Ulrich Danco sieht einen klaren Trend hin zu automatisierten Prozessen. Eine Marktkenntnis der Mitarbeiter wird aber trotzdem wichtig bleiben, sagt der Syneco-Vorsitzende im E&M-Gespräch. INTERVIEW VON STEFAN SAGMEISTER, E&M.

E&M: Herr Danco, die Strompreise sind im vergangenen Jahr ordentlich gestiegen. Wo geht die Reise weiter hin?

Danco: Das weiß ich auch nicht und wenn ich es wüsste, säße ich nicht mehr hier. Aber Spaß beiseite. Die Frage ist, sind die Preissteigerungen fundamentaler Natur? Durch den Kernenergieausstieg und die zu erwartenden Veränderungen bei der Kohle wird Erzeugungskapazität aus dem Markt gehen. Das könnte aus meiner Sicht tendenziell eine Preisbewegung nach oben erzeugen. CO2 wird das möglicherweise unterstützen. Gas sehe ich eher neutral.

E&M: Haben Sie mit den Preissteigerungen des vergangenen Jahres gerechnet?

Danco: Preissteigerungen gab es früher schon. Aber ich denke, das abgelaufene Jahr hatte schon die eine oder andere Überraschung parat. 2018 war schon spannend.

Ulrich Danco, Vorsitzender der Geschäftsführung: „Wir möchten unseren Kunden einen Zugang zu dem liefern, was der Markt anbietet“

E&M: Was war spannend?

Danco: Dass sich die Strompreissteigerung in einem solchen Ausmaß abspielen wird, hat auch bei uns keiner vorhergesehen. Überrascht hat sicherlich auch, dass der abgelaufene Winter 2017/2018 so lange gedauert hat. Für Speicherbetreiber war das sicher eine Entlastung. Wir waren und sind für eine solche Preisdynamik gut aufgestellt.

E&M: Können Sie sich vorstellen, dass einige Energieanbieter mit den steigenden Beschaffungspreisen bei Strom Schwierigkeiten bekommen? Stichwort Discounter.

Danco: Das kann ich mir gut vorstellen. Einige Insolvenzen haben wir bereits im vergangenen Jahr erlebt. Ich behaupte mal: Wenn Geschäftsführungen scheitern, dann scheitern sie meist an der Beschaffung. Denn die Beschaffung ist und bleibt die größte Kostenposition eines Energieversorgers. Fehler dort sind besonders schmerzhaft.

E&M: Was raten Sie Stadtwerken angesichts der veränderten Preissituation?

Danco: Der Vertriebsmarkt ist außerordentlich wettbewerbsintensiv und unsere Kunden müssen sich da jeden Tag behaupten. Ich rate den Stadtwerken, vor allem risikoavers zu handeln, ihre Beschaffung breit zu streuen und über einen längeren Zeitraum zu verteilen. Wir bei der Syneco haben dazu einige gute Vorschläge.

E&M: Der Stromhandel verlagert sich aufgrund der unsicheren Erneuerbaren-Einspeisung zunehmend in den kurzfristigen Day-Ahead- und Intraday-Bereich. Wie reagiert die Syneco auf diese Veränderungen?

Danco: Wir versuchen, durch mehr Automatisierung auf diese Entwicklung einzugehen. Der Trend geht ganz klar in Richtung automatisierte Prozesse. Unsere Kunden richten ihre Beschaffung immer genauer an den Anforderungen des Vertriebs aus und überlegen, wie sie den Beschaffungsprozess sinnvoll mit dem Vertriebsprozess verbinden können. Denn alle sind bestrebt, Kosten zu senken. Skaleneffekte sind dabei wichtig. Automatisierung ist am Anfang zwar immer ein Aufwand, aber hinterher vermindern sich die Kosten, besonders wenn man sich mit anderen zusammentut.

E&M: Wenn Skaleneffekte immer wichtiger werden, können Sie sich vorstellen, dass es künftig auch Zusammenschlüsse zwischen Handelsunternehmen geben wird?

Danco: Das ist ein klarer Konsolidierungsmarkt. Meiner Meinung nach wird es Fusionen geben, es wird Teilausgliederungen von Funktionen geben, die wiederum in Kooperationen und Fusionen eingebracht werden.

E&M: Wer wird mit wem zusammengehen?

Danco: Das ist zurzeit noch völlig offen. Ich kann mir vorstellen, dass sich Stadtwerke zusammenschließen, vielleicht auch in der Thüga-Gruppe. Wenn auf der Erlösseite nicht mehr viel zu holen ist, muss man an die Kosten – und die kann man durch Kooperationen teilen. Das passiert praktisch in allen Sektoren, wo Privatkunden zu bedienen sind. Es ist klar, dass man durch größere Skalen letztlich Vorteile bei den Cost to Serve hat.

E&M: Wenn alles verstärkt automatisiert wird, ist dann die Zeit der Spekulanten vorbei?

Danco: Eine vertriebsorientierte Beschaffung ist keine spekulative Beschaffung. Von daher haben Sie recht, die Zeit der spekulativen Beschaffung sollte wohl vorbei sein. Entscheidend ist, künftig die Prozesse im Griff zu haben. Diese müssen auch immer wieder überprüft und gegebenenfalls neu aufgesetzt werden.

E&M: Was ist das Schwierige daran, Prozesse aufzubauen?

Danco: In der deutschen Energie- und Stadtwerkelandschaft gibt es eine hohe Heterogenität. Jeder macht es ein wenig anders. Gemeinsame Standards sind aber hilfreich. Das heißt nicht, dass alle alles gleich machen und mit den gleichen Systemen arbeiten sollen. Aber es haben sich für gewisse Prozessthemen bestimmte Herangehensweisen als die Besseren durchgesetzt.

E&M: Was noch?

Danco: Zudem müssen wir lernen, IT-Projekte möglichst klein zu halten, um sie umsetzen zu können. Früher gab es die Neigung, riesengroße eierlegende Wollmilchsäue zu erzeugen. Hinterher musste man sich eingestehen, dass es den Aufwand nicht unbedingt Wert war, nebenbei zu teuer war und zu lange gedauert hat. Wir bei der Syneco sind auf einem guten Weg, mussten aber auch schmerzhafte eigene Erfahrungen machen.

E&M: Welche waren das?

Danco: Die Einführung unseres neuen Handelssystems war eine Herausforderung. Das hat schon ein paar Schwierigkeiten gemacht. Die sind aber jetzt behoben.

E&M: Was ist im Handel heute wichtiger: ein guter Händler oder ein guter ITler?

Danco: Sie brauchen beides. Ein IT-System ersetzt niemals Marktkenntnis oder auch das Gefühl für den Markt. Aber ein IT-System schafft Verlässlichkeit, gleichbleibende Qualität und Geschwindigkeit. Bei den hohen Umsätzen, die wir bei der Syneco bewegen, dürfen wir möglichst keine Fehler machen. Allerdings: Auch der beste Mitarbeiter arbeitet nicht fehlerfrei. Die IT-Systeme müssen so ausgerüstet sein, dass sie die beteiligten Mitarbeiter bei ihrer Arbeit unterstützen, um in allen Situationen Fehler zu vermeiden. Die Systeme müssen anwenderfreundlich und übersichtlich sein.

E&M: Die Syneco bietet ihren Kunden auch die Zusammenarbeit mit anderen Handelsplattformen jenseits der eigenen Handelssysteme an. Warum?

Danco: Wir möchten unseren Kunden einen Zugang zu dem liefern, was der Markt anbietet. Wir haben beispielsweise sehr gute Partnerschaften mit RWE und Enmacc. Und: Es kann auch nicht jeder alles machen. Für uns sind solche Partnerschaften befruchtend und wir lernen viel voneinander.

E&M: Wie sieht das im Alltag aus?

Danco: Unsere Kunden kommen über unsere Plattformen in den Markt der Kollegen. Wichtig ist: Es muss schnell und einfach gehen. Es geht darum, dem Kunden Arbeit abzunehmen.

E&M: Es gibt eine Vielzahl an Handelsplätzen im Energiemarkt – Plattformen, Broker, Börsen –, und das zudem auf europäischer Ebene. Ist diese Vielzahl einem einheitlichen Markt nicht abträglich?

Danco: Die schiere Zahl an Handelsplätzen ist nicht ausschlaggebend. Sie sind auch immer ein Spiegelbild des Handelsgeschehens. Das ist keine Frage der Systeme. Aber klar: Ein Mehr an europäischer Abstimmung würde dem europäischen Strombinnenmarkt gut tun.

E&M: Werden Sie in Ihrem Berufsleben noch einen europäischen Strombinnenmarkt von Palermo bis Hammerfest und von Lissabon bis Warschau erleben?

Danco: Formal existiert er ja bereits. Praktisch glaube ich nicht daran. Die Arbeit wird wohl auch nicht vor meiner Pensionierung abgeschlossen sein, wahrscheinlich wird sie nie ganz fertig.