Transformation, steigende Komplexität und wachsender Verantwortungsdruck verändern den Führungsalltag in der Energiewirtschaft grundlegend. Drei Führungspersönlichkeiten aus der Praxis berichten, worauf es heute ankommt.

Christoph Raquet

Geschäftsführer der Thüga Energie seit 2026, seit 13 Jahren in Führungspositionen

Porträtfoto Christoph Raquet
Christoph Raquet; Abb. Thüga Energienetze

Insgesamt sehe ich einen starken Wandel in der Energieversorgerwelt: Sie ist kundenzentriert, offen und bereit für Veränderung. Wir arbeiten in einer der spannendsten Branchen – wir gestalten Zukunft. Ich bin davon überzeugt, dass wir auch weiterhin Nachwuchs finden, der führen will. Denn wir bieten nicht nur ein fachliches Spektrum, sondern vor allem eine Kultur, die überzeugt.

Für mich ist eine menschenzentrierte Unternehmenskultur ein echter Wettbewerbsvorteil. Viele Studien zeigen, dass Unternehmen mit so einer Kultur agiler sind, schneller auf Gesetzesänderungen oder Krisen reagieren und damit langfristig erfolgreicher sind. Das bedeutet für mich nicht, eine Wohlfühloase zu schaffen. Es geht darum, Gewinnerteams zu bilden. Teams, die Verantwortung übernehmen, die erfolgreich sein wollen und die bereit sind, die eigene Komfortzone zu verlassen. Die Herausforderung dabei: Verantwortung zu delegieren ist leicht – auszuhalten, wenn Menschen eigene Wege gehen, ist der schwierigere Teil. Mein Schlüssel ist Authentizität. Das, was ich sage, muss zu meiner Haltung passen. Keine Rolle spielen, nichts beschönigen. Dazu gehört auch radikale Ehrlichkeit: Klarheit über Erwartungen, über Ziele und Werte, ohne jede Lösung vorzugeben.

Meine Tür steht immer offen. Ich wünsche mir, dass die Menschen im Unternehmen mit Irritationen, neuen Ideen oder Unsicherheiten direkt zu mir kommen. Dass das mittlerweile passiert, macht mich stolz. Offenheit und Transparenz dürfen nicht nur unter Kolleginnen und Kollegen gelten, sie müssen bis zum Geschäftsführer reichen. So können – als kleines Beispiel – Mitarbeitende auch meinen Kalender einsehen.


Sandra Wimmer

Kaufmännische Vorständin bei der REWAG seit 2023, seit 16 Jahren in Führungspositionen

Portraitfoto Sandra Wimmer
Sandra Wimmer; Abb. REWAG / Patrick Reinig

In der Energiewirtschaft sind wir ein bisschen ein Zwitter. Einerseits ist unser Kerngeschäft sehr stabilitätsgetrieben. Netze liegen 100 Jahre in der Erde, Energieversorgung muss sicher sein. Andererseits stehen wir im Wettbewerb mit Start-ups oder Plattformen, die eine völlig andere Geschwindigkeit vorgeben. Diesen Spagat müssen wir aushalten: Stabilität geben und gleichzeitig Dynamik erzeugen. Das prägt auch die Führung. Das bedeutet, dass Fachexpertise und Führungskompetenz je nach Ebene unterschiedlich gewichtet sein müssen. Für eine Teamleitung braucht es mehr Fachlichkeit als für die Leitung eines Bereichs mit 70 Mitarbeitenden. Ich selbst verantworte auch die IT, ohne ITlerin zu sein – weil ich weiß, wohin ich mit dem Bereich will. Und beim operativen Geschäft vertraue ich auf die Führungskräfte und die Mitarbeitenden.

Führung braucht Frustrationstoleranz. “Auch wenn es mir selbst schon zu den Ohren rauskommt, dann habe ich es wahrscheinlich trotzdem noch nicht oft genug gesagt“ – dieser Satz begleitet mich seit meiner Zeit bei der Thüga. Ich habe oft einen gedanklichen Vorsprung, weil ich mich mit dem nächsten Projekt oder notwendigen Veränderungen schon länger beschäftige. Andere brauchen daher Zeit, um aufzuholen. Nicht alle können oder wollen sofort das, was ich erwarte – auch wenn sie es als sinnvoll erachten –, und manchmal stehen Strukturen im Weg. Dann helfen nur Optimismus und Geduld. Führung verlangt Arbeit an sich selbst – zuhören, also auch mal die Klappe halten und Feedback geben. Das macht mir Freude, besonders wenn ich sehe, dass wir gemeinsam etwas bewegen und Menschen den Schritt in die neue Welt mitgehen.


Andrea Loeffl

Geschäftsführerin der Energienetze Bayern seit 2024, seit 9 Jahren in Führungspositionen

Portraitfoto Andrea Loeffl
Andrea Loeffl; Abb. Energienetze Bayern

Ich war schon immer jemand, die Verantwortung übernimmt und sagt, wo’s langgeht, ohne dass ich bewusst Karrierepläne verfolgt hätte. Dabei habe ich gelernt: Gute Führung kostet Zeit, und genau diese Zeit lohnt sich. Im Mittelpunkt stehen die Menschen. Fachlichkeit ist wichtig, ersetzt aber keine Führungsbereitschaft. Wer sich nicht für Menschen interessiert, wird in einer Führungsrolle weder selbst zufrieden sein noch andere zufrieden machen.

Als Führungskraft stehe ich zwar im Fokus, bin aber nicht die wichtigste Person im Raum. Ich brauche starke Fachleute an meiner Seite – und darf keine Angst haben, sie groß werden zu lassen. Offenheit ist zentral: Jede Meinung hat Platz, aber sie gehört auf den Tisch. Politik, Taktik, oder bewusst Informationen zurückhalten, das ist nicht mein Stil. Man kann mit mir über alles sprechen, gleichzeitig erwarte ich, dass Entscheidungen respektiert werden.

In der Energiewirtschaft, besonders in der Stadtwerkewelt, wird Führung oft hierarchischer gelebt, als ich es aus meiner Zeit bei der Thüga kenne. Zu hören, “Sagen Sie einfach, wie Sie’s haben wollen“, hat mich irritiert, weil ich es gewohnt war, Teams stärker einzubeziehen. Mittlerweile kenne ich die Kultur besser und merke, dass sich viele für mehr Beteiligung gewinnen lassen. Es stimmt mich nachdenklich, dass immer weniger Menschen eine Führungsrolle übernehmen möchten. Dabei macht Führung großen Spaß! Man kann gestalten, bewegen und gemeinsam Erfolge erreichen. Wenn Aufgaben gut verteilt sind und man den Mut hat, gute Lösungen statt perfekte zu akzeptieren, ist Führung nicht zwangsläufig ein Zeitfresser. Ich möchte mehr Menschen ermutigen, es sich zuzutrauen.


Den gesamten Thüga-Jahresbericht 2025 sowie die Finanzberichte zum Downloaden finden Sie hier.