Klein aber oho: Dem kleinsten chemischen Element Wasserstoff wird viel zugetraut. Er gilt als Energieträger der Zukunft, Wundermittel oder auch als Retter der Energiewende. Für die Energieversorger der Thüga-Gruppe heißt das, alle Möglichkeiten und Geschäftsfelder auszuloten, die der wichtige Winzling bietet. Ein erstes Austausch-Forum für alle interessierten Partnerunternehmen gab es beim Münchner Gespräch Wasserstoff. 

Die Thüga-interne AG Wasserstoff hatte zum Münchner Gespräch Wasserstoff eingeladen. „Lassen Sie uns das vielfältige Potenzial dieses Aktivitätsfeldes gemeinsam erschließen!”. Im ersten Schritt ging es nun um eine Bestandsaufnahme. Was sind die relevanten Marktentwicklungen, welche Rahmenbedingungen gibt die Politik vor? Wo stehen die Unternehmen der Thüga-Gruppe und welche Möglichkeiten der Zusammenarbeit sind denkbar 

Mitgestalten statt zuschauen

Michael Riechel, Vorsitzender des Vorstandes der Thüga Aktiengesellschaft

Michael Riechel, Vorsitzender des Vorstandes der Thüga Aktiengesellschaft positionierte Wasserstoff ganz klar als ein zentrales Zukunftsthema der Thüga. Aktuell nehme die Diskussion stark an Fahrt auf, mittel- und langfristig habe Wasserstoff ein Riesenpotenzial. Mit der breiten Markteinführung von Wasserstoff und anderen Energieträgern, wie zum Beispiel hochwertigem Biomethan, könnte die Gaswirtschaft ihr Geschäftsmodell erhalten, das bestehende Gasverteilnetz sinnvoll weiter nutzen und gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur Dekarbonisierung leisten. „Wir haben als Thüga-Gruppe also ein originäres Interesse, diesen Wandel aktiv mitzugestalten und nicht nur zuzuschauen“ erklärte er. 

Viele Fragen – eine gemeinsame Antwort?

Thüga-Innovationsleiter Christian Ulmer erläuterte den Innovationszyklus, dem auch Wasserstoff unterliegtbei innovativen Themen folgt auf den anfänglichen Hype mit sehr hohen Erwartungen oft ein Tal der Enttäuschung, bevor das Thema im breiten Markt ankommt.  Aktuell gebe es hohe Erwartungen, viele offene Fragen und keinen vordefinierten Weg. Fest steht, dass die nächste Marktphase ein strategisches Vorgehen, Risikobereitschaft, Durchhaltevermögen sowie einen effizienten Einsatz von Ressourcen fordert. Und er schwor die Teilnehmer darauf ein, diesen anspruchsvollen Weg gemeinsam anzugehen.  

Praktische Projekte sollen Bedenken ausräumen

Die energiepolitischen Rahmenbedingungen erläuterten Eva Hennig und Markus Wörz von der Stabstelle Energiepolitik. Sie nahmen die am 10. Juni veröffentlichte Nationale Wasserstoffstrategie unter die Lupe, der sie insgesamt ambitionierte Ziele bescheinigten. Als noch konkreter und ambitionierte stuften sie die Europäische Wasserstoffstrategie vom 8. Juli ein. Anlass zum Zurücklehnen sahen die beiden allerdings nichtdenn EU, Bundesregierung und Bundesnetzagentur stehen einer die Beimischung von H2 mit gemischten Gefühlen gegenüber. Deswegen immens wichtig: Gegenbeweis mit praktischen Projekten! Als regelrechten “Schlag in die Magengrube” stufte sie zeitgleich veröffentlichte Energy System Integration ein, die überhaupt nicht zur EU-Wasserstoffstrategie passe. 

v.l.n.r.: Moderatorin Béatrice Angleys, Thüga-Kompetenzcenter Innovation, Mit Eva Hennig und Markus Wörz von der Thüga-Stabsstelle Energiepolitik.

Weitere Themen waren außerdem der 5-Punkte-Plan für erneuerbares Gas, die BDEW Roadmap Gas  sowie das DVGW-Projekt „H2vorOrt“ zur Weiterentwicklung der Gasverteilnetze. 

Mittelfristig wird grüner Wasserstoff wettbewerbsfähig

Überschüssiger EE-Strom sollte im Gasnetz als Wasserstoff gespeichert werdenDen Grundstein für Wasserstoffwissen legte Wolfgang KehrerThüga-Kompetenzcenter InnovationChemisch betrachtet ist es das kleinste Element des Universums, und das häufigste. Meilensteine 1995 entwickelte Daimler das erste Wasserstoffauto, doch erst 35 Jahre später legt die Bundesregierung mit der nationalen Wasserstoffstrategie die Marschrichtung fest. Er erläuterte die Wertschöpfungskette von Erzeugung über Transport bis zu den Abnehmern. Hierzu zählen Industrie und Mobilität sowie aus Thüga-Sicht der besonders relevante Bereich Heizen. Denn durch die künftigen Nutzungsmöglichkeit der bestehenden Infrastruktur hat Wasserstoff eine hohe strategische Bedeutung für die Gaswirtschaft. Und: Die Wettbewerbsfähigkeit von grünem Wasserstoff im Vergleich zu CO2-armen Alternativen wird in allen relevanten Segmenten mittelfristig erreicht!

28 Verteilnetzbetreiber erstellen Kompendium

Die Verteilnetze waren auch das Thema von Technik-Expertin Anna Lamorski, die das Kompendium Wasserstoff in den Gasverteilnetzen präsentierte. 28 Verteilnetzbetreiber aus drei

Anna Lamorski, Thüga-Kompetenzcenter Technik

ndern (mit rund 3,6 – Millionen Ausspeisepunkten und 216.000 Kilometern Rohrleitungslänge) arbeiten hier zusammen – die Thüga-Gruppe gehört dazuZiel des Kompendiums: Wissen aufbauen, um neue Gasnetze mit einer möglichst hohen Wasserstofftoleranz bauen zu können und Austauschmaßnahmen in Zukunft zu minimieren. Das Nachschlagewerk kumuliert alles mit Quellen abgesicherte, das komplette bestehende Wissen zum Einfluss von Wasserstoff in Gasverteilnetzen. Aktuell werden weitere Hersteller zur H2-Toleranz ihrer Produkte befragt – schon seit 2019 ist eine 100prozentige Wasserstofftoleranz neues Ausschreibungskriterium der Thüga. 

Es wird konkret:  zwei Reallabore testen Anwendungsfälle

Bei den Stadtwerken Heide soll eine anteilige Wasserstoff-Einspeisung in einem Netzabschnitt mit 200 Haushaltskunden in absehbarer Zeit Realität werdenDer Geschäftsführer der Stadtwerke, Stefan Vergo, stellte das Reallabor Westküste 100 vor. Hier plant ein Konsortium von zehn Partnern, darunter die Thüga und die Stadtwerke Heide, den Aufbau einer regionalen Wasserstoffwirtschaft innerhalb bestehender Infrastrukturen. Das Besondere: Der Wasserstoff soll gesamtheitlich verwertet werden durch Mobilität, Industrie und Wärme“Die Unterstützung der Thüga war für uns die einzige Chance, an einem so großen Projekt teilzunehmen”, betonte Stefan  VergoVon den Ergebnissen werden alle rund 100 Partner-Unternehmen der Thüga-Gruppe profitieren.

Energie-Standort Region Heide © Entwicklungsagentur Region Heide / nordzuwort

Die WEMAG beteiligt sich am Norddeutschen Reallabor, das Tobias Struck, Leiter Speicher und technische Innovation bei der WEMAG, vorstellte. Hier liegt der Fokus auf einer integrierten Sektorenkopplung (Schwerpunkt H2) und auf  der Nutzung der Abwärme in nahegelegenen Trocknungsprozessen. Im Hub Schwerin übernimmt die WEMAG die Integration des Elektrolyseurs in die Stromnetze. Getestet wird unter anderem Wasserstoff als Antrieb für Nutzfahrzeuge wie Busse, LKW oder Abfallsammelfahrzeuge. Zum anderen ist geplant, auf Wasserstoff umzurüstende Endkunden einer kleinen Siedlung über eine 100prozentige-H2-Pipeline zu versorgen und den restlichen Wasserstoff in ein Fernleitungsnetz einzuspeisen.

Wie geht es weiter?

Der Green Deal wird kommen, daher sollten die Partnerunternehmen der Thüga-Gruppe die Transformation der Energiesysteme hin zum Wasserstoff aktiv mitgestalten. Gemeinsamer Fokus auf:  

  • Anwendungsbereich Infrastruktur-Bereitsteller  
  • Bedeutung der Bestandsassets 
  • Dekarbonisierung Wärmesektor: Wasserstoff und Biomethan entweder singulär oder als wichtige Ergänzung zur Elektrifizierung einsetzen 
  • Aktivitäten in den Bereichen Beimischung und 100%-Wasserstoffnetze  
  • Elektrolyse, perspektivisch auch Pyrolyse  
  • Demonstrationsprojekte, um „Farblehre“ – zumindest für die Transition und Förderung – flexibler zu gestalten

  

So geht es weiter: Im Rahmen der Thüga-Initiative Wasserstoff wird es weitere Austauschformate geben, vom H2-Lunch bis zur nächsten Konferenz im Herbst.