Bauunternehmen können sich vor Aufträgen kaum retten, gleichzeitig gibt es viel zu wenig Nachwuchs. Angesichts der dramatischen Entwicklung gewinnt die Frage der Kapazitätssicherung an Bedeutung.

„Der Auftragsbestand im Baugewerbe steigt seit 2010 stetig, zum Beispiel in Folge des Breitband-Ausbaus oder Ladesäulen-Aufbaus“, sagt Jens Appenzeller vom Thüga-Kompetenzteam Einkauf. „Die Kapazitäten entwickeln sich gleichzeitig rückläufg. Der Nachwuchs fehlt, auch die Unternehmensnachfolge ist oft nicht gesichert.“ Für einige Baufirmen ist der Hochbau interessanter als der Tiefbau. Hier nimmt durch die niedrigen Zinsen die Bautätigkeit zu und es lässt sich eine höhere Rendite erzielen. „Auch der im Leitungsbau erforderliche Bereitschaftsdienst ist für die Mitarbeiter der Baufirmen oftmals nicht mehr attraktiv“, so Appenzeller.

500 Betriebe im Pool

Die Thüga unterstützt die Partnerunternehmen im Rahmen der Kapazitätsgewinnung und -sicherung. „Im Thüga-Standardleistungsverzeichnis (StLV) greifen wir auf einen Pool von rund 500 Tiefbau- und Montagebetrieben zurück, die wir für regionale Ausschreibungen von Jahresverträgen ansprechen“, sagt Marcus Schulz, Leiter Thüga-Kompetenzteam Einkauf. Thüga will diesen Pool stetig vergrößern, aber: „Die Marktsituation hat sich deutlich verschärft. In der Ansprache neuer Dienstleister können wir nur gemeinsam mit dem jeweiligen Thüga-Partner erfolgreich sein“, so Schulz.

Eine Lösung lag in Rumänien

Können Kapazitäten aus dem europäischen Ausland ein Ausweg aus diesem Dilemma sein? schwaben netz hat diesen Gedanken gemeinsam mit dem Thüga-Einkauf in die Tat umgesetzt. Heinz P. Barth, kommissarischer technischer Leiter bei schwaben netz, hatte den europäischen Markt beleuchtet und sich auf Rumänien fokussiert. „Da schwaben netz Anwender des Thüga-StLV ist, wollten wir hier unterstützen – und am Ende der Suche Preise und Verträge vereinbaren“, so Schulz. Bis es so weit war, tourten Barth und Appenzeller 2018 durch Rumänien. Nachdem die Außenhandelskammer zwölf Unternehmen vorgeschlagen hatte, besichtigten sie fünf – eins blieb übrig. „Seit Mai 2019 sind zwölf rumänische Mitarbeiter samt Gerät bei uns im Netzgebiet tätig“, so Barth. „Sofort eine eigene GmbH aufzubauen, wäre für das rumänische Unternehmen zu schwierig und riskant gewesen. Sie sind daher bei einer Beteiligung der schwaben netz als Subunternehmer tätig.“ Für 2020 beabsichtigt diese Firma, sich als eigenständiges Rohrleitungs- und Tiefbauunternehmen in Deutschland zertifzieren zu lassen. „schwaben netz hat erfolgreich Kapazitäten aus dem Ausland gewonnen“, resümiert Schulz. „Aber die Anstrengungen dahinter waren beträchtlich – und es ist eine regionale Lösung, die sich nicht skalieren lässt. Wir müssen auch andere Maßnahmen ergreifen.“ Zum Beispiel, um die vorhandenen Kapazitäten optimal auszulasten: Ausschreibungen frühzeitig beginnen, Tiefbau und Montage getrennt vergeben, sich eng mit der Kommune und deren Bauvorhaben abstimmen, durch eine gute Jahresplanung gemeinsam mit der Baufrma für frühzeitige und kontinuierliche Auslastung sorgen. Und: Aushub wieder verwenden, um den Prozess effzienter zu gestalten. „Alle unsere Maßnahmen sind Puzzlestücke, die dazu beitragen, die Situation zu entschärfen. Wir sind gut aufgestellt, müssen aber an weiteren Ideen zur Kapazitätssicherung arbeiten“, sagt Marcus Schulz. „Das geht nur gemeinsam mit den Netzgesellschaften der Thüga-Gruppe und in enger Partnerschaft mit unseren Baudienstleistern.“