Zu den Begriffen, die in der Energiewirtschaft derzeit Karriere machen, gehört das Wort Sektorenkopplung. Was genau darunter zu verstehen ist, beantwortet Dr. Christian Friebe von der Stabsstelle Energiepolitik der Thüga.

Ihr Ansprechpartner

Dr. Christian Friebe

christian.friebe@thuega.de

Was bedeutet Sektorenkopplung?

Kurz gesagt: Alles ist mit allem verbunden. Etwas länger ausgeholt: Damit die Energiewende gelingen kann, ist es wichtig, nicht nur einen einzelnen Bereich des Energiesystems wie zum Beispiel die Stromversorgung zu dekarbonisieren. Wir brauchen das Zusammenspiel aller Sektoren des Energiesystems, um letztendlich auch allen Kunden CO2-arme oder CO2-freie Energie für ihre individuellen Bedürfnisse anzubieten. Das geht nur mit Kopplung der Sektoren Strom, Wärme und Verkehr.

Und wie funktioniert das?

Wichtig ist zunächst, dass erneuerbare Energien effizient und effektiv für Strom, Wärme und Verkehr genutzt werden. Wir brauchen also zum Beispiel Speicher, die verhindern, dass Wind- und PV-Anlagen bei Netzengpässen abgeregelt werden. Dazu gehören Batterien, Power-to-Heat-Anlagen in Fernwärmesystemen oder Power-to-Gas-Anlagen, die system- und netzdienlich gesteuert werden. Volkswirtschaftlich effiziente und damit sinnvolle Sektorenkopplung ist auch die Einspeisung von Biogas ins Gasnetz statt einer Vor-Ort-Verstromung beim Bauern. Auch im Verkehr gibt es mit Gas- und Elektromobilität neue Kunden für unsere Infrastrukturen – eine Chance, die es durch gute Angebote und Kooperationen auch für die Thüga zu nutzen gilt.

Klingt nach einer komplexen Angelegenheit?

Ist es auch! Und damit es vorangeht, muss auch die Politik aktiv werden: Abbau von Hemmnissen, Reform der Abgaben und Umlagen und – sofern nötig – Markteinführungsprogramme sind dabei die großen Themen. Hier gilt es im BDEW, im VKU, bei Zukunft Erdgas oder anderen Zusammenschlüssen wie zum Beispiel der Gaskoalition für geeignete Rahmenbedingungen zu werben. Neu dazugekommen ist seit Kurzem eine Allianz aus Unternehmen und Verbänden, die „PtX-Allianz“. Seit Oktober nehmen wir daran gemeinsam mit der Energienetze Bayern, mit erdgas schwaben und iNetz teil.

Was heißt PtX konkret?

Fokus ist die Umwandlung von Strom in Gas. Im Gasnetz kann so erneuerbare Energie gespeichert, über lange Strecken transportiert und flexibel für Wärme, Strom und Verkehr genutzt werden. Das Gasnetz wird dadurch zum grünen Energiespeicher.

Klingt alles logisch – warum dauert die Umsetzung dieser Ideen so lange?

Viele bestehenden Regelungen sehen die Sektorenkopplung gar nicht oder nur in engen Grenzen vor. Bisher wurde bei der Energiewende jeder Sektor einzeln betrachtet – so gibt es beim Strom das EEG, bei der Wärme KWK-G, EEWärmeG und EnEV und im Verkehr einen Treibhausgasquotenhandel – der übergeordnete Rahmen für das Zusammenwirken fehlt jedoch. Das bremst die Sektorenkopplung stark aus. Erstmal nutzen die Unternehmen der Thüga deshalb Technologien, die in den vorhandenen gesetzlichen Rahmen passen. Der Wärmespeicher der N-ERGIE in Nürnberg ist dafür ein gutes Beispiel. Überschüssiger erneuerbarer Strom wird dort als heißes Wasser gespeichert und kann dann zeitlich verzögert an den Kunden geliefert werden.

Profitiert die Thüga von der Sektorenkopplung?

Ja, weil neue Kunden unsere Infrastrukturen nutzen – insbesondere im Verkehr. Und weil die Sektoren nah am Kunden zusammenwachsen. Strom-Gas-Hybridheizung, grünes Gas, Strom-Wärmepumpen, Power-to-Gas, Elektroautos … Dekarbonisierung, Digitalisierung und Sektorenkopplung spielen zusammen. Die Thüga-Gruppe kann hier attraktive Angebote für ihre Kunden entwickeln.