Das Mobilitätsverhalten der Menschen ändert sich und neue Lösungen und Konkurrenten drängen auf den Markt. Für Stadtwerke und Regionalversorger liegt darin die Chance, sich als umfassender Lösungsanbieter auch in der Mobilität zu etablieren. 

E-Mobilitäts-Check für Fuhrparks

„Reichweitenangst ist einer der häufigsten Gründe für das Zögern bei der Umstellung auf Elektromobilität. Dabei sind für viele Nutzungen die aktuell zur Verfügung stehenden Fahrzeugmodelle bereits ausreichend“, sagt Evamaria Zauner, Innovationsmanagerin im Kompetenzcenter Innovationen bei Thüga. Mit dem E-Mobilitäts-Check können Stadtwerke ihren Kunden die Überprüfung des Fuhrparks anbieten und eine Analyse aufstellen, für welche Fahrzeuge eine Umstellung auf elektrischen Antrieb möglich ist.

Eine solche Analyse basiert im Idealfall auf möglichst vielen Daten. „Um die zu bekommen, nutzen wir ein Produkt eines Dienstleisters,“ erklärt Zauner. „Wir verbinden einen Stecker mit der Diagnoseschnittstelle der Fahrzeuge.“ Über mindestens einen Monat erfasst der Stecker die relevanten Fahrdaten. Neben der gefahrenen Strecke und den Standzeiten beispielsweise auch die maximal gefahrene Geschwindigkeit. Die gesammelten Daten definieren die Anforderungen an dieses Fahrzeug. Aus den Anforderungen berechnet eine Software mögliche umweltfreundliche Alternativen und zeigt, ab wann sich diese lohnen und wie viel Einsparpotenzial eine Umstellung bietet. „Die BS|ENERGY startet mit einem Krankenhaus als erstem Kunden“, erklärt Zauner. „Wir sind schon gespannt auf die Ergebnisse. Aus eigenen Versuchen wissen wir aber schon, dass die Fahrer oft sehr überrascht sind, dass sie heute schon elektrisch fahren könnten.“

E-Mobilität lohnt sich für Dienstwagen

Der E-Mobilitäts-Check öffnet die Tür für weitere Produkte. Denn eine elektrifizierte Flotte muss Strom laden. Der Verkauf von Wallboxen und Stromtarif ist der passende Anschluss. Zusätzlich verlangt die Abrechnung bei elektrischen Dienstwagen einen anderen Prozess. „Gerade mit der nun günstigeren Besteuerung von E-Fahrzeugen lohnt sich ein Umstieg auch für Arbeitnehmer, die einen Dienstwagen nutzen“, so Zauner. Die Herausforderung dabei: die Kosten des Ladestroms zwischen verschiedenen Beteiligten abzurechnen. Entweder komplett intelligent, also per Kilowattstunde, oder nach Pauschalen, und zwar zwischen Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Ladesäulenbetreiber. „Die Firma Smartlab arbeitet aktuell an einem Produkt für die Thüga-Gruppe“, so Zauner. Dieses soll ab 2020 zur Verfügung stehen.

Vom Autarkiemanager zum netzdienlichen Laden

Etwa 80 Prozent aller Ladevorgänge erfolgen zu Hause. Kundinnen und Kunden erwarten, dass das Laden jederzeit und flächendeckend funktioniert. Aus Netzsicht ergeben sich daraus allerdings Herausforderungen. Im Forschungsprojekt Ladeinfrastruktur 2.0 des Fraunhofer Instituts beschäftigen sich die Thüga sowie zwei beteiligt Thüga-Partnerunternehmen in einem breiten Konsortium mit der Frage, wie viel Netzausbau notwendig ist und inwieweit Investitionen durch Steuerung vermieden werden können. „Im ersten Arbeitspaket haben wir Tiefeninterviews mit Kundinnen und Kunden geführt“, sagt Zauner. „Dabei haben wir herausgefunden, dass die meisten Kunden einer Steuerung offen gegenüberstehen.“ Wichtig ist allerdings eine „garantierte Nutzbarkeit“. Das bedeutet, dass das Auto bei Bedarf vollgeladen ist und dass die Steuerung keine Schäden am Akkumulator verursacht. Im Idealfall programmieren die Kundinnen ihren Tagesablauf in einer App. Dort stellen sie ein, wann das Auto morgens vollgeladen sein muss. Gleichzeitig wünschen sie sich aber auch die Möglichkeit, bei Bedarf schnell und mit voller Leistung zu laden.

Feldtest mit 40 Kunden

Das Forschungsprojekt beleuchtet auch die komplizierten Beziehungen zwischen Vertrieb, Netzbetreiber und Messstellenbetreiber. „Um das Ganze praktisch zu testen und nicht nur in der Theorie zu durchdenken, bereiten wir jetzt einen Feldtest vor“, erläutert Katharina Baumbusch, Innovationsmanagerin im Kompetenzcenter Innovationen der Thüga. Dazu suchen Thüga, BS|ENERGY und BS|NETZ gemeinsam unter dem Dach der neu gegründeten Digitalisierungsagentur KOM|DIA ein geeignetes Netzgebiet in oder um Braunschweig. „Wir werden 40 Kunden mit der kompletten Hardware für den Feldtest ausstatten,“ sagt Baumbusch. Dazu gehören neben einer intelligenten Wallbox und einem Energiemanagement-System auch E-Autos. „Wir möchten neben der technischen Realisierbarkeit insbesondere auch das Nutzerverhalten sowie die Akzeptanz der Kunden für das Konzept erforschen.“, ergänzt Baumbusch.

Autarkiemanager im Einsatz

Als Ergebnis soll am Ende des Projekts die Aussage getroffen werden können, wo das wirtschaftliche Optimum zwischen Netzausbau und intelligenter Steuerung von Ladeinfrastruktur liegt. Die Steuerung der Ladevorgänge ermöglicht ein Heimenergiemanagementsystem. „Und hier haben wir bereits eine Produktidee in der Entwicklung, die kurzfristig verfügbar sein wird“, ergänzt Baumbusch. „Mit einem Heimenergiemanager oder Autarkiemanager können wir gezielt die Kundinnen und Kunden ansprechen, die ihren Strom selbst produzieren.“ Es liege nahe, dass diese Kunden nicht nur e-mobilitätsaffin sind, sondern möglichst viel des selbstproduzierten Stroms nutzen und nur echten „grünen“ Strom aus dem Netz oder einer Community beziehen möchten. Der Energiemanager optimiert die Stromverbräuche im Haus und sorgt dafür, dass möglichst viel solarer Strom selbst verbraucht wird und gleichzeitig die Energiekosten für den Kunden sinken.