Wärmenetze sind für viele Energieversorger Neuland – und zugleich ein wachsendes Geschäftsfeld. Die „Planungsgrundsätze für Wärmenetze“ geben Orientierung und bringen Struktur in Planung und Umsetzung.

Planungsgrundsätze kennt man in der Thüga-Gruppe. Für Stromverteilnetze gibt es sie seit Jahren, regelmäßig fortgeschrieben mittlerweile in der Version 3.0. Nun ist das Pendant für die Wärme gefolgt: „Die neuen Planungsgrundsätze fungieren als Hilfestellung speziell auch für Unternehmen mit geringer Erfahrung insbesondere im Neubau von Wärmenetzen“, erläutert Projektleiterin Hannah Jordan aus der Thüga-Abteilung Technik. „Sie beschreiben die grundsätzlichen Vorgehensweisen sowie Aufgaben und bringen damit Struktur in ein komplexes Vorhaben.“ 

Einfach übertragen ließen sich die Strom-Planungsgrundsätze wegen der strukturellen Unterschiede nicht. Für die Erstellung zog Thüga gezielt Unternehmen mit einschlägiger Erfahrung im Aus- und Neubau von Wärmenetzen hinzu. Mit dabei: Mainova, inetz, BS|Netz, Stadtwerke Rostock, Stadtwerke Pforzheim sowie die EVI Energieversorgung Hildesheim. Rund ein Jahr arbeitete die Gruppe in regelmäßigen Meetings und thematischen Untergruppen zusammen.

Struktur für ein komplexes Vorhaben

Die Richtlinie gliedert sich in drei Phasen. Erst die Vorstudie: Lohnt es sich überhaupt, an Ort und Stelle ein Netz zu bauen? In wenigen Arbeitstagen soll eine belastbare Entscheidungsgrundlage stehen. Dann die eigentliche Netzplanung. Sie orientiert sich am klassischen Vorgehen eines Ingenieurbüros: Trassenvorplanung, Hindernisanalyse, Netzauslegung, Ausführungsplanung. Und schließlich die Hausanschlüsse. Qualitätssicherung sowie Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik laufen als Querschnittsthemen. Letztere spielen insbesondere bei dezentralen Erzeugungsstrukturen eine tragende Rolle.

Frisches Wissen aus erster Hand

So wie in Hildesheim. Dort betreibt die EVI ein heute rund 20 Kilometer langes Fernwärmenetz, von Grund auf ab dem Jahr 2011 neu errichtet. „Wir haben also noch nicht allzu lange zurückliegend eine steile Lernkurve hinter uns“, sagt Klaus Blome, Leiter der EVI-Fernwärmesparte. „Klar, dass wir die der Gruppe zur Verfügung stellen.“ Im Endeffekt durchlief der Versorger das, was später mit der kommunalen Wärmeplanung zum Standard wurde: „Schauen, wo ein Netz Sinn macht, wie man die Erzeugungsanlagen geschickt in die Stadt integrieren kann, welche Anschlussdichten und Wärmeabgabemengen realistisch sind.“ Bis 2035 will EVI die derzeitige Netzlänge auf etwa 60 Kilometer verdreifachen. Langfristiges Ziel ist ein Wärmenetz von rund 120 Kilometern. „Dabei profitieren auch wir von den Erfahrungen der anderen Projektteilnehmer“, sagt Blome. 

Weit in die Zukunft denken

Zum Beispiel von Erfahrungen aus Rostock. Dort betreiben die Stadtwerke ein großes Wärmenetz in der Innenstadt sowie einige kleinere im Umkreis. Auf die insgesamt etwa 500 Kilometer Fernwärmeleitung kommen rund 7.000 Anschlussobjekte. „Seit über 60 Jahren kontrollieren wir die Tiefbautätigkeiten und geben dabei konkret vor, wie die beauftragten Firmen zu arbeiten haben. Zudem kümmern wir uns selbst um Instandhaltung und Störungsmanagement“, berichtet Robert Schulz, Kompetenzfeldleiter Wärmenetze. „In dieser Zeit ist ein großer Erfahrungsschatz zusammengekommen, der den Namen auch verdient.“ 

Sein wichtigster Tipp an Versorger, die gerade erst ins Wärmegeschäft starten? „Die Sache wirklich sehr weit in die Zukunft denken.“ Versäumnisse beim Bau lassen sich später wirtschaftlich kaum noch korrigieren. Schulz rät, „Hydraulik und Rohrdimensionierung so auszulegen, dass späterer Ausbau noch möglich bleibt.“ Andererseits: „Niemand möchte Geld in einer zu umfangreichen Infrastruktur binden, die am Ende gar nicht gebraucht wird.“

Startpunkt statt Schlusspunkt

Die Planungsgrundsätze schärfen genau diesen Blick. In knapp 40 Einzelpunkten gliedern sie sich von Netz- und Erzeugungskonzepten über Trassenvorplanung und Sonderbauverfahren bis hin zu den Planungsprämissen bei den Hausanschlüssen.  

Das Grundprinzip des knapp 50-seitigen Leitfadens: so allgemein wie nötig, so detailliert wie möglich. „Was bei einem Versorger bestens funktioniert, kann beim Nachbarstadtwerk schon anders sein“, stellt Projektleiterin Jordan klar. „Aber: Kinderkrankheiten, die Versorger bereits durchlebt haben, müssen andere nicht noch mal mitmachen.“ Und wer externe Ingenieurbüros beauftragt, hat mit dem Leitfaden einen belastbaren Maßstab zur Hand, mit dem sich die Qualität in der Bearbeitung des Projekts fundiert bewerten lässt. 

Ein abgeschlossenes Dokument stellen die Planungsgrundsätze nicht dar. Die Partnerunternehmen sind ausdrücklich eingeladen, sie intern weiterzuentwickeln. Analog zu den Strom-Grundsätzen schreibt Thüga die Planungsgrundsätze für Wärmenetze nach Bedarf fort.