Zwei Führungspersönlichkeiten aus der Energiewirtschaft und ein Leadership Coach berichten über ihr Verständnis von Führung. Zu Wort kommen: Hans-Martin Hellebrand, Dirk Weimann und Sven Enger.

Hans-Martin Hellebrand

Vorstand der Badenova seit 2021, seit 15 Jahren in Führungspositionen

Poträtfoto Hans-Martin Hellebrand
Hans-Martin Hellebrand; Abb. Badenova

Ich habe in meinem Berufsleben viele unterschiedliche Perspektiven kennengelernt, vom RWE-Konzern über das Silicon Valley bis hin zur Eprimo und heute Badenova. Meine Erkenntnis: Führung hat sich in den letzten 20 Jahren durch die zunehmende Dynamisierung der Welt fundamental verändert. Sie ist keine hierarchische Position mehr, sondern eine aktive Funktion. Ich bin nicht Führung – ich übernehme Führung. Und zwar auf drei Ebenen: Ich führe mich, mein Team und die Organisation, indem Ziele definiert und Energie optimal auf die Zielerreichung ausgerichtet werden.

Mein Führungsverständnis ist darum dezentral und unterstützend. Wenn kluge Menschen ein gemeinsames Ziel teilen, formulieren sie selbst, was sie für den Erfolg benötigen. Meine Aufgabe ist es, den passenden Rahmen zu schaffen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Ziele entstehen dialogisch, nicht top down. Ich kann eine Vision haben, aber sie muss geteilt werden, damit sie tragfähig ist. Deshalb ist es entscheidend, dass Teams ihre Ziele aktiv mitdefinieren. Auch sollen Entscheidungen dort getroffen werden, wo die größte fachliche Kompetenz liegt – häufig im crossfunktionalen Team.

Ich trenne konsequent zwischen Rolle und Mensch. In sachlichen Fragen setze ich den Hut des Vorstands auf, übernehme die mit der Rolle verbundene Verantwortung und treffe Entscheidungen. Abseits dieser Rolle lege ich den Hut ab und bin Hans-Martin. Moderne Führung heißt auch, das eigene Wirken reflektieren zu lassen, unterschiedliche Perspektiven zu integrieren und dennoch den richtigen Moment für klare Entscheidungen zu erkennen. Und vor allem bedeutet sie zuzuhören – nicht um zu antworten, sondern um zu verstehen. Das erzeugt Energie, Identifikation und Klarheit.  Perfektion ist kein Maßstab. Führung bedeutet, jeden Tag dazuzulernen, und ist somit ein fortwährender Entwicklungsprozess. Wichtig ist, Verantwortung zu übernehmen, mutig zu bleiben und gemeinsam Energie konsequent auf ein Ziel auszurichten.


Dirk Weimann

Kaufmännischer Geschäftsführer der energie schwaben seit 2019, seit 23 Jahren in Führungspositionen

Portraitfoto Dirk Weimann
Dirk Weimann; Abb. energie schwaben

Für mich ist Führung geprägt von einem einfachen Prinzip: Menschen so zu behandeln, wie ich selbst behandelt werden möchte. Die Welt hat sich stark verändert. Weg von Hierarchie, hin zu einem kooperativen Führungsstil, der Selbstentfaltung und kritisches Mitdenken ermöglicht – auch wenn es in Stresssituationen manchmal eine klare Ansage braucht. Der unschätzbare Vorteil ist bei der energie schwaben, dass mein Kollege Markus Last und ich gleich “ticken“.

Als ich nach Augsburg kam, war Führung noch stark top-down. Man holte sich Entscheidungen “oben“ ab. Wir haben den Spieß umgedreht und gefragt: “Was würden Sie denn machen?“ Damit haben wir Verantwortung dorthin zurückgegeben, wo sie hingehört. Manche waren sofort dabei, andere mussten sich erst trauen. Entscheidend war Offenheit. Dadurch entsteht echte Augenhöhe – und der Mut, Verantwortung zu über-nehmen. Niemand wird als perfekte Führungskraft geboren. Geprägt haben mich meine Beratungserfahrung und der Leistungssport: klare Ziele, Verantwortung, Dranbleiben. Beides hat mir gezeigt, was partnerschaftliche Führung bewirken kann. Bei energie schwaben war das essenziell, um Corona, politische Umbrüche und die Energiekrise nicht nur zu bewältigen, sondern gemeinsam den Transformationsweg einzuschlagen.

Wichtig sind für mich Empathie, Verbindlichkeit und Kritikfähigkeit und dass der gleiche Maßstab für alle gilt, auch für mich. In meinem Verständnis ist eine moderne Führungskraft ein Dirigent eines Orchesters. Man muss nicht jedes Instrument perfekt spielen, aber dafür sorgen, dass das Orchester gut bis sehr gut klingt. Und wenn Sie mich nach meinem Traumjob fragen: kaufmännischer Geschäftsführer der energie schwaben – genau das mache ich.


Sven Enger

Inhaber der Führungsberatung kukum und Leadership Coach

Portraitfoto Sven Enger
Sven Enger; Abb. kukum / privat

Führung beginnt bei der Fähigkeit, sich selbst wahrzunehmen, bevor man handelt. Es geht oft weniger um schnelle Reaktion, sondern darum, zu erkennen, was im Raum ist: Erwartungen, Muster, Spannungen. Führung entsteht dort, wo jemand diese innere Bewegung bemerkt und bewusst entscheidet – nicht aus Reflex, sondern aus Klarheit. Diese innere Klarheit bildet die Grundlage dafür, Verantwortung wirklich zu übernehmen.

Wirksame Führung zeigt sich im Alltag in Gesprächen, Entscheidungen und Konflikten. Gute Führungskräfte halten diese Situationen aus, ohne sie vorschnell aufzulösen, und übernehmen Verantwortung für Entscheidungen und deren Wirkung. In der kommunalen Energiewirtschaft wird das besonders deutlich, weil Führung eng mit Veränderung verbunden ist. Hier heißt Führung, Wandel zu begleiten.

Mir ist wichtig, dass Führung nicht an der Oberfläche hängen bleibt. Verhalten ist sichtbar, aber es ist immer Ausdruck von etwas Tieferem. Haltung, innere Klarheit und der bewusste Umgang mit Verantwortung entscheiden darüber, ob Führung trägt. Wenn Organisationen bereit sind, Führung wachsen zu lassen, entsteht etwas Dauerhaftes. Gerade in einer Branche, die Stabilität und Wandel gleichzeitig aushalten muss.


Den gesamten Thüga-Jahresbericht 2025 sowie die Finanzberichte zum Downloaden finden Sie hier.