Die Bundespolitik debattiert noch über den Kohleausstieg. Thüga-Partnerunternehmen schaffen bereits Fakten: Sie setzen auf klimafreundlichere Anlagen. Beispiele aus drei Städten.

Seit dem 19. Jahrhundert verdanken die Chemnitzer ihre warmen Wohnungen vor allem der Kohle. Zuerst sorgten Kohleöfen für wohlige Temperaturen; ab den 1920er-Jahren auch ein Fernwärmenetz, das vom Elektrizitätswerk der Stadt gespeist wurde. Dort verfeuerte man Stadtgas, das aus Kohle erzeugt wurde. Die Fernwärme bedeutete einen echten Gewinn an Lebensqualität: Wer an sie angeschlossen war, konnte seine rußenden, stinkenden Öfen ausmustern. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Fernwärme kräftig ausgebaut. Nach dem Krieg errichtete der VEB Energieversorgung Karl-Marx-Stadt schließlich ein zentrales, zwischenzeitlich mehrfach moder- nisiertes Braunkohle-Heizkraftwerk. Bis heute sorgt es dafür, dass es die Fernwärme-Kunden gemütlich haben. Rund eine Million Tonnen Kohle werden dort derzeit im Jahr verbrannt.

Chemnitz: zukunftssicher, emissionsarm

Bunter Schornstein in Chemnitz
Das Heizkraftwerk der eins energie in Chemnitz. Dort stellt der Versorger von Kohle auf umweltfreundlichere Energieträger um. Copyright: eins energie

Nach all den Jahren ist damit demnächst Schluss: Der kommunale Versorger eins energie in sachsen GmbH & Co. KG wird die 1986 und 1990 installierten Kohleblöcke mit einer elektrischen Leistung von 167 Megawatt (MW) im Laufe des nächsten Jahrzehnts durch klimafreundlichere Technologien ersetzen. Bereits konkret geplant sind acht in Kraft-Wärme-Kopplung betriebene Gasmotoren sowie ein Holzheizkraftwerk. Ergänzt werden könnten sie durch Großwärmepumpen oder ein Müllheizkraftwerk – diese Entscheidung hält sich eins derzeit noch offen. Vor drei Jahren hatte der Versorger bereits eine 2.500 Quadratmeter große Solarthermie-Anlage installiert. Insgesamt 200 Mio. €  will das Partnerunternehmen der Thüga in den nächsten fünf Jahren hier investieren. „Wir wollen den CO2-Ausstoß unserer Erzeugungsanlagen um rund 60 Prozent reduzieren“, erklärt Roland Warner, Vorsitzender der eins-Geschäftsführung. „Die neue Wärme für Chemnitz wird flexibler, zukunftssicher und emissionsärmer.“ Der erste Kohleblock soll 2023 abgeschaltet werden, der zweite folgt 2029. „Dann haben wir hier in Chemnitz den Kohleausstieg komplett vollzogen“, so Warner.

Pforzheim: steigender Stromwert als Chance

Luftbild von Pforzheim
Pforzheim aus der Luft: Gasmotoren ersetzen beim Heizkraftwerk Pforzheim eine kohlebefeuerte Anlage. Copyright: Roland Wacker/Stadt Pforzheim

Während Politik, Wirtschaft und Klimaschützer noch heftig über den im Februar 2019 vorgelegten Ausstiegsfahrplan der Kohlekommission streiten, machen die Sachsen also bereits Nägel mit Köpfen: Sie zeigen, wie der Abschied von der Kohle gelingen kann. Damit gehören sie zu den Vorreitern im Lande – wie auch andere Thüga-Partner. Die Heizkraftwerk Pforzheim GmbH betreibt ihr Fernwärmenetz derzeit mit einer Gas- und Dampfturbinenanlage, einem Biomasseblock und seit 1990 auch mit einem Steinkohleblock mit einer elektrischen Leistung von 20 MW. Bereits in zwei Jahren sollen fünf neue Gasmotoren mit je 10 MW elektrischer Leistung in Betrieb gehen, um die kohlebefeuerte Anlage und perspektivisch auch den GuD-Kombiblock stilllegen zu können. Die Investitionssumme liegt bei 75 Mio. €. „Wir können mit den Gasmotoren die Wärmeleistung der Altanlagen vollständig ersetzen, haben zugleich aber einen höheren Stromertrag“, freut sich Geschäftsführer Martin Seitz. Das sei nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sehr attraktiv: „Wir gehen davon aus, dass der Wert von Strom steigen wird. Das ist eine echte Chance für unsere neuen Anlagen!“

Bedarfsgerechte Erzeugung mit Gas

Seitz verweist auf die hohe Flexibilität der Gasmotoren, die dem Versorger zusätzliche Erlösmöglichkeiten eröffnet. „Sie lassen sich auf 5 MW herunterfahren. Abhängig von der Zahl der ein-
gesetzten Motoren, haben wir damit eine Regelbreite von 5 bis 50 MW. Das erlaubt es uns, Strom bedarfsgerecht in den Markt zu bringen, was wir mit dem Kohleblock in dem Maße längst nicht können.” Neben der Vermarktung an der Börse hat der Geschäftsführer des badischen Kommunalbetriebs auch Systemdienstleistungen als Ertragsquelle im Visier. „Netzstabilisierende Produkte werden künftig noch werthaltiger sein und damit mehr Geld bringen“, erwartet Seitz. Auch Andreas Schultheiß, Hauptabteilungsleiter Erzeugung beim Chemnitzer Versorger eins, freut sich über den Gewinn an Flexibilität. „Wir können die Gasmotoren viel aktiver fahren als die trägen Kohleblöcke. Diesen Vorteil wird unsere Handelsabteilung nutzen, um am Markt höhere Erlöse zu erzielen“, erklärt er. Die Flexibilität biete zudem bei der Wärmeerzeugung Vorteile: „Wenn sich etwa eine Wolke vor unser Solarthermie-Feld schiebt, können wir die Leistung der Motoren sofort erhöhen.” Allerdings steigt mit einer variableren Fahrweise auch die Komplexität der Steuerung. Seitz sieht sein Unternehmen dafür aber gut gerüstet. So hat die Heizkraftwerk Pforzheim GmbH im vergangenen Jahr mit Unterstützung der Thüga eine Software zur Optimierung der Kraftwerksfahrweisen implementiert, die quasi in Echtzeit alle relevanten externen Informationen wie Preis- oder Temperaturprognosen mit Randbedingungen der Anlagen wie Bezugsverträgen oder gesetzlichen Vorschriften abgleicht. „Wir haben das Projekt bereits mit Blick auf den Einsatz der Gasmotoren in den verschiedenen Märkten realisiert“, fasst Seitz zufrieden zusammen.

Kassel: Altholz plus Klärschlamm als Energieträger

Die Städtischen Werke in Kassel wollen bis Ende 2029 aus der Kohle aussteigen.

Auch die Städtischen Werke Energie + Wärme GmbH in Kassel will bis Ende des nächsten Jahrzehnts auf die Kohle verzichten. Das Thüga-Partnerunternehmen betreibt derzeit neben einem Gas- und Dampf-Kraftwerk und einem Biomasse-Heizkraftwerk ein hocheffizientes kohlebefeuertes Fernwärmekraftwerk. Künftig soll dort statt rheinischer Braunkohle vor allem Altholz eingesetzt werden. „Damit können wir in der ersten Ausbaustufe circa 90.000 der dort verfeuerten 120.000 Tonnen Kohle ersetzen“, erklärt Geschäftsführerin Dr. Gudrun Stieglitz. Der verbleibende Teil der Kohle soll durch Klärschlamm abgelöst werden. Schon heute verbrennt das Unternehmen mehr als 60.000 Tonnen Klärschlamm im Kohlekessel. Die  Mengen sollen weiter erhöht werden. Dazu will der Versorger eine eigene Bandtrocknungsanlage installieren, die den Wassergehalt des nassen Klärschlamms deutlich reduziert. „Damit bekommen wir ein Material, das einen ähnlichen Heizwert wie Braunkohle aufweist“, erklärt Stieglitz.  Beim Umstieg auf klimafreundlichere Brennstoffe profitieren die Städtischen Werke davon, dass das Kohlekraftwerk mit zirkulierender Wirbelschicht betrieben wird. „Sie hat die Eigenschaft, ein großes Heizwertband verbrennen zu können. Daher können wir dort sehr unterschiedliche Brennstoffe einsetzen“, so Stieglitz weiter. Altholz und Klärschlamm statt Kohle – die Städtischen Werke Kassel gehen wie die in Chemnitz und Pforzheim einen innovativen Weg beim Klimaschutz.