Energiewende & Dekarbonisierung

"Der Ladesäulenaufbau muss dem Fahrzeugbau vorauseilen."

 
Energiewende & Dekarbonisierung
Energiewende & Dekarbonisierung | 04.08.2017

"Der Ladesäulenaufbau muss dem Fahrzeugbau vorauseilen."

Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), sieht die Elektromobilität als entscheidender Faktor zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland – und fordert mehr Engagement beim Ausbau der Ladeinfrastruktur.

Wie sehen Sie die Automobilbranche in Zukunft? Wird es in 20 Jahren nur noch E-Fahrzeuge geben?

Matthias Wissmann: Es wird in den kommenden Jahren einen Mix an Antriebsarten geben. Die deutsche Automobilindustrie bietet hierfür die gesamte Palette an: vom optimierten Verbrenner bis zum E-Motor mit Batterie oder Brennstoffzelle. Wahrscheinlich werden wir erst Mitte des nächsten Jahrzehnts genau wissen, welcher Motor sich in welchem Land der Welt durchsetzt. Wir schätzen allerdings, dass im Jahr 2025 zwischen 15 und 25 Prozent der weltweiten Pkw-Neuzulassungen E-Mobile sein werden. Sei es als reine Stromer oder als sogenannte Plug-in-Hybride. Sicher ist: Deutschland als Heimat der Automobilindustrie und als global ausgerichteter Anbieter von Fahrzeugen kann es sich nicht erlauben, auch nur auf eine einzige dieser Technologien zu verzichten oder sie gar zu verbieten.

Warum ist die Elektromobilität so wichtig?

Die Elektromobilität spielt eine Schlüsselrolle für eine klimafreundliche Mobilität der Zukunft. Es geht um die strategische Entscheidung der Politik, den Weg „weg vom Öl“ zu bestreiten. Die in Paris auf den Weg gebrachten CO2-Ziele sind nur mit einem erheblichen Anteil von Elektrofahrzeugen erreichbar. Deshalb wird die deutsche Automobilindustrie ihre globale Elektromobilitätsoffensive weiter vorantreiben. Die nächste Batteriegeneration wird etwa 2025 verfügbar sein. Dann erhöht sich die Reichweite und die Preise werden gegenüber heutigen Batteriemodellen etwa um die Hälfte niedriger sein.

Viele Leute in Deutschland sind an einem E-Auto interessiert, scheuen aber den Kauf aufgrund der hohen Kosten und der geringen Reichweite. Wie können wir mehr Menschen von der E-Mobilität überzeugen?

Insgesamt ist ein Dreiklang notwendig, damit die Elektromobilität im Massenmarkt ankommt: Ausbau der Ladeinfrastruktur, höhere Reichweite der E-Autos und günstigere Kosten. In allen drei Bereichen kommen wir voran. Die Bundesregierung fördert den Ausbau der Ladeinfrastruktur, auch deutsche Hersteller leisten wichtige Beiträge. So wollen BMW, Daimler, Volkswagen und Ford in diesem Jahr damit beginnen, 400 Schnellladesäulen einer neuen Generation in Europa aufzustellen, mit denen die Batterie der Elektro-Fahrzeuge deutlich zügiger aufgeladen werden kann. Die Reichweitenfrage ist bei den kommenden Modellen gelöst, wir reden hier von 500 Kilometer mit einer Batterieladung. Und auch die Kosten für die Batterie sinken stetig.

Warum funktioniert die E-Mobilität in anderen europäischen Ländern besser als in Deutschland?

Der Blick auf die internationalen Märkte zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Marktentwicklung und staatlicher Förderung. In Ländern, wo der Staat starke Anschubimpulse setzt, wächst die Elektromobilität schneller. Daher ist es wichtig und richtig, dass auch hierzulande die deutsche Politik das „Starterkabel“ ausgepackt hat.

Das „Starterkabel“ wird derzeit aber leider noch nicht so angenommen wie gewünscht.

Das würde ich so nicht sagen. Schauen Sie sich nur einmal den Umweltbonus an: Im Juni haben wir mit einem Plus von 175 Prozent auf 4.702 Elektrozulassungen einen Monatsrekord bei den E-Zulassungen verbucht. Oder nehmen Sie die Reaktion auf den ersten Aufruf, sich am Förderprogramm der Bundesregierung zu beteiligen. Nach wenigen Wochen war das Programm deutlich überzeichnet. Bis heute wurden Förderbescheide in Höhe von 16 Millionen Euro erteilt. Damit werden allein mit diesem ersten Aufruf bis Ende 2017 2.500 neue Ladesäulen errichtet. Diese neuen Säulen haben zudem alle den Vorteil, dass sie gemäß der Ladesäulenverordnung vom Mai 2017 errichtet werden. Das heißt, egal, ob mit Vertrag oder ohne Vertrag können Fahrer von Elektroautos an jeder dieser Säulen sofort und problemlos tanken.

Angela Merkels Ziel von 1 Million E-Autos bis 2020 hat sie vor einigen Wochen selbst als unrealistisch erklärt. Volvo hat jüngst erklärt, 2019 die Ära des Verbrennungsmotors zu beenden und nur noch Hybrid oder E-Autos herzustellen. Ist das die richtige Strategie: Nicht die Politik fördert, sondern die Autohersteller ändern ihr Angebot?

Die Bundeskanzlerin hat auch betont, dass der Durchbruch für den Elektroantrieb sehr plötzlich kommen kann. Darauf bereiten wir uns vor. Bei allen neuen Technologien ist das Wachstum nicht linear, sondern steigt nach einer Anfangsphase progressiv an. Die Elektromobilität ist für den Technologie- und Wirtschaftsstandort Deutschland entscheidend und muss mit aller Kraft vorangetrieben werden. Für dieses Ziel geht die deutsche Automobilindustrie bei der Elektromobilität enorm in Vorleistung. In den Bereichen Elektromobilität und Hybridantrieb stammt jeweils jedes dritte Patent aus Deutschland. Bis zum Jahr 2020 investiert die deutsche Automobilindustrie 40 Milliarden Euro in alternative Antriebe. Bis dahin werden wir zudem die Zahl der E-Modelle auf rund 100 mehr als verdreifachen. Schon 2019 werden auch die deutschen Automobilhersteller in nahezu allen Baureihen elektrische Antriebe anbieten und stellen damit die Wahlfreiheit für Kunden sicher.

Wie kann aus Ihrer Sicht das Henne-Ei-Problem von Fahrzeugen und Ladeinfrastruktur gelöst werden? Was müssen die Fahrzeughersteller, was die Stadtwerke dafür tun?

Der Ladesäulenaufbau muss grundsätzlich dem Fahrzeugbau vorauseilen. Nur so können Kunden das Vertrauen in die Verfügbarkeit von Ladeinfrastruktur bekommen – eine Basis für die Kaufentscheidung. Die Schnelllade-Initiative der deutschen Automobilhersteller verdeutlicht ihre Innovations- und Investitionsbereitschaft. Ein Engagement seitens der Stadtwerke im innerstädtischen Bereich zur Abdeckung der Nahbereichsmobilität würde ein ähnlich starkes Zeichen setzen und das Vertrauen in die Entwicklung der Elektromobilität fördern.

Was erwartet die Automobilindustrie von den Stadtwerken?

Wünschenswert ist eine grundlegende Investitionsbereitschaft in das Zukunftsthema Elektromobilität. Schön wäre eine konsolidierte, flächendeckende Beteiligung am Förderprogramm Ladeinfrastruktur der Bundesregierung und nicht wie bisher die Konzentration auf einige wenige Hotspots. Insbesondere ist es hierbei wichtig, durch die Anbindung der Ladesäulen an eine übergreifende Datenplattform ein global für alle Kunden verfügbares Ladenetz zu schaffen.

Einige Stadtwerke arbeiten bereits eng mit Autoherstellern zusammen, um in ihrer Stadt E-Fahrzeuge anzubieten. Wäre es nicht sinnvoll, mit einem Stadtwerke-Verbund wie der Thüga-Gruppe zu kooperieren anstatt mit jeder Stadt einzeln zu verhandeln?

Das macht auf jeden Fall Sinn. Wir können dafür im VDA die Plattform urbane Mobilität nutzen, in der wir die VDA-Mitglieder mit den Städten vernetzen. Die Städte spielen beim Aufbau von Infrastruktur eine wesentliche Rolle, da diese im gemeinsamen Geschäftsmodell die relevanten Flächen einbringen.

Matthias Wissmann, Jahrgang 1949, war nach dem Jura-Studium von 1975 an Mitglied im Bundesvorstand der CDU. Von 1983 bis 1993 war er Wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU/CSU – Bundestagsfraktion. 1993 war Wissmann zuerst Bundesminister für Forschung und Technologie, ab Mai 1993 Bundesverkehrsminister. Von 1991 bis 2007 hatte er den stellvertretenden Vorsitz der CDU Baden-Württemberg inne. Seit 2007 ist Wissmann Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) und Vizepräsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN