Mitte August hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier den „Aktionsplan Stromnetz“ vorgestellt. Mit diesem möchte das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) die Herausforderungen der Energiewende angehen. Als zentrale Aufgabe wird der Ausbau der Übertragungsnetze genannt. Markus Wörz, Leiter Energiepolitik Deutschland bei der Thüga, gibt im Interview eine erste Einschätzung.

„Über eine stärkere Kopplung von Strom- und Gasnetzen auf allen Spannungs- und Druckebenen könnte zumindest teilweise der schleppende Ausbau der Übertragungsnetze abgefedert werden.“

Markus Wörz

Stabstelle Energiepolitik Thüga

E-Mail an Markus Wörz

Herr Wörz, was sieht der Aktionsplan denn vor?

Der Aktionsplan Stromnetze beinhaltet eine Doppelstrategie. Einerseits sollen die bestehenden Netz-Infrastrukturen optimiert und Kapazitätsreserven stärker ausgelastet werden. Auf der anderen Seite soll der Netzausbau beschleunigt werden.

Wie sollen die Bestandsnetze optimiert werden?

Das BMWi unterscheidet eher kurzfristige und langfristige Maßnahmen. Die kurzfristigen Maßnahmen sehen eine Optimierung auf den Stand der Technik vor. Also flächendeckendes Freileitungs-Monitoring in Echtzeit, die Nutzung fortschrittlicherer Leiterseile, den Einsatz von Phasenschiebern. Aber auch intelligente Lastflusssteuerung, insbesondere an der Schnittstelle zwischen Verteil- und Übertragungsnetzbetreibern. Das BMWi nennt auch den Einsatz von regelbaren Ortsnetztransformatoren – sogenannten rONTs – als Maßnahme.

Und die langfristigen Maßnahmen?

Hier sollen neue Technologien zum Einsatz kommen: Mehr Digitalisierung und Automatisierung. Wichtig ist dem BMWi ein einheitlicher Standard, was die Thüga begrüßt. Dazu plant das BMWi eine gleichmäßigere Leitungsauslastung durch den Einsatz von Leistungselektronik und die Verbreitung und Standardisierung von Smart-Grid-Technologien auch im Verteilnetz.

Das andere Thema war Trassenbau. Wie sieht die Beschleunigung aus?

Ein Stichwort ist das Verfahrensmanagement, das das BMWi professionalisieren will. Dann könnten die Planungs- und Genehmigungsverfahren im Idealfall schneller laufen. Gleichzeitig soll die Politik auf allen Ebenen, also von den Kommunen über die Länder bis hin zur Bundesregierung, die Projekte stärker flankieren und die Wichtigkeit unterstreichen, um mögliche Probleme frühzeitig zu identifizieren und zu lösen.

Das klingt etwas dünn, wie bewerten Sie den Aktionsplan denn?

Es ist ein erstes energiepolitisches Lebenszeichen nach der Sommerpause. Aber es stimmt, inhaltlich ist der Plan nicht spektakulär. Einige Dinge wie die vorausschauende Netzplanung zum Beispiel durch Mitverlegung von Leerrohren, ein Anzeige- statt eines Genehmigungsverfahren bei Umbeseilung oder der Verzicht auf eine Bundesfachplanung bei Netzverstärkung sind durchaus sinnvoll. Aber bei anderen Vorschlägen sehen wir noch Konkretisierungsbedarf.

Politisches Konfliktpotenzial im Aktionsplan

Wo wäre das der Fall?

Es fehlen im Aktionsplan jegliche Zeitpläne für die Umsetzung der einzelnen Maßnahmen. Das verwundert doch etwas. Ein weiteres Beispiel ist eine Begrenzung des Vorschlagsrechts der Länder bei Alternativrouten. Das birgt politisches Konfliktpotenzial. Und auch bei der Idee eines Baubeginns ohne vorliegende Genehmigung für die Gesamttrasse muss mehr Klarheit geschaffen werden, da dies wohl nicht ganz risikolos wäre.

Was ist aus Ihrer Sicht die größte Schwachstelle?

Der Plan fokussiert fast ausschließlich auf die Übertragungsnetze. Verteilnetze werden nur an wenigen Stellen erwähnt. Schon vor einem Jahr haben wir in unserem 15-Punkte-Papier eine Stärkung der Verteilnetzbetreiber (VNB) gefordert.

Wie soll die aussehen?

Die tragende Rolle der VNB und deren neue Aufgaben müssen im Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) klar gegenüber der Rolle der Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) gestärkt werden. Dabei muss der wachsende Beitrag zur Systemstabilität, ein eigenständiges Engpassmanagement sowie der Einsatz von Flexibilitäten im Verteilnetz ermöglicht werden.

Hier gibt es keine Bewegung?

Bisher konkretisiert der Aktionsplan Teile des Netzkapitels aus dem Koalitionsvertrag zu den Übertragungsnetzen und kombiniert diese mit den Ergebnissen diverser Workshops des BMWi aus den letzten Monaten. Ein Mehr an Verantwortung für die VNB lässt sich im Aktionsplan allenfalls erahnen. Hier wünschen wir uns vom BMWi mehr Offenheit für die Anliegen der Verteilnetze. Da das BMWi beabsichtigt, den Aktionsplan weiterzuentwickeln bin ich durchaus optimistisch, dass sich noch etwas bewegt.

Etwas überraschend finden wir die skizzierten Ideen für die ökonomischen Anreize.

Ökonomische Anreize?

Das BMWi konstatiert unter Anderem, dass es für Netzbetreiber keine besonderen ökonomischen Anreize für einen zügigen und rechtzeitigen Netzausbau gibt und dass es bislang allein in der Hand des Betreibers liegt, wann energiewirtschaftlich erforderliche Vorhaben beantragt und vorangetrieben werden. Übersetzt könnte das bedeuten, dass dem BMWi eine Verknüpfung von Rendite und Umsetzungszeitpunkt vorschwebt. So eine Verknüpfung halten wir für äußerst bedenklich, weil die Dauer von Leitungsbauprojekten nicht allein in der Hand der Netzbetreiber liegt. Die Dauer von solchen Projekten ist abhängig von den jeweiligen Gesetzesfristen, der Arbeit der beteiligten Behörden und den öffentlichen Konsultationen.

Gesetzgebungs-Entwürfe könnten zeitnah folgen

Wie geht es jetzt mit dem Aktionsplan weiter?

Sofern das BMWi den Routinen der letzten Jahre folgt, dürften aus dem Aktionsplan relativ zeitnah konkrete Gesetzgebungsentwürfe resultieren. Soweit uns bekannt, gibt es bereits einen weitestgehend vorbereiteten Verordnungsentwurf zum Einbezug von EE/KWK in den Redispatch im BMWi. Eine Novelle des Netzausbaubeschleunigungsgesetzes dürfte ebenso alsbald folgen, dies hatte schon der Koalitionsvertrag beinhaltet. Was mögliche Anpassungen am Regulierungsrahmen anbelangt, dürfte es wohl noch etwas dauern, bis das BMWi erste Vorschläge präsentiert. Nicht umsonst heißt es im Aktionsplan, dass bei diesem Thema „dicke Bretter“ zu bohren sind. Hier warten wir erst einmal auf Entwürfe, bevor wir eine Bewertung abgeben.

Abschließend: Von der Sektorkopplung haben wir bislang gar nicht gesprochen. Was sieht das BMWi in Sachen denn vor?

Auch hinsichtlich der Sektorenkopplung von Strom- und Gasnetzen bleibt der Aktionsplan blass, um nicht zu sagen, er würdigt das wichtige Thema mit keiner Silbe und betrachtet Strom vollkommen isoliert. Das ist unseres Erachtens nicht mehr zeitgemäß. Über eine stärkere Kopplung von Strom- und Gasnetzen auf allen Spannungs- und Druckebenen könnte zumindest teilweise der schleppende Ausbau der Übertragungsnetze abgefedert werden. Ein ganzheitlicherer Ansatz des BMWi hin zu einem Aktionsplan Strom- & Gasnetz wäre wünschenswert.