Strom- und Gasnetzbetreiber müssen viel Geld investieren, um die Ziele der Energiewende zu erreichen. Damit sich diese Ausgaben refinanzieren, braucht es ein professionelles Regulierungs­management. Ein Gespräch mit Sandra Wimmer, Leiterin Kompetenzteam Regulierung der Thüga, und Dr. Matthias Cord, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Thüga, über die wichtigsten Stellschrauben.

Welche Rolle spielt Regulierung bei Energiever­sorgern?

Cord: Im Netz erwirtschaften Energieversorger 55 Prozent ihrer Ergebnisse. Insofern nimmt Regulierung im Kerngeschäft einen hohen Stellenwert ein. Werden bei den Unternehmen die richtigen Stellhebel getätigt, wirkt sich dies positiv auf die Ergebnisse einer gesamten Regulierungsperiode aus.

Das klingt nach einer großen Herausforderung?

Wimmer: Ja, denn Regulierung ist sehr komplex – sie besteht aus einer Reihe an Regularien, Bescheiden und Fristen, die befolgt werden müssen. Dazu kommt, dass sich die Logik nicht nach den gängigen kaufmännischen Prinzipien richtet und sich die Regeln auch oft ändern. All das trägt dazu bei, dass es einigen unserer Partner schwerfällt, sich auf die Erfordernisse der Regulierung einzustellen und daran gezielt ihre Entscheidungen auszurichten. Wichtig ist, dass die Unternehmen das Thema ganzjährig auf dem Schirm haben – am besten mit einer Regulierungseinheit, die die nötige Zeit und das Know-how mitbringt. Sich nur einmal im Jahr damit zu beschäftigen, genügt schon lange nicht mehr.

Cord: Unternehmen müssen sich in ihren Strukturen und Abläufen ändern. Dazu braucht es aber einen klaren Willen, ein Commitment, diesen Veränderungsprozess zu starten und ins Unternehmen hineinzutragen. Das heißt: Um sich zu optimieren, müssen alle Bereiche, die mit dem Netz zu tun haben, mitdenken und mitwirken. Auch wenn es erst einmal mühsam ist.

Wie wichtig ist das Basisjahr?

Wimmer: Um es noch einmal zu betonen: Für das Ergebnis der folgenden Regulierungsperiode ist das Basisjahr ausschlaggebend. Damit wird das Ausgangsniveau für die Erlösobergrenze bestimmt. Deshalb ist es so wichtig, dass im Basisjahr nicht „gepatzt“ wird.

Auf der einen Seite ist von Kapitalkosten die Rede. Auf der anderen Seite von operativen Kosten. Welche Kosten spielen bei der Regulierung wann eine Rolle?

Wimmer: Seit dieser Regulierungsperiode lassen sich Kapitalkosten von getätigten und geplanten Investitionen jährlich als Erhöhung der Erlösobergrenze beantragen. Der Zeitverzug wurde hier also beseitigt. Anders sieht es bei den operativen Kosten aus: Dabei handelt es sich um Aufwendungen für den laufenden Betrieb, beispielsweise für die Instandhaltung der Anlagen. Diese Kosten werden nur im Basisjahr betrachtet und sind deswegen so bedeutsam.

Wir befinden uns gerade im Basisjahr für die 4. Regulierungsperiode Gas. Welche Maßnahmen müssen jetzt konkret ergriffen werden?

Wimmer: Wichtig ist, dass geplante Instandhaltungsmaßnahmen auch durchgeführt werden. Einsparpotenziale im Gas sollten erst nächstes Jahr gehoben werden. Nicht zu vernachlässigen ist auch der Blick auf die Bilanzen: Hier zählen das Vorbasisjahr und das Basisjahr.

2021 ist das Basisjahr Strom. Wie bereiten sich die Netzbetreiber darauf am besten vor?

Wimmer: Da ist noch mehr machbar als beim Gas – hinsichtlich der Bilanzoptimierung 2020, also dem Vorbasisjahr, und der Maßnahmenplanung für 2021. Besonders wichtig ist es, die nötigen Dienstleisterkapazitäten für 2020 und 2021 zu sichern.

Können Sie ein Beispiel für einen wichtigen regulatorischen Stellhebel nennen?

Wimmer: So seltsam es klingt: Das Wichtigste ist es, im Basisjahr Erträge zu vermeiden, denn diese reduzieren die Netzkosten und somit das Ausgangsniveau für die Erlösobergrenze. Im Klartext: Ausgetauschtes Netzmaterial, Autos oder Betriebsgebäude nicht im Basisjahr verkaufen, sondern lieber ein Jahr später.

Welche Folgen hat es, wenn Regulierungsmaßnahmen nicht optimal oder schlimmstenfalls gar nicht umgesetzt werden?

Cord: Nicht genutzte Optimierungsmöglichkeiten, fehlerhafte Zuordnungen oder ungünstige Sondereffekte in den Basisjahren belasten die Ergebnisse des Netzes über eine gesamte Regulierungsperiode. Sie strahlen auf das Gesamtunternehmen aus und können nicht vollständig durch andere Tätigkeiten ausgeglichen werden.

Welche politischen Entscheidungen erwarten Sie und wie wirken diese sich in der Mittelfristplanung aus?

Wimmer: Wir sehen in der Mittelfristplanung, dass die Ergebnisse in der 4. Regulierungsperiode einbrechen. Zwei Themen wirken sich dabei besonders negativ aus: der Eigenkapitalzins und der zu befürchtende Wegfall des Sockeleffekts. Deshalb sollten wir zwei Wege beschreiten: Erstens müssen wir innerhalb der Unternehmen regulatorisch optimieren. Zweitens sollten wir nach politischer Unterstützung auf lokaler Ebene suchen.

Wie können Partnerunternehmen auf lokaler Ebene die Positionen der Thüga-Gruppe unterstützen?

Cord: Nicht nur Geschäftsführer sind am Ergebnis ihrer Unternehmen interessiert, sondern auch die Bürgermeister der Kommunen. Darum muss das Bewusstsein, welche Bedeutung Regulierung hat, auch in den Rathäusern geschärft werden. Die Thüga braucht diese kommunale Unterstützung, um politisch gehört zu werden. Wir bereiten aktuell entsprechende Argumentationspapiere vor, die wir unseren Partnern zur Verfügung stellen.