligungen an der Gasversorgung in Griechenland, Rumänien, Serbien, Kroatien und Bulgarien kommt die ThGG nicht hinaus. Die wirtschaftliche Notlage der Balkanländer und die Härten des deutschen Besatzungsregimes bleiben ihr nicht verborgen, sodass sie die Verhandlungen eher verschleppt als forciert. Nach Kriegsende wird der Besitz der Thüringer Gasgesellschaft in der Tschechoslowakischen Republik, in Polen und Ungarn entschädigungslos enteignet.

„Totaler Krieg“ und Zwangsarbeitereinsatz

Den immer spürbarer werdenden Mangel an Personal kompensiert das NS-Regime durch den verstärkten Einsatz von Kriegsgefangenen, Fremdarbeitern und Häftlingen. Über den Einsatz von ausländischen Arbeitskräften in der Gasindustrie finden sich nur wenige Quellen – deshalb sind dazu nur bruchstückhafte Aussagen möglich. Es ist davon auszugehen, dass auch die Energiewirtschaft Zwangsarbeiter beschäftigt, die besonders schwere körperliche Arbeiten verrichten müssen. Sie leiden unter Ausbeutung und Diskriminierung sowie unzureichender Ernährung und medizinischer Versorgung. Ihr Schicksal hängt auch davon ab, wie weit sich ihre deutschen Vorgesetzten an die rassistischen Vorgaben des Regimes halten. Meist setzt die Gasindustrie weit weniger ausländische Arbeitskräfte und Häftlinge als die Rüstungsindustrie ein. Dies ändert sich nach schweren Bombenangriffen, die Schäden an der Gasversorgung verursachen. Denn ohne Energie können die Rüstungsbetriebe nicht arbeiten. Sie stellen daher für Reparaturarbeiten an den Gasleitungen Zwangsarbeiter ab.

ab 1945

Nachkriegszeit

Ungewisse Zukunft in der SBZ

Zunächst besetzen am 18. April 1945 amerikanische Truppen Leipzig. Dann wird die Stadt Teil der sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Hier ist die Zukunft der ThGG ungewiss. Deshalb baut sie in Köln eine „Hauptleitung West“ auf. Bestrebungen über einen Neuanfang im Westen führen zu Spannungen mit der Hauptverwaltung in Leipzig.

Sowjets in Leipzig

Nach dem Besatzungswechsel Anfang Juli 1945 muss die ThGG zusehen, wie sich die sowjetische Militäradministration in der Hauptverwaltung der Thüringer Gasgesellschaft einquartiert. Doch der ThGG-Vorstand sorgt für ein Ausweichquartier in Leipzig. Rasch ist die Arbeitsfähigkeit der ThGG wiederhergestellt, trotz Kohle-Engpass und Mangel an Ersatzteilen. Zwar haben zahlreiche Gas- und Elektrizitätswerke Kriegsschäden erlitten und ihre Netze sind in einem kritischen Zustand, doch die Gaswirtschaft bleibt von Demontagen verschont.

Die Teilung Deutschlands in vier Besatzungszonen bereitet der ThGG Probleme: Ein Geschäftsverkehr zwischen den Zonen kommt nur mühsam zustande – und nur unter Zustimmung der Besatzungsmächte, die unterschiedliche politische und wirtschaftliche Vorstellungen haben.

Noch vor dem Abzug der Amerikaner aus Leipzig reagiert der ThGG-Vorstand auf die Zonenteilung, indem er eine „Hauptleitung West“ bei der Rhenag in Köln einrichtet. Als ehemaliger Vorsitzender des Aufsichtsrats der Rhenag leitet sie ThGG-Vorstand Dr. Hans Gillessen. Neuer Vorsitzender des Aufsichtsrats der Rhenag wird Ende 1945 Karl Wolter von der Preussische Elektrizitäts-AG. Wolter kennt die Verhältnisse in der Energiebranche am Niederrhein gut. Er hat nicht der NSDAP angehört und ist auch deshalb ein guter Kandidat.

„Hauptleitung West“

Gillessen kontaktiert im Juli 1945 Konrad Adenauer  damals Oberbürgermeister von Köln – und versichert ihm, alle Werke außerhalb der russisch besetzten Zone künftig von Köln aus zu leiten. Auch sollen die Aktien aller Konzerngesellschaften in Depots nach Köln überführt werden. Adenauer versichert, dass die Thüringer Gasgesellschaft „in jeder Weise auf die Unterstützung der Stadt Köln rechnen könne“.
Die „Hauptleitung West“ muss zunächst die Verbindungen zu den Werken und Beteiligungsgesellschaften in den Westzonen wiederherstellen und das Eigentum der Thüringer Gasgesellschaft sichern. Die britische Besatzungsmacht hat im Juli 1945 eine Vermögenssperre über alle Gesellschaften mit Hauptsitz in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) verhängt. Um dennoch geschäftsfähig zu bleiben, müssen sogenannte Abwesenheitspfleger eingesetzt werden. Dies übernimmt Gillessen für den Vorstand und Wolter für den Aufsichtsrat.
Ungeklärt ist auch die Zukunft der beiden Hauptaktionäre der ThGG: Die Preussische Elektrizitäts-AG gehört dem preußischen Staat, dessen Ende bevorsteht. Der Aktiengesellschaft Sächsische Werke (ASW) droht in der SBZ die völlige Zerschlagung.

Die Vorstellungen der Führungskräfte bei der ThGG klaffen weit auseinander. Einige Mitglieder des Aufsichtsrates – ganz vorne der Vorsitzende Dr. Friedrich Wöhrle (ASW) – wollen unter allen Umständen den Hauptsitz in Leipzig behalten. Andere sehen in der SBZ keine Zukunftschancen und wollen sich auf den Aufbau in den Westzonen konzentrieren. Bald kommt es zu Spannungen zwischen der Hauptverwaltung in Leipzig und der „Hauptleitung West“.

Leipzig, Köln oder München?

Vorstand und Aufsichtsrat in Leipzig sehen die Zonenteilung nur als Provisorium an. Sie lehnen eine separate Buchführung in den Westzonen strikt ab und wollen die Werke und Beteiligungsgesellschaften in den vier Besatzungszonen von Leipzig aus steuern – so wie die 80 Jahre zuvor. Als sich aber die Enteignung von Industrieunternehmen in der SBZ abzeichnet, gewinnen die Bestrebungen für einen Neuanfang in den Westzonen die Oberhand.

Dafür bieten sich die Tochtergesellschaften in Köln und München an. In München gibt es Pläne des neuen kommissarischen Vorstands der Aktiengesellschaft für Licht- und Kraftversorgung (LUK), das Unternehmen mit Hilfe des bayerischen Staates ganz aus der ThGG herauszulösen. Der Aufsichtsrat in Leipzig und die „Hauptleitung West“ wollen dies verhindern. Die Konflikte zwischen den Akteuren in Leipzig, München und Köln spitzen sich weiter zu. Gegebenenfalls müsse der Aufsichtsrat den kompletten Vorstand fristlos entlassen, appelliert Wolter an den Aufsichtsrat. Er setzt auf eine Stärkung der „Hauptleitung West“ in Köln.

ab 1950

Enteignung und Konsolidierung

Bayern wird neuer Schwerpunkt

Mit der Enteignung in der sowjetischen Besatzungszone verliert die ThGG mehr als die Hälfte ihres Sachvermögens. In den Jahren des Wirtschaftswunders kann sich das Unternehmen im Westen langsam wieder konsolidieren.

Die Verstaatlichung

Unter dem Schlagwort von der „Enteignung von Nazi- und Kriegsverbrechen“ unterstellt zunächst die sowjetische Militäradministration die Energiewirtschaft Sachsens der dortigen Landesregierung. Der juristische Einspruch der ThGG dagegen bleibt erfolglos. Noch bis Sommer 1948 hoffen Vorstand und Aufsichtsrat, dass die ThGG zumindest als Fachgesellschaft überleben kann. Doch auch dieser Plan scheitert. Am 1. Juli 1948 wird das gesamte in der SBZ gelegene Vermögen der ThGG enteignet und in die Vereinigung der volkseigenen Betriebe überführt. Damit endet im Osten Deutschlands die Existenz des Unternehmens.

Die Flucht

Max Wilke und seine Familie trifft der politische Umbruch besonders hart. Wilke ist seit 1922 bei der ThGG und seit 1946 Vorstand in Leipzig. Seine Frau hat panische Angst vor den Anfang Juli 1945 in Leipzig einmarschierenden Soldaten der Roten Armee und will sich und ihren Sohn umbringen. Der Selbstmordversuch scheitert knapp, bleibt aber ein Trauma für die Familie. Als liberal denkender Mensch versucht Wilke dennoch in Leipzig am Wiederaufbau mitzuwirken. Die Behörden beginnen ihm zu misstrauen. Er wird entlassen und verliert seine wirtschaftliche Existenz. Am 20. November 1948 löst er seine Wohnung in Leipzig auf und flüchtet mit seiner Familie in den Westen.

Wirtschaftswunderjahre

Für die ThGG stellt das Jahr 1948 eine Zeitenwende dar. Nach der vollständigen Enteignung in der SBZ verlegt das Unternehmen seinen Hauptsitz von Leipzig nach Köln. Im gleichen Jahr folgt die Währungsreform mit der Einführung der D-Mark. Die Regale füllen sich wieder und das allgemeine Produktionsvolumen wächst rasch. Allerdings gibt es damit auch keine Hoffnungen mehr auf eine Wiederherstellung der deutschen Einheit. Die Kriegs- und Teilungsverluste der ThGG sind enorm. Von den ursprünglich 195 Gas-, Elektrizitäts- und Wasserwerken besitzt sie nur noch 66. Erst 1954 kann sie diese Verluste durch Investitionen wieder annähernd ausgleichen. Dabei hilft eine ungewöhnlich gute Konjunktur, der sogenannte „Koreakrieg-Boom“. 1956 übersteigt der Gasabsatz erstmals den bisherigen Höchststand aus dem Jahr 1944.

Die LUK expandiert

In der Nachkriegszeit entwickelt sich die Aktiengesellschaft für Licht- und Kraftversorgung (LUK) aus München neben der Rhenag in Köln zur wichtigsten Beteiligung der ThGG. Mit dem Erwerb der Mehrheitsbeteiligung an der Fränkische Überlandwerk AG (FÜW), Nürnberg vervielfacht die LUK 1948 ihren Kundenkreis. Sie versorgt mehr als 1.000 Städte und Gemeinden in Bayern mit rund 834.000 Einwohnern und steigt damit zu einem großen Regionalversorger auf. Die erste Ferngasleitung Bayerns zwischen Kaufbeuren und Augsburg geht auch auf ihr Konto.

Auf nach Bayern

Die Margen beim Stromabsatz sind Mitte der 1950er-Jahre deutlich höher als beim Gasgeschäft. Deshalb sieht der Vorstand beim Strom die besseren Perspektiven für die ThGG, insbesondere in Bayern. Hier ist der Energiemarkt stärker zersplittert als anderswo und bietet deshalb größere Chancen. Doch die ThGG droht zwischen die Mühlsteine der großen Energieversorger zu geraten.

ab 1955

Aktienringtausch und Holding

100 Jahre ThGG

Das Schicksal der ThGG hängt Mitte der 1950er-Jahre an ihrer Beteiligung an der Rhenag in Köln – und dem Interesse der Branchenriesen RWE und Ruhrgas, ihre wechselseitigen Interessen neu zu ordnen. Durch einen Aktienringtausch wird die ThGG zum Mehrheitsaktionär der Münchner LUK.

Der Aktienringtausch

Bis Mitte 1957 ist die ThGG Mehrheitsaktionär der Rhenag, Branchenprimus RWE hält die restlichen Anteile. RWE stört sich schon lange an der Rhenag und möchte den lästigen Wettbewerber am liebsten schlucken. RWE beruft sich dabei auf einen Vertrag von 1939, der ihr ein Vorkaufsrecht auf Rhenag-Aktien einräumt. Doch dem steht ein Vertrag von 1953 entgegen, mit dem wiederum die ThGG der Ruhrgas AG  bis Ende 1959 ein Optionsrecht auf Rhenag-Aktien eingeräumt hat. Nach langem Tauziehen zwischen RWE und Ruhrgas sowie einer Intervention des Kartellamtes kommt es schließlich zu einem Aktienringtausch: Die ThGG tritt die Hälfte ihrer Rhenag-Aktien an RWE ab und erhält im Gegenzug 32 Prozent des Aktienkapitals der LUK München. Damit ist sie Mehrheitsaktionär der LUK. Die ThGG hat ihre wichtigsten strategischen Ziele erreicht: Sie sitzt als Minderheitsaktionär der Rhenag weiterhin am Tisch mit den größten westdeutschen Energiekonzernen und kann gleichzeitig an der Entwicklung der süddeutschen Energiemärkte mitwirken.

Erst Flüssiggas, dann Erdgas

Bis Ende der 1950er-Jahre erzielen die Beteiligungen Rhenag und LUK hohe Zuwächse beim Verkauf von Flüssiggas. Die relativ neue Energieform eignet sich besonders für die vielen bayerischen Regionen ohne Zugang zum Ferngasnetz. Flüssiggas bleibt zwar ein Nischengeschäft, kündigt aber einen Strukturwandel in der Gaswirtschaft an. Die Herstellung von Stadtgas aus Steinkohle nähert sich dem Ende. Bereits in den 1950er-Jahren stoßen auch in Deutschland Explorationstrupps auf Erdgasfelder, so auch nahe Ampfing. Nach dem Bau einer Pipeline ist es so weit: Die LUK nimmt am 5. Oktober 1959 in Waldkraiburg die erste Erdgasversorgung der Bundesrepublik in Betrieb. Doch der Durchbruch für das Erdgas bedeutet das noch nicht. Stattdessen ersetzt zunehmend importiertes Rohöl die rückläufige Kohleförderung. Die Öleinfuhren steigen innerhalb von nur zehn Jahren auf das Zehnfache. Die Ruhrgas AG, ursprünglich als Ferngasgesellschaft des Ruhrbergbaus gegründet, erkennt, dass die Kohleförderung auf mittlere Sicht nicht mehr ausreicht, den Gasbedarf zu decken. Sie wandelt sich zum Importeur von Erdgas und größten Betreiber eines Ferngasnetzes für Erdgas – mit weitreichenden Folgen für die gesamte Energiewirtschaft.

100 Jahre ThGG

Noch sitzt die ThGG in Köln. Sie hat sich inzwischen stark gewandelt. In einer Feierstunde am 10. November 1967 beschreibt Professor Dr. Fritz Burgbacher, Mitglied des Bundestags und langjähriges Mitglied des Aufsichtsrats der ThGG, mit Stolz die Entwicklung des Unternehmens zu einer Holdinggesellschaft, die ihre Beteiligungsunternehmen in vielen Belangen fachlich unterstützt. Gleichzeitig hat sich auch die Ertragsstruktur grundlegend geändert. Die Gasversorgung ist zwar nach wie vor mit 33 Prozent Anteil am Gesamterlös ein Schwerpunkt. Doch mit 57 Prozent liefert der Stromabsatz den größten Ergebnisbeitrag, 9 Prozent entfallen auf Wasser, 1 Prozent auf Flüssiggas. Inzwischen betreibt die ThGG auch nur noch zwei Gaswerke in Eigenregie, in Bad Kissingen und in Westerland auf Sylt.

ab 1960

Erdgasboom und Fusion

Die Erdgasumstellung

In den 1960er-Jahren steigt der Verbrauch von heimischem und importiertem Erdgas allmählich an. Noch aber sind die Mengen vergleichsweise gering. Den Durchbruch zum großen Erdgasgeschäft markiert das Jahr 1970. In diesem Jahr verkauft auch die ThGG erstmals mehr Erdgas als Stadtgas.

Drei große Lieferanten

Zunächst sind die Niederlande größter Lieferant, mit sprunghaften Zuwachsraten. Im Zuge der neuen Ostpolitik schließen Ruhrgas, Mannesmann und Deutsche Bank 1970 das berühmte „Erdgas-Röhrengeschäft“ mit der sowjetischen Staatshandelsfirma Sojuzneftexport ab: Es sieht vor, dass die Sowjetunion ab 1973 20 Jahre lang jährlich 3 Mrd. Kubikmeter Erdgas nach Westdeutschland liefern. Im Gegenzug liefern Mannesmann die Rohre für die Erdgaspipelines und die Deutsche Bank sichert die Finanzierung des Geschäfts mit einem Kredit über 1,3 Mrd. DM ab. Ab 1977 kommt Norwegen als weiterer bedeutender Erdgaslieferant hinzu.

Die Ölkrise

Vielen Energieexperten gilt Erdgas zunächst nur als Übergangslösung – bis zur Ölkrise 1973. In Reaktion auf den Jom-Kippur-Krieg zwischen Israel, Syrien und Ägypten drosselt die Organisation der Erdöl exportierenden Länder (OPEC) die Ölförderung. Mit diesem „Ölembargo“ ist die Zeit des billigen Öls zu Ende. Nach einem Jahr hat sich der Ölpreis verdreifacht. Unter dem Motto „Weg vom Öl“ sollen nach dem Willen der Politik künftig Kernenergie und Erdgas eine größere Rolle spielen. Innerhalb von nur 15 Jahren verzehnfacht sich der Gasabsatz. Bis Mitte der 1970er-Jahre stammt noch knapp ein Fünftel des Erdgases aus bayerischen Quellen. Danach stagniert die inländische Förderung, die Importe steigen rasant.

LUK expandiert

Die LUK, wichtigste Beteiligung der ThGG, forciert ihre Expansion auf dem Erdgassektor. Zunächst 1971 mit einer Beteiligung an der Fränkischen Gaslieferungsgesellschaft mbH, Bayreuth. 1974 folgen der Anteilskauf an der Erdgas Schwaben GmbH, Augsburg und 1976 an der Erdgas Südbayern GmbH. Bis Mitte der 1970er-Jahre haben alle ThGG-Gesellschaften die Umstellung von Stadtgas auf Erdgas abgeschlossen. Damit einher geht ein deutlicher Rückgang des Verkaufs von erdgastauglichen Gasherden, der Schwerpunkt verlagert sich hin zu Heizkesseln.

Fusion zur Thüga

Nach der Erdgasumstellung lebt die Diskussion über eine Fusion von LUK und ThGG wieder auf. Überlegungen dazu gab es bereits Ende der 1950er- und Anfang der 1970er-Jahre. Die Vorstände beider Unternehmen versprechen sich von einem Zusammenschluss Effizienzgewinne und eine größere Kapitalkraft. Am Ende des Jahrzehnts ist es dann so weit. Am 26. Juni 1979 stimmt die Hauptversammlung der ThGG einem Verschmelzungsvertrag zu. Er sieht ein Umtauschverhältnis der Aktien von 1 zu 1 vor. Damit endet die Kölner Zeit. Der Firmensitz des neuen Unternehmens ist München, der Firmenname wird in „Thüringer Gas Aktiengesellschaft“ geändert. Die Kurzbezeichnung „Thüga“ bürgert sich rasch im Geschäftsverkehr ein. Ab Januar 1986 ist „Thüga“ dann die offizielle Firmenbezeichnung.

Mit Beteiligungen an der Main Gaswerke AG, Frankfurt und der Hamburger Gaswerke GmbH festigt die Thüga ihre Position im Energiemarkt. Mehrheitsaktionär bleibt Preußen-Elektra.

ab 1989

Aufbauhilfe Ost

Herausforderung Deutsche Einheit

Im Jahr 1989 bahnt sich in Osteuropa eine Zeitenwende an. In allen Ostblockländern entwickeln sich Bürgerbewegungen, ermutigt durch Michail Gorbatschows Reformpolitik. In der DDR schafft es die Opposition, die Machthaber friedlich zur Aufgabe des Systems zu bringen. Am 9. November 1989 fällt die Mauer. Bundeskanzler Helmut Kohl nutzt die historisch einmalige Chance und bringt die Wiedervereinigung auf den Weg. Der Vorstand der Thüga reagiert rasch auf die epochalen Ereignisse.

Keine Stunde null

Der Vorstand der Thüga folgt der nüchternen Einschätzung: Der Vergangenheit nachlaufen nützt nichts, zukunftsorientiertes Handeln ist das Gebot der Stunde. Die Thüga muss nicht bei null anfangen. Die Kontakte in die DDR, insbesondere nach Leipzig, sind nie ganz abgerissen. Ein weiterer Startvorteil: Der Aufsichtsratsvorsitzende der Thüga und Vorstandschef der PreußenElektra, Dr. Herrmann Kramer, verhandelt bereits seit Sommer 1989 mit DDR-Vertretern über die Modernisierung einzelner Standorte zur Verbesserung des Umweltschutzes. Allerdings sind die westdeutschen Branchenriesen schon dabei, große Teile der DDR-Energiewirtschaft unter sich aufzuteilen. Deshalb konzentriert sich die Thüga auf die Zusammenarbeit mit Energiekombinaten in den Regionen, in denen sie schon im 19. Jahrhundert tätig war. Dazu gehören Chemnitz (damals noch Karl-Marx-Stadt), Leipzig und Halle/Saale. Wegen offener Rechtsfragen stocken zunächst die ersten Projekte.

Der „Stadtwerke-Streit“

Die geplante Übernahme der gesamten DDR-Stromwirtschaft durch die „großen Drei“ – Bayernwerke, RWE und Preußen-Elektra – im Rahmen eines Stromvertrags stößt auf Widerstand. Im Endeffekt übertragen die DDR-Regierung und die Treuhandanstalt den „Großen Drei“ im August 1990 die Geschäftsbesorgung für rund 75 Prozent der ostdeutschen Energiewirtschaft.

Jeweils 51 Prozent der Anteile an den regionalen Gasversorgern sollten an westdeutsche und internationale Gasunternehmen verkauft werden. 75 ostdeutsche Städte und Kommunen klagen dagegen vor dem Bundesverfassungsgericht. Sie verlangen die vollständige Herausgabe des Betriebsvermögens für die Stadtwerke. Der westdeutsche Verband kommunaler Unternehmen (VKU) und der Deutsche Städtetag unterstützen sie. Die Thüga wartet den Ausgang des Rechtsstreits nicht ab, sondern handelt. Andernfalls drohen große Teile des ostdeutschen Wärmemarktes an die Konkurrenz der Heizölanbieter verloren zu gehen. Deshalb gilt es, so zügig wie möglich, die Kommunen auf Erdgas umzustellen, auch um die umweltbelastende Braunkohle auf dem Wärmemarkt abzulösen. Der Anschluss des DDR-Verbundnetzes an das westdeutsche Ferngasnetz am 16. Januar 1991 schafft die Voraussetzungen dafür. Doch noch fehlen marktwirtschaftliche Unternehmensstrukturen. Thüga und viele ihrer Mitarbeiter helfen den ostdeutschen Stadtwerke-Kollegen auf dem Weg in die Marktwirtschaft.

ab 1990

Ostdeutsche Beteiligungen

Das „Thüga-Modell“ bewährt sich erneut

Trotz offener Rechtsfragen zur zukünftigen Gestaltung der ostdeutschen Energiewirtschaft arbeitet die Thüga ab Sommer 1990 ein Modell zur Kommunalisierung der südsächsischen Gasversorgung aus. Die Mehrheit an den zu gründenden regionalen Gasunternehmen sollen die Kommunen halten. Das „Südsachsenmodell“ der Thüga wird im April 1991 vom Sächsischen Städte- und Gemeindetag angenommen. Der darauf basierende Vertrag wird zur Blaupause für die weitere Privatisierung der regionalen Energiewirtschaft in Ostdeutschland.

Beteiligungen in Südsachsen und Sachsen-Anhalt

Erst nachdem geklärt ist, dass die Gasversorgungen der früheren Energiekombinate nicht unter die im August 1990 mit den westdeutschen Energiekonzernen geschlossenen Stromverträge fallen, beginnt die Aufspaltung der Südsachsen AG. Am 14. Mai kann die Thüga schließlich mit der Treuhandanstalt einen Vertrag zur Übernahme von 51 Prozent der Gasversorgung im Regierungsbezirk Chemnitz schließen. Es ist der erste Verkauf eines Bezirksgasversorgers in den neuen Bundesländern.

Die von der Thüga übernommene Gasversorgung in Sachsen wird in vier Unternehmen aufgeteilt – wobei die Erdgas Südsachsen GmbH mit rund 243.000 Kunden herausragt. Die anderen drei sind die Erdgas Zwickau GmbH, die Erdgas Plauen GmbH und die Freiberger Erdgas GmbH. Rechtlich steht den jeweils beteiligten Gemeinden nur ein Anteil von 49 Prozent daran zu. Ihrer Geschäftsphilosophie entsprechend bietet die Thüga den kommunalen Anteilseignern weitere 2 Prozent an, um ihnen die Mehrheit zu überlassen.

Im Süden des neu gebildeten Bundeslandes Sachsen-Anhalt beteiligt sich die Thüga an drei Unternehmen: der Erdgas Mittelsachsen GmbH (EMS) in Schönebeck, dem Gasstadtwerk Zerbst und der Stadtwerke Halberstadt GmbH. Zuvor hatte die Treuhand die Thüga und die Ferngas Salzgitter GmbH (FSG) mit der Geschäftsbesorgung in den südlichen Gebieten von Sachsen-Anhalt beauftragt. Nach intensiven Verhandlungen mit den Kommunen entschieden sich Schönebeck, Zerbst und Halberstadt für gemischtwirtschaftliche regionale Gesellschaften. Thüga und Ferngas Salzgitter beteiligten sich jeweils mit 24,5 Prozent der Anteile.

Die Erdgasumstellung

Die wichtigste Aufgabe ist die zügige Umstellung der oft maroden Stadtgasnetze in den neuen Bundesländern auf Erdgas.Teile des bruchanfälligen und undichten Rohrnetzes müssen ausgetauscht werden. Sünden der Vergangenheit, wie fehlerhafte Rohrnetzpläne, Zähler- und Hausanschlussdateien erschweren das Vorhaben. Bisher unterversorgte Gebiete wollen erschlossen werden. Und alles soll möglichst rasch passieren – eine außergewöhnliche Herausforderung. Die Bevölkerung erwartet, dass der Luftverschmutzung durch Braunkohlenstaub schnell ein Ende gesetzt wird. Die Gaswirtschaft selbst hat das Interesse, sich zügig den neuen Markt gegen die Konkurrenz des Heizöls zu sichern.

Im südsächsischen Meerane kann bereits am 1. Oktober 1993 die Umstellung auf Erdgas gefeiert werden. In ganz Ostdeutschland ist sie bis Juni 1995 abgeschlossen. Eine enorme Leistung der gesamten deutschen Gaswirtschaft: Innerhalb von nur viereinhalb Jahren fließen rund 10 Milliarden DM in das zukunftsträchtige Projekt. Die meisten Aufträge werden lokal vergeben. Das wirkt für den im Aufbau befindlichen Mittelstand in Ostdeutschland wie ein Konjunkturprogramm. Bis 1999 gelingt es den Thüga Partnern, 164 Orte neu an das Erdgasnetz anzuschließen.

ab 1998

Von Mainova, E.ON und Contigas

Marktöffnung mit Folgen

Anfang 1999 öffnet Deutschland den Energiemarkt sofort und vollständig – und geht damit über die Forderungen der EU hinaus. Damit endet das Gebietsmonopol der Energieversorger. Der Wettbewerb um die Kunden beginnt. Das prophezeite Stadtwerkesterben bleibt aus. Stattdessen schließen sich viele große und kleine Stadtwerke der Thüga-Gruppe an.

Den Anfang macht Mainova

Im Hinblick auf den kommenden Wettbewerb auf dem Energiemarkt fusionieren 1998 die Stadtwerke Frankfurt und die Main-Gaswerke AG zur Mainova AG. Da die Thüga 36,2 Prozent der Anteile an der Main-Gaswerke AG hält, wird sie mit 24 Prozent an dem neuen Unternehmen beteiligt. Mainova ist damals mit 2 Milliarden DM Umsatz viertgrößter regionaler Energieversorger in Deutschland. Mit der Beteiligung kann die Thüga ihre Position im Rhein-Main-Gebiet deutlich stärken. Das soll sich auszahlen.

Im März 2000 folgt die Gründung der N-Ergie AG, Nürnberg durch die Städtische Werke Nürnberg GmbH (StWN) und die Thüga. Die beiden Partner bringen ihre Mehrheitsanteile an der Fränkisches Überlandwerk AG (FÜW) und der Energie- und Wasserversorgung AG (EWAG), beide Nürnberg, in das nun in Mittelfranken führende regionale Energieunternehmen ein.

Die E.ON-Fusion

Die großen Stromkonzerne reagieren ebenfalls mit Fusionsstrategien auf die Herausforderungen der Energiemarktöffnung – VEBA und VIAG sowie RWE und VEW schließen sich zusammen – mit unmittelbaren Folgen auch für die Thüga. Im September 2000 entsteht aus den beiden Mischkonzernen Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks-Aktiengesellschaft (VEBA) und Vereinigte Industrie-Unternehmungen Aktiengesellschaft (VIAG) die E.ON AG, Düsseldorf. Es ist die bis dahin größte Fusion in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. VIAG bringt ihre Kapitalmehrheit an der Bayernwerk AG sowie einen Teil ihrer Industriebeteiligungen ein, VEBA unter anderem seine 100-prozentige Tochtergesellschaft Preussen-Elektra, die Mehrheitsaktionär der Thüga ist. Das Bayernwerk wiederum hält 98,5 Prozent der Anteile an der Contigas AG. Das ebenfalls in München ansässige Unternehmen hat eine ähnliche Unternehmensphilosophie und Struktur wie die Thüga. Da liegt es nahe, dass E.ON die beiden Tochterunternehmen fusionieren will.

Zusammenschluss mit Contigas

Im Jahr 2000 ist die Thüga an über hundert Unternehmen direkt oder indirekt beteiligt und erwirtschaftet einen Umsatz von rund 7,4 Milliarden Euro. Die Conti-Gruppe weist einen Umsatz von 2,3 Milliarden aus und hält Beteiligungen an rund 50 Stadtwerken in Deutschland und Oberitalien. Zum 1. Januar 2001 wird der Geschäftsbetrieb der Contigas auf die Thüga übertragen. Davon ausgenommen bleiben die Conti-Anteile an der EVO Energieversorgung Oberfranken AG und der OBAG Aktiengesellschaft. Nach der Fusion ist die Thüga-Gruppe mit 130 Beteiligungen das bundesweit größte Netzwerk lokaler und regionaler Energieversorger, an denen Kommunen die Mehrheit halten.

Historische Zäsur

Mit dem Ende der Contigas endet nach 146 Jahren die Geschichte der ersten deutschen Gasgesellschaft, die auf dem gesamten europäischen Kontinent agierte. Ebenso trennen sich nach 73 Jahren die Wege von Thüga und Rhenag. Seit 1928 strategischer Stützpunkt der Thüringer Gasgesellschaft in Westdeutschland, muss die Thüga infolge der E.ON-Fusion aufgrund einer Kartellamts-Auflage ihre Rhenag-Anteile an die RWE abgeben.

Der Ruhrgas-Coup

Die E.ON AG ist bereits bei ihrer Gründung durch ihre vielen Beteiligungen, insbesondere an der Thüga-Gruppe, ein führender Ortsgasverteiler in Deutschland mit einem Marktanteil von 4 Prozent. Beim Import von Erdgas und auf der Ferngasstufe sieht sie aber erheblichen Nachholbedarf. Ihr Blick fällt auf die Ruhrgas, damals Europas größte Ferngasgesellschaft. Ruhrgas gilt aber wegen der verflochtenen Eigentümerstruktur als uneinnehmbar. E.ON-Chef Ulrich Hartmann schreckt das nicht ab. Nach einem Jahr hat er alle Anteile beisammen, unter anderem von BP und Vodafone. Das Kartellamt meldet Bedenken an und untersagt die Übernahme der Ruhrgas-Anteile von BP. Mit einer Ministererlaubnis gelingt es E.ON schließlich Anfang Juli 2002 trotzdem, Ruhrgas zu übernehmen. Auch für die Thüga beginnt damit ein neues Kapitel ihrer Geschichte.

ab 2003

Das „Thüga-Modell“ stagniert

Unter dem Dach von E.ON-Ruhrgas

Im November 2003 wird ein neues Kapitel der Thüga-Geschichte aufgeschlagen: E.ON Energie überträgt ihre Aktien an dem Unternehmen auf die Ruhrgas Thüga Holding GmbH. Bis 2009 gehört die Thüga damit zur E.ON-Ruhrgas AG. Zuvor hatte E.ON bereits von der Bayerischen Landesbank die Thüga-Anteile übernommen.

Ende einer Ära

Es folgt ein weiterer Einschnitt: Der langjährige Vorstandsvorsitzende Dr. Dieter Nagel verlässt auf eigenen Wunsch das Unternehmen. Unter seiner Führung hat sich die Thüga seit den 70er-Jahren von einer kleinen Fachgesellschaft zu einem renditestarken Unternehmen und einer festen Größe im deutschen Energiemarkt entwickelt. Neuer Vorstandsvorsitzender wird Armin Geiß, seit 2001 Mitglied im Vorstand, zuvor Regierungsdirektor im Bayerischen Wirtschaftsministerium und bei der Bayernwerk AG tätig. Noch ein tiefer Einschnitt: Ende 2004 wird nach Auszahlung der letzten Kleinaktionäre und konzerninternen Übertragungen die Börsennotierung der Thüga-Aktie eingestellt.

Im Korsett des E.ON-Konzerns

Zwar akzeptiert E.ON-Ruhrgas das Geschäftsmodell der Thüga. Auch an der Unabhängigkeit ihrer Beratungsleistung und der guten Partnerschaft mit den Kommunen ändert sich nichts. Aber als nunmehr 100-prozentige Konzerntochter hat die Thüga kaum noch Möglichkeiten zu wachsen. Das Kartellamt limitiert die Beteiligung großer Stromkonzerne an Stadtwerken auf 20 Prozent. Die Investitionen der Thüga in neue Engagements gehen stark zurück und erreichen 2008 einen absoluten Tiefpunkt.

Engagement im Ausland

Im April 1999 erwirbt die Thüga erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg mit 49 Prozent an der CO.GASS.p.A. aus der Provinz Emilia-Romagna wieder eine  Beteiligung im Ausland. Weitere 13 direkte und indirekte Beteiligungen in Italien „erbt“ sie durch die Fusion mit der Contigas und fasst sie in der Thüga Italia GmbH zusammen. Es folgen kleinere Engagements in Kroatien und Polen. Diese stößt die Thüga Ende 2005 wieder ab, als der E.ON-Konzern seine Auslandsaktivitäten neu zu ordnen beginnt. Als der italienische Staat durch Verordnungen die Weitergabe gestiegener Bezugskosten einschränkt, beendet Thüga 2008 auch dort ihr Engagement. Damit endet nach rund neun Jahren der Versuch der Thüga, im Ausland Fuß zu fassen.

Thüga steht zur Disposition

Seit Mitte der 2000er-Jahre arbeitet die E.ON AG an einem Strategiewechsel für den gesamten Konzern. E.ON will sich europaweit aufstellen und in die damals lukrative Stromerzeugung investieren. Dafür braucht der Konzern frisches Kapital. Alle Beteiligungen kommen auf den Prüfstand. Auch steht E.ON in der Kritik der Wettbewerbskommission der EU wegen der oligopolistischen Struktur des deutschen Energiemarktes. Darin eingeschlossen: Die Wettbewerbshüter sehen das Engagement der 100-prozentigen E.ON-Tochter Thüga bei den Stadtwerken argwöhnisch. Daraufhin stellt E.ON die Thüga, ohnehin ein Fremdkörper im Konzern, zur Disposition. Der stellvertretende E.ON-Chef Theyssen deutet sogar an, „Thüga als Steinbruch zu benutzen“, sollte sich keine andere Lösung finden.

ab 2008

Verkauf an die Kommunen

Ein historischer Glücksfall für die Thüga

Erste Gespräche über einen Verkauf der Thüga beginnt die E.ON AG bereits Anfang August 2008. Nach Schätzung von Fachleuten müssen mindestens 2,7 Milliarden Euro für eine Übernahme der Thüga auf den Tisch gelegt werden. Wegen dieses gewaltigen Kapitalbedarfs wird auch über eine Beteiligung institutioneller Anleger und ausländischer Energieunternehmen spekuliert. Dass letztlich eine rein kommunale Lösung herauskommt, stellt sich als Glücksfall für die Thüga heraus.

Verkauf an die Kommunen

Erste Gespräche über einen Verkauf der Thüga beginnt die E.ON AG bereits Anfang August 2008. Nach Schätzung von Fachleuten müssen mindestens 2,7 Milliarden Euro für eine Übernahme der Thüga auf den Tisch gelegt werden. Wegen dieses gewaltigen Kapitalbedarfs wird auch über eine Beteiligung institutioneller Anleger und ausländischer Energieunternehmen spekuliert. Dass letztlich eine rein kommunale Lösung heraus kommt, stellt sich als Glücksfall für die Thüga heraus.

Die kommunalen Akteure

Erster Kaufinteressent ist ein Konsortium aus den acht größten Stadtwerken Deutschlands unter Führung der MVV Energie AG und der RheinEnergie AG aus Köln. Zu den sogenannten „8KU“ gehören auch die Thüga-Partner aus Hannover, Frankfurt und Nürnberg. Sie wollen sich als „fünfte Kraft“ und Gegengewicht zum Oligopol der „Großen Vier“ – E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW – auf dem deutschen Energiemarkt positionieren. MVV und RheinEnergie ziehen sich aber wegen der hohen Investitionssummen rasch aus dem Bieterkonsortium zurück.

Integra und KOM9

Eine neue Konstellation von Akteuren formiert sich. Die drei großen Thüga-Partner N-Ergie, Mainova und Stadtwerke Hannover bilden die „Integra-Gruppe“. Klar ist, dass auch sie ohne weitere Partner den Kauf nicht stemmen können. Prädestiniert dafür sind eine Reihe kleiner Stadtwerke, die seit vielen Jahren zum Thüga-Netzwerk gehören. Dr. Herbert Rüben, im Vorstand der Thüga für den Kontakt zu den Kommunen und die kommunalen Beteiligungen zuständig und Aufsichtsrat der Badenova, sowie Dr. Thorsten Radensleben, Vorstandsvorsitzender der Badenova, finden die Idee bestechend, dass sich eine Reihe weiterer Stadtwerke aus der Thüga-Gruppe am Kauf der Thüga beteiligen sollten. Ihre Überzeugungsarbeit hat Erfolg. Nach ersten Gesprächen erklären sich neun Stadtwerke dazu bereit, in den Erwerb ihres eigenen Aktionärs einzusteigen. Unter Führung der Badenova gründen sie das Erwerberkonsortium KOM9, dem sich bis zum Sommer 2009 weitere 37 Stadtwerke anschließen.

Die kommunale Lösung

Am 12. August 2009 übernehmen die drei Integra-Partner und die KOM9 die Thüga zum Bar-Kaufpreis von rund 2,9 Milliarden Euro von der E.ON AG. Erwerber ist die eigens dafür gegründete Thüga Holding GmbH & Co. KGaA. Sie gehört zu jeweils 20,53 Prozent den drei Integra-Konsorten N-Ergie, Nürnberg, Mainova, Frankfurt und Enercity, Hannover sowie zu 38,41 Prozent den 46 mittleren und kleinen Stadtwerken der KOM9 unter Führung der Badenova.

Komplett verkauft wird die Thüga allerdings nicht. Die Thüga-Anteile an der Gasag, Berlin, der Heag Südhessische Energie AG, den Stadtwerken Duisburg und Karlsruhe verkauft die E.ON Ruhrgas separat.

Am 1. Dezember 2009 genehmigt das Bundeskartellamt den Verkauf. Damit ist die Thüga zu 100 Prozent Eigentum kommunaler Unternehmen. Die Geschäftsführung der Thüga-Holding besorgt der Vorstandsvorsitzende der Thüga AG, Ewald Woste. Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth wird zur Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt.

Die neue Thüga

Der Start der neuen Thüga erfolgt in einem erdenklich schwierigen Umfeld. Die weltweite Finanzkrise ist noch nicht ausgestanden und die deutsche Energiewirtschaft befindet sich in einem fundamentalen Umbruch. Die Politik der „Energiewende“ mit gesetzlich geregeltem Atomausstieg, Förderung und Vorrang erneuerbarer Energien, der Einführung einer Ökosteuer auf Energieverbräuche und einer Unmenge neuer regulatorischer Vorgaben verlangt von den traditionellen Energieunternehmen neues Denken und neue Antworten. Als nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima im März 2011 der Bundestag den endgültigen Ausstieg aus der Atomenergie beschließt, wird offenbar, dass die „Großen Vier“ auf diese Entwicklung nur schlecht vorbereitet sind. Das Ausscheiden der Thüga aus dem E.ON-Konzern erweist sich unter diesen Umständen als Glücksfall. Von der Konzern-Fessel befreit, kann die Thüga wieder wachsen und die Stärken des „Thüga-Modells“ ausspielen.

ab 2010

Gemeinsam Zukunft gestalten

Die neue Thüga

Den Gesellschafterwechsel nutzt die Thüga, um kräftig zu wachsen. Die zunehmende Komplexität des Energiegeschäfts sorgt dafür, dass der Bedarf an Beratung und Kooperation beständig zunimmt – und damit auch die Attraktivität der Fach- und Beratungskompetenz der Thüga. Die wird in enger Abstimmung mit den Partnerunternehmen kontinuierlich ausgebaut und breiter gefächert. Die gemeinsam erarbeitete Vision heißt „Stadtwerk der Zukunft“.

Die Thüga-Familie wächst

Vom Start weg investiert die neue Thüga wieder im großen Stil in neue Beteiligungen. In den sieben Jahren bis 2017 fließen 500 Millionen Euro in den Ausbau des Beteiligungsportfolios. Zu den bedeutenden Neuzugängen zählen die Städtischen Werke Aktiengesellschaft Kassel, die Thüringer Energie AG sowie die Stadtwerke Jena-Pößneck AG. Durch Fusion mit langjährigen Thüga-Partnern stoßen die Technische Werke Kaiserslautern durch den Zusammenschluss mit der Gasanstalt Kaiserslautern zu den Stadtwerken Kaiserslautern oder auch die KEVAG durch das Zusammengehen mit der EVM Koblenz dazu. Bestehende Partner der Thüga-Gruppe stärken ebenfalls durch Fusionen untereinander ihre Wettbewerbsposition, wie zum Beispiel die Erdgas Südsachsen und die Stadtwerke Chemnitz, die sich zur EINS vereinigen.

Vier Herausforderungen begegnen

Die Thüga hat vier langfristig angelegte Transformationsprozesse ausgemacht, denen es sich zu stellen gilt: Liberalisierung und Fragmentierung des Marktes, Energiewende und Dekarbonisierung der Energieerzeugung, Digitalisierung und Vernetzung der Energiewelt sowie Dezentralisierung und Individualisierung. Für ihre Netzwerk-Partner entwickelt die neue Thüga Beratungsleistungen sowie Kooperationsplattformen und bietet wettbewerbsfähige Dienstleistungen. So wandelt sich die Thüga immer stärker zu einem umfassenden Kompetenzcenter mit inzwischen zahlreichen Plus-Gesellschaften wie der Thüga Erneuerbare Energien oder der Thüga SmartService. Der Fokus liegt dabei auf dem Aufbau neuer und profitabler Geschäftsmodelle, mit denen die Beteiligungen ihre Ertragskraft unter den neuen Bedingungen erhalten und steigern können.

Zusammenarbeit schafft Mehrwert

Gerade im Hinblick auf Jahrhundert-Herausforderungen wie die Digitalisierung, die Elektromobilität oder Smart City entfaltet das Thüga-Modell seine Stärken ganz neu. Denn die kann kein Unternehmen alleine stemmen. Thüga entwickelt Strategien und begleitet ihre Partner bei der Umsetzung, bündelt durch Best-Practice-Beispiele die Erfahrungen und organisiert so eine gemeinsame Lernkurve und eine gemeinsame Lösungswelt. Dazu gehört auch der Einstieg in innovative Dienstleister wie die smartlab Innovations GmbH Anfang 2017, mit der die Thüga ein Produktportfolio und Konzepte für Elektromobilität ihren Netzwerk-Unternehmen zugänglich macht.

Gezielte strategische Beteiligungen an Start-up-Unternehmen aus dem energiewirtschaftlichen Umfeld sind ebenfalls Teil der Innovationsstrategie der Thüga. Ein gutes Beispiel dafür ist das ebenfalls Anfang 2017 mit dem start-up eness GmbH entwickelte Produkt „solar daheim“ mit einem Paket aus Solaranlage und Stromspeicher. Es wird von den Partnerunternehmen erfolgreich genutzt, ebenso wie die mit dem „Energy App Award“ in der Kategorie „Customer benefit“ ausgezeichnete smart-home-App.

„big picture“ weist den Weg

„Gemeinsam Zukunft gestalten“ als Kern des Selbstverständnisses der neuen Thüga-Gruppe setzt ein gemeinsames Verständnis der sich abzeichnenden Entwicklungen voraus, ebenso Klarheit über das Ziel und die Handlungsoptionen. Dafür hat die Thüga in 2016 ein Strategiebild entwickelt und als „big picture“ visualisiert. Im Mittelpunkt steht die Kooperation in der Thüga-Gruppe. Die hat inzwischen 150 Jahre Tradition – und bleibt ein zentraler Erfolgsfaktor des modernisierten „Thüga-Modells“.

Die komplette Chronik der Thüga finden Sie hier als Download.

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