Steigende Rohstoffpreise, nervöse Märkte und Unsicherheit bei Lieferketten: Welche Folgen hat die aktuelle Lage im Nahen Osten für die Thüga-Gruppe? Zwei Experten ordnen die Situation ein.

 

Erlebt der Thüga-Einkauf aktuell wilde Zeiten?

Portrait Alexander Poruba
Alexander Poruba, Leiter Einkauf Netzmaterial bei Thüga

Alexander Poruba: Auf jeden Fall. Der Irankrieg stellt die Energie- und Transportmärkte vor große Herausforderungen. Die Thüga-Gruppe ist bislang Gott sei Dank nicht hart betroffen, aber auch wir spüren die Auswirkungen. So haben uns Kabelhersteller bereits Ende März über die Verwerfungen auf dem Markt informiert.

Was bedeutet das konkret?

Poruba: Dass beispielsweise Lieferketten gestört sind, Rohstoffe, Energie und Transporte teurer werden und sich die Lieferzeiten verlängern können.

Machen Ihnen diese Nachrichten Sorgen?

Poruba: Nein, bis dato sind wir, also insbesondere unsere Partnerunternehmen, gut versorgt. Wir sprechen nicht von einem Versorgungsrisiko, sondern vielmehr von einem Preisanstiegsrisiko. Lange Lieferzeiten sind uns bei verschiedenen Produktgruppen auch vor dem Krieg im Iran bekannt gewesen.

Was passiert, wenn die Straße von Hormus für lange Zeit gesperrt bleibt?

Portrait Stefan Häuserer
Stefan Häuserer, Leiter Technik bei Thüga

Stefan Häuserer: Wenn wir über eine mögliche Verknappung sprechen, müssen wir klar definieren, über was wir sprechen. Es sind nicht alle Betriebsmittel, die bei den Partnerunternehmen der Thüga-Gruppe benötigt werden, betroffen. Verknappungen und Verwerfungen gibt es bei Materialien, die mit Öl zusammenhängen. Das sind bei uns beispielsweise Kunststoffe. Kabel werden zu großen Teilen aus Kunststoff und Metall hergestellt. Aber auch hier sehen wir die Lage relativ gelassen, denn es ist ja nicht die erste Krise, die wir meistern müssen.

Meinen Sie die Auswirkungen durch den Krieg in der Ukraine?

Häuserer: Unter anderem. Die Krisen sind weltweit und betreffen den Einkauf immer. Beim Angriff von Russland auf die Ukraine gab es auf dem Weltmarkt durch Sanktionen plötzlich kein russisches Metall mehr zu kaufen. Oder es stand ein Tanker im Suezkanal quer, der die weltweiten Lieferketten unterbrochen hat. Früher führte eine ausgefallene Polyethylen-Wiederaufbereitungsanlage in Rotterdam für einen Engpass in Europa. Durch all diese Krisen sind wir als Thüga gut durchgekommen, auch weil wir uns vorsorglich und ausreichend flexibel gezeigt und entsprechend gehandelt haben.

Was bedeutet konkret Flexibilität beim Thüga-Einkauf?

Häuserer: Normalerweise sind Stadtwerke nicht für ihre Flexibilität bekannt, sondern für langfristige Verträge, auf deren Einhaltung sie pochen. Steht im Vertrag eine Lieferzeit von drei Monaten, gehen sie fest davon aus, dass die Kabel in drei Monaten geliefert sind. Das funktioniert in den aktuellen Zeiten, wie man sieht, nicht mehr. Es würde auch keinen Sinn machen, auf die Lieferanten zu schimpfen oder ihnen zu kündigen. Sie sind ebenfalls von den weltpolitischen Verwerfungen betroffen. Deshalb sind wir von den Abteilungen Einkauf und Technik uns einig, dass wir Verständnis für die Lage der Lieferanten aufbringen und eine Möglichkeit für beide Seiten finden, mit der Krise geordnet umzugehen.

Wodurch ist so ein Verständnis gekennzeichnet?

Häuserer: Wir müssen langfristig denken, planen und handeln. Durch die Energiewende und die Transformation unserer Branche brauchen wir künftig viel mehr Material als früher. Wir benötigen also einen großen Lieferantenpool, um all die Bedarfe der Partnerunternehmen zu decken, die diese für ihre mannigfaltigen Projekte benötigen. Also können wir nicht riskieren, Lieferanten, etwa durch eine Insolvenz, zu verlieren. Wir haben eine Sorgfaltspflicht ihnen gegenüber.

Was machen Sie konkret?

Poruba: Wenn Lieferanten auf uns zukommen und die vereinbarten Preise nicht halten können, dann versuchen wir, diese Mehrpreisforderung zu verifizieren und uns partnerschaftlich zu einigen. Heißt: die gestiegenen Kosten auf beide Schultern gleichmäßig zu verteilen. Das bedeutet konkret, dass wir mit temporär angepassten Preisen diese Krisen bewältigen.

Gibt es Klauseln in den Verträgen, die so eine Veränderung ermöglichen?

Häuserer: Normalerweise schließen wir langfristige Verträge mit klaren Konditionen ab, um sowohl unseren Partnerunternehmen als auch den Lieferanten Sicherheit zu geben. An der Langfristigkeit hängt die Preisbindung. Aber es gibt auch Preisgleitklauseln, die es erlauben, dass man auf normale Marktveränderungen reagiert. Aktuell haben wir keine normale Marktveränderung. Im Moment greift die sogenannte Sprechklausel. Sie wird angewendet, wenn es zu Verwerfungen kommt, die weder vorhersehbar noch kalkulierbar waren. Deshalb machen wir die Tür auf, damit unsere Lieferanten weiter produzieren können und die Partnerunternehmen beliefert werden. Insgesamt haben wir auch kein Verfügbarkeitsproblem, sondern nur eine zeitlich begrenzte Preiserhöhung.

Sind Partnerunternehmen auf den Thüga-Einkauf zugekommen?

Poruba: Es haben sich einige gemeldet, die wegen der Krise beunruhigt waren und hören wollten, wie die Lage beim Thüga-Einkauf ist und ob ausreichend Kapazitäten vorhanden sind. Um ein Bild zu bedienen: Der Fuchs war einfach im Hühnerstall und hat für entsprechende Unruhe gesorgt. Aber wir vom Einkauf und von der Technik konnten die Kollegen beruhigen. Wie Herr Häuserer bereits sagte: Es ist nicht unsere erste Krise, die wir meistern müssen, und wir sind sicher, dass wir auch diese bewältigen werden.

Sind Sie ebenfalls zuversichtlich?

Häuserer: Ganz klar: Wir haben kein Kapazitätsproblem, sondern einen veränderten Druck auf der Lieferantenseite, der jetzt an die Kunden, also an uns, weitergegeben wird. Jetzt liegt es an uns und unserer Flexibilität, mit der Herausforderung umzugehen.

Aber jeder Euro, den die Thüga und Partnerunternehmen zusätzlich ausgeben, fehlt doch an anderer Stelle?

Häuserer: Worüber sprechen wir? Über Kabel beispielsweise. Deren Preisanpassung beträgt 15 bis 30 Prozent. Bei Gas- und Kunststoffrohren in etwa das Gleiche. Wenn wir in die Thüga-Gruppe schauen, beträgt die Kabelpreisanpassung über das gesamte Jahr gesehen vielleicht drei bis vier Millionen Euro. Vergleicht man diese Zahl mit den gesamten Investitionsvolumina, sind die aktuellen Mehrkosten unterm Strich Peanuts.