Sich auf die eigene Intuition zu verlassen, kann hilfreich sein. Doch bei Ladesäulen gibt es zielführendere Möglichkeiten, den geeigneten Standort zu finden. Die Thüga hat dafür gemeinsam mit dem Freiburger Start-up Geospin die Potenzialanalyse für Ladesäulen entwickelt.

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Evamaria Zauner

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Die Mobilitätsgewohnheiten der Bevölkerung ändern sich – CO2-Einsparung und Elektromobilität rücken immer mehr in den Fokus der Verkehrsteilnehmer. Für die Alltagstauglichkeit und Akzeptanz von Elektrofahrzeugen ist eines besonders relevant: eine öffentlich zugängliche und bedarfsgerechte Ladeinfrastruktur. Von einem gut platzierten Standort profitieren nicht nur die Kunden, sondern auch die Ladesäulen-Betreiber durch die höhere Auslastung ihrer Ladesäulen.

Algorithmus für optimierte Standortwahl

Wenn sich Städte und Gemeinden für neue Ladestationen entscheiden, stellt sich schnell die Frage nach dem Wo. „Das ist ein Thema, das wir dank unserer detaillierten Potenzialanalyse beantworten können“, erklärt Evamaria Zauner, Projektmanagerin Mobilität im Innovationsmanagement der Thüga. „Bisher hat man Ladesäulen meist nach einem einfachen Auswahlverfahren aufgestellt oder sich auch aus Imagegründen für Ladeplätze entschieden. Das führt teilweise zu einer schlechten Erreichbarkeit und damit zu Einbußen bei der Wirtschaftlichkeit“, so Zauner.

Die Daten-Spezialisten von Geospin haben einen selbstlernenden Algorithmus entwickelt, der objektiv bewertet, welche Standorte ideal sind. „Mit unserer Software ist es erstmals möglich, die versteckten Strukturen und Dynamiken einer Stadt zu analysieren. Diese Erkenntnisse können wir schließlich Unternehmen oder Städten zur strategischen und operativen Entscheidungsfindung zugänglich machen“, sagt Geospin-Gründer und Geschäftsführer Dr. Sebastian Wagner. Basis für die Berechnung ist ein riesiger Datenfundus von mehr als 700 externen Umgebungsinformationen. Diese schließen unter anderem Wetter, Verkehr, Demographie, soziale Medien und Points of Interest, wie Kinos, Restaurants oder öffentliche Einrichtungen, ein. Zusätzlich verwertet die Software zur Standortanalyse unter anderem 400 ausgewertete Standorte mit über 180.000 historischen Ladevorgängen. Die Daten stammen aus dem „ladenetz.de“ Netzwerk. Im Verbund, der von Smartlab betrieben wird, sind über 140 Partner aktiv, die ihre Ladesäulen in ein gemeinsames Backend eingebunden haben, zusätzlich sind über die Roaming-Plattform e-clearing.net weitere Anbieter eingebunden. „Wir haben unsere Daten über einen längeren Zeitraum in unterschiedlichen Städten und Gemeinden deutschlandweit gesammelt“, konkretisiert Zauner. Denn: Je mehr Daten das System erfasst, umso genauer wird das Analyse-Ergebnis. Deswegen werden kontinuierlich weitere Daten eingepflegt.

„Am Ende erhalten wir durch die Potenzialanalyse sogenannte Heatmaps“, sagt Zauner. „Mit ihnen können wir sehr genau feststellen, dass in Musterstadt beispielsweise zwei neue Ladesäulen in der Hauptstraße zwischen Museum und Supermarkt gut genutzt würden.“

Erster Einsatz der Standortanalyse in Wiesbaden

Die ESWE baut bereits seit einigen Jahren ein Ladenetz in Wiesbaden auf. „Über die Thüga-Innovationsplattform haben wir von der Standortoptimierung erfahren und waren sofort interessiert“, sagt Sergej Stimeier, Referent Unternehmensstrategie bei der ESWE. „Wir wollten schnellstmöglich mit dem Projekt beginnen und mussten sogar nochmal warten bis der Rahmenvertrag zwischen Thüga und Geospin geschlossen war.“ Dabei hat die ESWE zwei Analysen beauftragt.

Bei der ersten Analyse prognostiziert der Algorithmus innerhalb definierter Postleitzahlengebiete die besten Standorte für neue Ladesäulen, zusammen mit einer hochgerechneten Auslastung. „Gleichzeitig haben wir eine eigene Liste mit potenziellen Standorten erstellt. Diese hat Geospin dann zusätzlich geprüft“, erklärt Stimeier. „Einige Standorte haben in beiden Analysen übereingestimmt, andere waren neu für uns, aber unsere Liste war überraschend gut.“ Der Vorteil für ESWE: Bei den ausgewählten Standorten stimmen die Netzbedingungen bereits für den Betrieb einer Ladesäule. Bei anderen Standorten, die potenziell interessant sind, muss zuerst das Netz ausgebaut werden.

Ralf Schodlok, Vorstandsvorsitzender der ESWE Versorgungs AG, beim Aufladen an einer ESWE-Ladesäule (Foto: LOTHAR REHERMANN / ESWE VERSORGUNG).

Anwendungsfall Zwischenladen

Die Säulen sollen primär für das Zwischenladen zur Verfügung stehen. „Zwischenladen“ ist einer von mehreren Anwendungsfällen, die für Ladesäulenplanung dienen können. „Beim Zwischenladen wird mit einer Ladezeit von etwa einer bis drei Stunden gerechnet“, erklärt Stimeier. „Beispielsweise beim Einkaufen, beim Frisörbesuch oder Arztbesuch und vielen ähnlichen Fällen.“ Dementsprechend prognostiziert die Standortanalyse die besten Stellen für diesen Nutzungsfall. Am Ende des Projekts ist eine Liste mit 20 möglichen Standorten entstanden, bei denen die Netzbedingungen und die prognostizierte Auslastung stimmen. Die Stadt Wiesbaden erarbeitet gerade ein „Elektromobilitätskonzept“. ESWE wird auf Basis der Potenzialanalyse und mit Fördermitteln des Landes Hessen ein erstes, flächendeckendes Netz an Ladeinfrastruktur, bestehend aus zusätzlichen 20 Ladesäulen mit 40 Ladepunkten in Wiesbaden errichten.

Interessant war auch ein weiteres Ergebnis der Standortanalyse, denn auch die bereits bestehenden Ladesäulen wurden vom Algorithmus bewertet. „Dabei kam heraus, dass wir für unsere Ladesäulen gute Standorte gewählt haben.“, sagt Stimeier. „Das können wir auch an der Auslastung sehen. Im Schnitt ist die derzeit am meisten frequentierte Säule knapp drei Stunden pro Tag belegt. Das deckt sich mit dem Prognosewert von Geospin.“