Der Pharmahersteller Takeda baut seinen Standort Singen zum globalen Impfstoffzentrum aus – und treibt zugleich die Dekarbonisierung der Produktion voran. Standortleiter Anton Gerdenitsch erklärt, wie Transformation im Zusammenspiel von Technologie, Wirtschaftlichkeit und Kooperation gelingt.

Herr Gerdenitsch, wenn Sie auf die vergangenen zwei bis drei Jahre am Standort Singen blicken: Was hat sich am stärksten verändert?

Anton Gerdenitsch, Takeda Produktionsleiter, Standort Singen; Abb. Takeda / Tobias Hase
Anton Gerdenitsch leitet den Produktionsstandort Singen und gestaltet gemeinsam mit seinem Team dessen Weg zur Dekarbonisierung. Abb. Takeda / Martin Buschmann

Der Takeda Standort in Singen hat sich in dieser Zeit stark weiterentwickelt. Lag der Schwerpunkt früher in der Herstellung von gefriergetrocknetem Pulver, sterilen Lösungen und halbfesten Darreichungsformen liegt er heute in der Impfstoffproduktion. Seit 2022 haben wir die Marktzulassung für einen Impfstoff. Damit verbunden war ein intensives Investitionsprogramm. In den vergangenen Jahren wurde massiv modernisiert, automatisiert und digitalisiert. Gleichzeitig haben wir bei der Dekarbonisierung große Fortschritte gemacht. Takeda verfolgt seit Jahren klare Nachhaltigkeitsziele, und in Singen wollen wir bis 2030 Netto-Null Treibhausgase erreichen. Ein wichtiger Meilenstein ist unser Biomasseheizwerk, das seit April vergangenen Jahres in Betrieb ist und rund 80 Prozent unseres CO2-Ausstoßes am Standort reduziert.

Warum fiel die Entscheidung für die Impfstoffproduktion gerade auf Singen?

Singen hat innerhalb des Takeda-Netzwerks über viele Jahre spezifisches technologisches Know-how aufgebaut. Genau dieses Profil passte hervorragend zu den besonderen Anforderungen der Impfstoffproduktion. Deshalb konnte sich der Standort im internen Wettbewerb durchsetzen. Ausschlaggebend waren die Expertise unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die vorhandenen Technologien sowie die Fähigkeit, ein solches Projekt schnell und verlässlich umzusetzen. Der Standort Deutschland steht weiterhin für hohe Kompetenz, Qualität und industrielle Umsetzungsstärke – Eigenschaften, die für die erfolgreiche Etablierung eines globalen Impfstoffzentrums entscheidend sind.

Takeda verfolgt ein anspruchsvolles Dekarbonisierungsziel. Warum war das Biomasseheizwerk in Singen der richtige Hebel?

Wir haben sehr genau geprüft, welche Technologien für unseren Standort geeignet sind. Dabei ging es nicht nur um CO2-Reduktion, sondern genauso um Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und eine stabile, CO2-arme Energieversorgung. Biomasse war für uns der richtige Weg, weil es sich um eine bewährte Technologie handelt und es ein Modell für die industrielle Wärmewende darstellt. In einer hochsensiblen Impfstoffproduktion ist Versorgungssicherheit absolut zentral. Wir können uns keine Ausfälle leisten, weil diese unmittelbare Auswirkungen auf unsere Produktionsprozesse hätten. Hinzu kommt, dass wir Altholz aus nachhaltigen Quellen der Region nutzen. Damit leisten wir einen messbaren Beitrag zum Klimaschutz und stärken zugleich die regionale Kreislaufwirtschaft.

Was macht gerade in Ihrer Produktion die Dekarbonisierung so anspruchsvoll?

Die Herstellung von Impfstoffen ist sehr energieintensiv. Wir arbeiten mit großen Reinräumen, komplexen Lüftungsanlagen und Tiefkühlsystemen. Hinzu kommt die Gefriertrocknung, einer der energieintensivsten Schritte in der gesamten Impfstoffproduktion. Unser Impfstoffwirkstoff wird bei minus 80 Grad Celsius gelagert, das fertige Produkt bei zwei bis acht Grad Celsius, Zwischenstufen bei minus 20 Grad Celsius. Das zeigt, wie hoch die Anforderungen sind. Dekarbonisierung bedeutet bei uns deshalb nicht, einfach eine einzelne Anlage auszutauschen. Wir müssen das Gesamtsystem betrachten: neben der Technologie selbst die Energieversorgung, Produktionsprozesse, Kühlketten, Gebäude und Steuerungstechnik.

Welche Bausteine ergänzen das Biomasseheizwerk?

Wir investieren stark in Photovoltaik, viele unserer Dächer sind inzwischen belegt. Der wichtigste Hebel liegt für uns derzeit jedoch in der Energieeffizienz: Durch die Automatisierung und Digitalisierung der vergangenen Jahre können wir Prozesse deutlich präziser steuern und optimieren. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Lüftungsanlagen und Tieftemperatur-Kühlanlagen, also den großen Energieverbrauchern am Standort. Dort arbeiten wir an intelligenten Steuerungen und an Energierückgewinnung.

Takeda hat bei einer TCO-Analyse mit Thüga zusammen-gearbeitet. Wie kam diese Partnerschaft zustande?

Grundsätzlich setzen wir als Unternehmen auf langfristige und verlässliche Partnerschaften. Thüga Energie ist für uns am Standort schon lange ein bewährter regionaler Partner. Unsere Zusammenarbeit folgt einem klaren Rollenverständnis: Thüga bringt ihre Energie und Systemkompetenz ein, wir unsere Anforderungen aus einem hochsensiblen Produktionsbetrieb. Auf dieser Basis ist auch die gemeinsame TCO-Analyse entstanden, die uns wichtige Entscheidungsgrundlagen für die künftige Energieausrichtung geliefert hat. Dieser Austausch auf Augenhöhe ermöglicht Lösungen, die Versorgungssicherheit, Klimaziele und Effizienz miteinander verbinden. Und gerade bei langfristigen Entscheidungen rund um die Energieinfrastruktur ist ein solcher partnerschaftlicher Ansatz besonders wertvoll.

Welche Rolle spielt Wirtschaftlichkeit in solchen Transformationsprojekten?

Eine sehr große. Wir sind ein privatwirtschaftliches Unternehmen, also ist Wirtschaftlichkeit ein zentrales Kriterium. Investitionen in neue Technologien, in neue Produkte und in die Zukunft des Standorts müssen tragfähig sein. Das war auch bei der Entscheidung für das Biomasseheizwerk ein wichtiger Faktor. Wir konnten mit dieser Investition nicht nur Emissionen senken, sondern auch Energiekosten reduzieren. Ähnlich ist es bei Effizienzmaßnahmen. Für uns sind Dekarbonisierung und Wirtschaftlichkeit untrennbar. Je wirtschaftlicher wir produzieren, desto mehr Menschen können wir zuverlässig mit unseren Impfstoffen erreichen.

Gesprächssituation bei Photovoltaikanlagen zweier Takeda-Mitarbeiter; Abb. Takeda / Martin Buschmann
Dekarbonisierung und Digitalisierung sind bei Takeda fester Bestandteil des Change Managements; Abb. Takeda / Martin Buschmann

Sie haben am Standort sehr viel verändert. Wie nimmt man 1.200 Mitarbeitende in einem solchen Prozess mit?

Veränderung ist immer eine Herausforderung, auch wenn sie in unserem Fall mit einer positiven Perspektive verbunden ist. Wir haben den Standort strategisch neu ausgerichtet. Damit verbunden war die Einführung neuer Technologien – und viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mussten dafür zusätzliche Qualifikationen erwerben, um die neuen Prozesse sicher beherrschen zu können. Der entscheidende Punkt ist aus meiner Sicht Kommunikation, und zwar von Anfang an. Es reicht nicht, Veränderungen einfach zu verkünden. Man muss erklären, warum man sich verändert, welche Chancen darin liegen und wo auch Sorgen berechtigt sind. Wir binden Mitarbeitende deshalb frühzeitig ein, ebenso wie die Arbeitnehmervertretungen. Der persönliche Austausch ist dabei das Wichtigste.

Was ist Ihre Grundregel für glaubwürdige Transformationskommunikation?

Offen, frühzeitig und über die passenden Kanäle hinweg zu kommunizieren. E-Mails haben ihren Platz, aber sie reichen nie aus. Wirklich wirksam wird Kommunikation erst im direkten Gespräch. Gerade bei großen Veränderungen muss man Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht nur informieren, sondern mitnehmen. Und zwar nicht als reine Empfänger, sondern als Mitgestalter.

Was heißt das für den Standort Singen mit Blick nach vorn?

Der Takeda Impfstoff-Hub Singen soll sich bis 2030 als weltweit führendes Zentrum für die Impfstoffproduktion etablieren. Die angestrebte Kapazität von 50 Millionen Dosen pro Jahr positioniert uns als globalen Impfstoff-Exporteur.

Welchen Rat würden Sie anderen Industriestandorten geben, die ihre Energieversorgung transformieren wollen?

Dekarbonisierung ist kein Einzelprojekt, sondern eine langfristige Systementscheidung. Deshalb sollte man sehr früh anfangen, sorgfältig planen und sich verschiedene Optionen genau ansehen. Solche Investitionen laufen über 15, 20 oder 30 Jahre. Entsprechend wichtig ist es, die Technologie zu wählen, die wirklich zum eigenen Wertschöpfungsprozess passt. Für uns steht Versorgungssicherheit an erster Stelle, bei anderen Unternehmen steht möglicherweise ein anderer Faktor im Vordergrund. Aber die Grundregel bleibt: genau analysieren, langfristig denken und Transformation nie losgelöst vom Betrieb betrachten.

Und woran würden Sie in fünf bis zehn Jahren erkennen, dass die Transformation gelungen ist?

Daran, dass Singen ein leistungsstarker, technologisch moderner und langfristig wettbewerbsfähiger Standort bleibt. Ein Ort, an dem Menschen gern arbeiten und an dem wir Wertschöpfung aus Deutschland für die Welt schaffen. Wenn wir unsere Produktion so weiterentwickeln, dass sie in den nächsten Jahren Netto-Null Emissionen erreicht hat.

Takeda – globaler Biopharma-Konzern
Takeda ist das größte Pharmaunternehmen Japans und zählt zu den führenden biopharmazeutischen Konzernen weltweit. Das 1781 in Osaka gegründete Unternehmen ist heute in rund 80 Ländern aktiv, beschäftigt etwa 50.000 Menschen weltweit und erzielt einen Jahresumsatz von rund 30 Milliarden US-Dollar. Schwerpunkte liegen auf forschungsintensiven Therapien, unter anderem in der Onkologie, bei seltenen Erkrankungen und Impfstoffen. In Deutschland ist Takeda seit 1981 vertreten. An den Standorten in Singen, Oranienburg, Konstanz und Berlin arbeiten rund 2.300 Beschäftigte.

Dekarbonisierung am Standort Singen
Gemeinsam untersuchten die Thüga, die Thüga Netze (THEN) und die Thüga Energie (THEV) die Wirtschaftlichkeit unterschiedlicher Transformationspfade (100 % Elektrifizierung, Wasserstoff, Biomasse, CCS) für und mit Takeda. Ziel des Projekts war es, die verschiedenen Optionen über einen Zeitraum von 20 Jahren zu bewerten. Dazu wurde eine Total-Cost-of-Ownership-Analyse (TCO) durchgeführt, die neben den Investitionskosten auch die laufenden Betriebs- und Energiekosten berücksichtigt. Zudem wurden zentrale Preistrends – etwa für Grünstrom, Biomasse, CO2 und Wasserstoff – über mehrere Szenarien abgebildet. So erhielt Takeda eine erste Entscheidungsgrundlage für die energetische Transformation und mögliche Umstellungszeitpunkte.
Der Erstkontakt entstand im Rahmen eines Austauschs mit Industriekunden aus der Region Singen im Kontext eines regionalen Energieprojekts. Dabei wurde die wirtschaftliche Tragfähigkeit alternativer Energieoptionen diskutiert. Um diese Fragestellung fundiert zu bewerten, bot die Thüga Energie eine Wirtschaftlichkeitsanalyse an und führte diese gemeinsam mit einem Marktpartner durch. Die Ergebnisse der Analyse liefern eine fundierte Basis, um Energieoptionen zu prüfen sowie einen möglichen Austausch im Projektkontext fortzusetzen. Für Thüga und ihre Partnerunternehmen sind solche Analysen ein wichtiger Bestandteil der Zusammenarbeit mit energieintensiven Geschäftskunden. Sie schaffen Transparenz über wirtschaftliche Auswirkungen und ermöglichen eine langfristige Abstimmung zwischen Energieversorgern und Industrieunternehmen.


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