Die kommunalen Unternehmen stehen vor einer historisch einmaligen Investitionswelle – und gleichzeitig vor einem Transformationsdruck, der die Kapitalbindung massiv erhöht. Darüber sprechen Thüga-Finanzvorständin Anne Rethmann und Johannes Anschott, Mitglied des Vorstands der BayernLB. Das Interview führte Dr. Detlef Hug, Leiter Thüga-Unternehmenskommunikation.

Johannes Anschott: Machbar ja, aber nur für ganz große Stadtwerke. Es gibt Beispiele von börsengelisteten Unternehmen mit kommunalem Hintergrund. Dabei ist auf die Kompatibilität der unterschiedlichen Aktionäre zu achten. Ein angelsächsischer Hedgefonds zum Beispiel passt sicher nicht gut zu einer deutschen Kommune.

Anne Rethmann: Komplexität und Aufwand sprechen aus meiner Sicht eher gegen einen Börsengang, der mit hohen formalen Verpflichtungen verknüpft ist. Ein anderer Weg für eine breitere Finanzierung, wenn auch in einer anderen Größenordnung, sind Bürgerbeteiligungen: Durch sie kann man für regionale Projekte einerseits die Eigenkapitalfinanzierung bekommen, aber auch das Commitment der Bürgerschaft.

Anne Rethmann: Die komplexen Anforderungen der Regulierung führen zu steigenden Kosten und damit zu Druck bei unseren Partnerunternehmen. Neben der Finanzierung bieten wir ihnen viele Lösungen, um diese Komplexität besser handzuhaben und ihre Effizienz und Wirtschaftlichkeit sicherzustellen. Die Bundesnetzagentur hat in ihrem NEST-Prozess den Regulierungsrahmen auf den Prüfstand gestellt – vor dem Hintergrund der Bezahlbarkeit der Energieversorgung. Es geht ihr darum, die Kosten im Griff zu haben, auch wenn uns als Energieversorger nicht alle Regelungen gefallen. Entscheidend ist die Festlegung der Verzinsung: Die Bundesnetzagentur muss sicherstellen, dass internationale Gelder in Deutschland verbleiben oder hier angelegt werden können. Denn: Das Geld geht dahin, wo es das beste Risiko-Rendite-Profil gibt. 

Johannes Anschott: Stabile Rahmenbedingungen sind wichtig – vor allem, wenn man internationales Kapital einsammeln möchte. Jede unerwartete Veränderung, allein die Diskussion darüber, bringt Unsicherheit. Insgesamt hat Deutschland international hohes Ansehen. Internationale Kapitalgeber sind insbesondere zu Netzinvestitionen bereit. Wir kommen in eine Phase, in der die Dekarbonisierung weiterhin Priorität hat, das Austarieren von Bezahlbarkeit, Finanzierbarkeit und Wirtschaftlichkeit aber zunehmend eine Rolle spielt. Deshalb habe ich ein gewisses Verständnis dafür, dass Mechanismen in die Regulierung eingearbeitet werden, die das unternehmerische Risiko erhöhen – das reduziert aber die Finanzierbarkeit. Insgesamt fände ich einen Policy Review angebracht, also alle Regeln und ihr Zusammenspiel zu überprüfen. 

Anne Rethmann: Ich möchte noch auf die Bedeutung der Systemkosten hinweisen: Wie schaffen wir es, die Kosten des gesamten Energieversorgungssystems so zu optimieren, dass die Energiekosten möglichst gering bleiben – und dabei die Ziele Dekarbonisierung und Versorgungssicherheit im Blick zu behalten? Darauf hat die Bundesregierung in ihrem Monitoringbericht einen Fokus gelegt. Diese Frage müssen sich auch die Unternehmen in ihrer Region stellen. 

Anne Rethmann: Der Deutschlandfonds soll mit öffentlichen Mitteln und Garantien zusätzlich privates Kapital mobilisieren. Ein Kernaspekt hierbei ist die Fortführung von langfristigen Förderkrediten. Sie sind ein sehr wichtiges Thema, um Risiken abzudecken, zum Beispiel Fündigkeitsrisiken bei der Geothermie. Weitere Überlegungen sind: Wie kann eine Eigenkapitalausstattung von Kommunen, von kommunalen Unternehmen, von Energieversorgungsunternehmen gestärkt werden? Wir sprechen neben dem Deutschlandfonds über Kommunaldarlehen, über Nachrangdarlehen, die von Ländern vergeben werden. Für uns ist es wichtig, all dies nachhaltig in Finanzierungskonzepte und Kapitalstrukturen von kommunalen Unternehmen einzubinden. 

Johannes Anschott: Kapital fließt dahin, wo es willkommen ist und dauerhaft gut behandelt wird. Im Markt gibt es zahlreiche Infrastrukturinvestoren, die bei Investitionsentscheidungen, die 30, 40 Jahre in die Zukunft reichen, geeignete Partner sind, um Investitionen gezielt und nachhaltig umzusetzen. Zu starre und detaillierte Vorgaben für bestimmte Technologien oder Finanzierungsinstrumente sind jedoch nicht hilfreich und können Opportunitäten vernichten.

Johannes Anschott: Teil der Thüga-Gruppe zu sein ist ein Gütesiegel für alle angeschlossenen Unternehmen. Das Netzwerk der Thüga ermöglicht Skaleneffekte und den Austausch von Best-Practices. Das schafft für uns als Bank Vertrauen, um diese Finanzierungsvorhaben von noch nie da gewesenen Investitionsvolumina zu begleiten. Die Unternehmen des Thüga-Verbundes haben Finanzierungskosten, die durchaus mit multinationalen Unternehmen wettbewerbsfähig sind. Das liegt an Ratingsystemen, die häufig den kommunalen Hintergrund als sehr positiv einfließen lassen. Darüber hinaus sind die Finanzierungskosten in Deutschland im internationalen Vergleich gering. Deutschland ist in der Eurozone das Land mit dem geringsten ‚risikofreien‘ Zinssatz. Auch die Verfügbarkeit von Finanzierungsinstrumenten für mittelgroße und nicht börsennotierte Unternehmen ist gut.

Anne Rethmann: Als größtes kommunales Netzwerk ist es unser Anspruch, zur Optimierung der Systemkosten unseren Beitrag zu leisten. Durch die Hebung von Effizienzen, durch Kooperationen, durch Lösungen und Plattformen für unsere Partnerunternehmen. Wir richten daher auch unsere Beratung sehr stark an den Anforderungen unserer Beteiligungen aus. Gerade an einer Finanzierungsberatung haben wir in den letzten Monaten sehr intensiv gearbeitet und entwickeln mit unseren Partnern mögliche Finanzierungsmodelle. Damit bieten wir der kommunalen Energiewirtschaft einen echten Mehrwert.

Lesen Sie hier den ersten Teil des Interviews!

 


Dieses Interview ist ein Beitrag im Thüga-Jahresbericht 2025. Ab dem 16. Juni finden Sie auf unserer Website den gesamten Bericht zum Download.