Die Regulierung der Gas- und Stromnetze beeinflusst das Kerngeschäft kommunaler Netzbetreiber (mehr dazu erfahren) immens. Die Regulierungsmanager der Thüga-Gruppe stellen sich in den Basisjahren für Gas und Strom für die vierte Regulierungsperiode auf. Dafür nutzen sie viele regulatorische Instrumente uns Stellhebel.

Für das Basisjahr Gas ist die Höhe der operativen Kosten 2020 bedeutsam, da sie der Ausgangspunkt für die Höhe der Erlöse in den Folgejahren sind. Doch wie wirkt sich die Corona-Krise darauf aus? Und was ist jetzt zu tun? Ein Gespräch mit Sandra Wimmer vom Team Regulierung der Thüga.

Frau Wimmer, sind die regulatorischen Auswirkungen der Corona-Krise bereits zu spüren?

Nein, bisher sind noch keine deutlichen Auswirkungen festzustellen. Es gibt aber zwei prägnante Punkte, an denen sich diese abzeichnen können: Erstens, wenn durch Kurzarbeit im Netzbereich der Personalaufwand sinken würde. Nehmen wir an, ein Netzbetreiber hat im Jahr 2020 durch Kurzarbeit nur 80 Prozent des Personalaufwands, nach der Krise aber wieder 100. Dann hätte er in der folgenden Regulierungsperiode dauerhaft 20 Prozent Unterdeckung. Kurzarbeit betrifft unseres Wissens momentan erst wenige Netzbetreiber.

Und zweitens?

Die Kosten für Tiefbauarbeiten oder Dienstleistungen für technische und sonstige Maßnahmen. Hier haben wir zwei Tendenzen: In manchen Netzgebieten können derzeit Baumaßnahmen nur eingeschränkt stattfinden, da es dort die Gefahr durch Blindgänger-Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg im Boden gibt. Die Kommunen wollen derzeit Massenevakuierungen mit verbundener Notunterbringung aufgrund von Bombenfunden vermeiden –entsprechend sind Tiefbaumaßnahmen untersagt. Andere Partnerunternehmen können derzeit hingegen viel mehr Baumaßnahmen durchführen, da die Dienstleister nicht wie sonst durch andere Branchen gebucht sind. Die Straßen sind frei, es gibt keine Staus … also gute Baubedingungen. Aber jetzt ist es definitiv noch zu früh, die Auswirkungen konkret zu bewerten.

Was raten Sie den Thüga-Partnerunternehmen?

Dokumentieren und nochmals dokumentieren. Also alle Auswirkungen auf das Unternehmen durch Corona festhalten und sammeln. Damit zu gegebener Zeit eine vollständige Übersicht vorhanden ist, auf deren Basis man mit den Behörden und der Politik nach Lösungen suchen kann. Das ist unsere Empfehlung für den Moment. Die Behörden haben sich dazu noch nicht geäußert, das Thema ist dort aber platziert, auch durch die Verbände.

Wie könnte das Dokumentieren praktisch funktionieren – mit Excel-Listen?

In der Corona-Sprechstunde, die wir von der Thüga-Regulierung einmal die Woche mit Partnerunternehmen durchführen, haben uns die Stadtwerke Pirna erzählt, wie sie es machen. Ganz pragmatisch: Es gibt eine Sammel-E-Mail-Adresse für das Unternehmen. Dorthin können alle Mitarbeiter*innen Abweichungen schicken, die durch die Corona-Krise bedingt sind. Monteure, die der Kunde aufgrund von Angst vor Ansteckung nicht ins Haus gelassen hat, oder Dienstreisen, die storniert werden mussten und Extra-Kosten oder „fehlende“ Kosten nach sich zogen. Das dortige Regulierungsmanagement sortiert und strukturiert dann alle Fälle.

Wozu eine Corona-Sprechstunde?

Einmal die Woche finden sich hier die Teilnehmer des Thüga-Arbeitskreises Regulierung zusammen, natürlich online. Hier können sie sich austauschen – und stellen fest, dass sie mit ihren Themen häufig nicht alleine sind. Wir anonymisieren dann die Themen und lassen sie in unsere FAQ-Liste im Extranet einfließen. Das kommt gut bei allen an.

Gibt es denn vonseiten der Politik oder den Behörden bereits Erleichterungen bezüglich der Regulierung, wie zum Beispiel Fristverschiebungen?

Die Fristen, die im Gesetz stehen, lassen sich nicht so einfach verschieben. Aber einige „kleinere“ Termine handhaben die Behörden großzügiger. Zum Beispiel wurde die Abgabe des jährlichen Monitorings bereits verschoben. Bei Anträgen wie für das Regulierungskonto oder den Kapitalkostenaufschlag wären Vereinfachungen denkbar: Die Unternehmen müssen zwar den Antrag formal fristgerecht stellen, die Inhalte dazu können sie aber später abgeben. Grundsätzlich sind wir bei Thüga der Meinung, dass die Politik zurzeit Luft braucht, um sich um die akuten, durch die Corona-Krise notwendigen Entscheidungen zu kümmern. Jetzt zu viel Druck ausüben, bringt nichts. Aber unsere Partnerunternehmen können sich sicher sein, dass wir am Ball bleiben und zu gegebener Zeit aktiv werden.

Zur Bedeutung der Kommunalen Netze: Renditen wichtig für Kommunen

Die Corona-Krise lässt Einnahmen der Kommunen wegbrechen. Zudem benötigt die regionale Wirtschaft deren finanzielle Unterstützung. Fallen dann noch Renditen aus dem Netzbereich weg, wird es sehr schwer für die kommunale Finanzierung. Zwei Regulierungs-Dauerbrenner-Themen bleiben also weiter relevant. Erstens: die kalkulatorische Eigenkapitalverzinsung. Sie ist der theoretische Gewinn des Netzbetreibers, stellt aber keine Garantieverzinsung dar. Hiervon müssen Ergebniseinbußen aufgrund des zunehmenden markt- und systemisch bedingten Kostendrucks kompensiert werden, die im Erlöspfad nicht berücksichtigt werden. Sinkt der EK-Zinssatz und steigen die OPEX während der Regulierungsperiode, so reduziert sich der (ausschüttbare) Gewinn der Netzbetreiber. Zweitens: Der Thüga-Datenpool zum Sockeleffekt bestätigt, dass ein Großteil der Netzbetreiber seine Kapitalkosten für Investitionen der ersten und zweiten Regulierungsperiode trotz der aktuellen Übergangsregelung nicht decken kann. Es droht eine massive Finanzierungslücke für diese Investitionen. Die Ergebnisse der Netze geraten dadurch unter Druck.