Wo ist es am gemütlichsten? Natürlich zu Hause im eigenen Wohnzimmer. Wer möchte, kann sich in Radolfzell genau dort zu den Vorteilen einer eigenen Solaranlage mit Stromspeicher beraten lassen. Die freundlichen Berater, die den Radolfzeller Bürgern bei Kaffee und Kuchen erläutern, wie sie sich durch Entkoppelung von Stromerzeugung und Verbrauch mit sauberem Solarstrom vom eigenen Dach bis zu 70 Prozent selbst versorgen können, kommen vom Münchner Start-up eness GmbH.

„daheim Solar“ nennt sich konsequenterweise das Angebot, das die Thüga-Gruppe im Rahmen ihrer Innovationsabteilung erdacht hat. Seit 2016 arbeiten der Stadtwerkeverbund und der Vertriebsprofi aus Bayern zusammen. „Menschen gewinnt man durch Menschen“, fasst Hannes Münzinger, Geschäftsführer der eness GmbH, zusammen. „Die persönliche Fachberatung vor Ort ist eines unserer wesentlichen Merkmale.“ Seit der Gründung vor drei Jahren ist der Solarvertrieb kräftig gewachsen – von anfangs zehn auf heute fast 50 Mitarbeiter. Besonders viel Aufmerksamkeit hat der Betrieb dem Aufbau eines bundesweiten Netzwerkes aus über 50 gut ausgebildeten Beratern gewidmet, die die vorwiegend deutschen Solarkomponenten gut kennen und wissen, auf was es den Verbrauchern ankommt.

2019 startet die „daheim-Community“. Mitglieder können überschüssigen Solarstrom mit anderen Verbrauchern teilen. Verbraucher werden von der eness GmbH im Namen der Stadtwerke beraten. Wird zu wenig Solarstrom produziert, wird der zusätzlich benötigte Strom von Syneco über die Börse beschafft oder vom Stadtwerk zur Verfügung gestellt. Mit einer Photovoltaik-Anlage mit Stromspeicher lassen sich bis zu 70 Prozent des Strombedarfs decken.

Eingetragener Elektrofachbetrieb

Inzwischen ist die eness GmbH ein eingetragener Elektrofachbetrieb mit festangestellten Handwerkern. „Wir haben gemerkt, dass unsere Leistung bei Fremdvergabe oft nicht richtig vermittelt wurde und uns dann das Empfehlungsgeschäft verloren geht. Das ist gerade im kommunalen Umfeld ärgerlich“, sagt Münzinger. Deswegen beschäftigt das Unternehmen nun einen eigenen Meister, drei Elektriker und diverse Dachmonteure. „Damit ziehen wir vom Know-how mit Fachbetrieben gleich und haben einen enormen Qualitätsfortschritt gemacht“, sagt Münzinger.

Vertrieb für die Stadtwerke

„Die Thüga-Stadtwerke bekommen durch die Kooperation einen Spezialisten an die Hand, der sich ganz genau mit Vertrieb und bei der Montage von PV-Anlagen und Speichern auskennt“, beschreibt Wolfgang Kehrer von der Innovationsabteilung der Thüga Aktiengesellschaft die Vorteile. Stadtwerke müssen für diesen Kundenservice also keine eigenen Fachabteilungen aufbauen, sondern können mit der eness einen Vertrag schließen, die dann das Geschäft mit den Endkunden abwickelt. Die 20 Stadtwerke der Thüga-Gruppe, die das Angebot von eness bereits nutzen, zeigen sich zufrieden. Einige wie die Stadtwerke Radolfzell nutzen den aktiven Vertrieb, bei dem eness-Berater in Stadtwerke-Jacken von Haustür zu Haustür gehen. Andere bieten das Angebot auf der Webseite an, über die Kunden Interesse anmelden können. „Die Kooperation läuft überaus erfolgreich. Die eness GmbH ist ein kleines, sehr agiles Unternehmen. Es hat sich gezeigt, dass dies dazu beiträgt, eine Idee schneller umzusetzen, als wenn wir das alles selber machen würden“, resümiert Wolfgang Kehrer das vergangene Jahr.

Entwicklung der Prosumer-Community

2018 haben eness und das Thüga Innovationsmanagement intensiv daran gearbeitet, das Geschäftsmodell weiter auszubauen. Wolfgang Kehrer ist davon überzeugt, dass Stadtwerke im Zuge der Energiewende viel mehr Geld durch energienahe Dienstleistungen wie zum Beispiel Smart-Home-Systeme oder Energiemanagement-Angebote erwirtschaften werden als über den eigentlichen Energievertrieb. „daheim Solar“ ist eine der Antworten des Thüga Innovationsmanagements auf die Frage, wie Versorger in einer Zukunft bestehen, in der Energieerzeugung immer kleinteiliger und dezentraler wird. Mit diesem Wandel vor Augen haben die beiden Partner eine sogenannte Prosumer-Community entwickelt. Das Kunstwort „Prosumer“ ist eine Verschmelzung der englischen Begriffe für Produzent und Konsument und will ausdrücken, dass es in der neuen Energiewelt keine Trennung zwischen beiden geben wird. Die Community vernetzt einzelne Erzeuger und Verbraucher über Bilanzkreise miteinan-der. Wenn ein Mitglied zu einem bestimmten Zeitpunkt mehr Solarstrom produziert, als es verbrauchen kann, wird dieser Teil an andere Mitglieder verteilt. „Ein Vater, der Mitglied der Community ,daheim Radolfzell‘ ist, kann zum Beispiel seine Tochter, die in Berlin studiert, auf diese Weise mit Solarstrom versorgen“, erklärt Münzinger.

Stadtwerke als Serviceprovider

Das technische Herz der „daheim-Community“, das Bilanzkreismanagement, übernimmt die Thüga-Plusgesellschaft Syneco. „Unser Ziel ist es, Stadtwerke durch solche Geschäftsmodelle als Serviceprovider in der neuen Energiewelt zu implementieren, sodass sie diejenigen sind, die IT-Plattformen betreiben und das Strom-Sharing zwischen den Endkunden ermöglichen“, sagt Wolfgang Kehrer. Handfeste Beratung vor Ort, kombiniert mit einer smarten Energielösung – mit „daheim Solar“ will die Thüga sozusagen das Beste aus analoger und digitaler Welt vereinen. Herrscht zum Beispiel in den Wintermonaten Unterdeckung, wenn selbst nicht ausreichend Solarstrom produziert wird, übernimmt das jeweilige Stadtwerk die Absicherung und Ausgleichslieferung. Hier zeigt die „daheim-Community“ einen weiteren praktischen Vorteil.

Innovatives Reststrom-Produkt

Perspektivisch könnte dieser Strom beispielsweise aus Anlagen der Projektentwicklungsgesellschaft Thüga Erneuerbare Energien (THEE) geliefert werden. Besonders interessant ist das Modell für Anlagen, die bereits aus der EEG-Förderung fallen und auf diese Weise weiterhin wirtschaftlich betrieben werden könnten. „Der Kunde kann sich durch dieses Angebot nicht nur zu 70 Prozent grün versorgen, sondern fast vollständig. Für die Stadtwerke schafft es die Basis für ein innovatives Reststrom-Produkt, in dem enorm viel Cross-Selling-Potenzial steckt“, sagt Münzinger. Wenn Anfang 2019 die ersten Kunden über die „daheim-Community“ beliefert werden, ist ein weiterer Schritt in die neue Energiewelt vollzogen. Die Suche nach weiteren Pilot-Partnerstadtwerken läuft.