Im Interview sprechen wir mit der Leiterin des SmartCity.institute Chirine Etezadzadeh über die Stadt der Zukunft und die Rolle von Stadtwerken für Smart Cities.

Prof. h.c. Dr. Chirine Etezadzadeh leitet das Smart City.institute, zwei Smart City Start-up Unternehmen und ist Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Smart City e.V. Ihre Honorarprofessur wurde ihr von der Beijing Information Science & Technology University verliehen. 2017 veranstaltete Prof. Etezadzadeh gemeinsam mit der Messe Frankfurt die erste Smart City Convention, „Blisscity“, den Treffpunkt der deutschen Smart City Community.

Welche Vision steht hinter dem Thema Smart City?

Unser Lebensstil und Verbrauchsverhalten belasten unsere Umwelt derart stark, dass wir etwas verändern müssen, um unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu bewahren. Da es uns grundsätzlich schwer fällt, Verzicht zu üben, suchen wir nach Alternativen, also nach Lösungen, die Komfort und Nachhaltigkeit miteinander kombinieren. Sofern uns das gelingt und wir dabei auch noch unsere Vorstellungen vom guten Leben im Auge haben, also Aspekte wie Freiheit, Sicherheit, Vielfalt etc., kann man von smarten Lösungen sprechen. Nutzen wir solche Lösungen, um die Ziele der Stadtentwicklung zu adressieren, dann sind wir auf dem Weg in die Smart City.

Wie definieren Sie eine Smart City?

Eine Stadt oder Gemeinde, die ihre Zukunft nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit aktiv gestaltet und dabei die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Stadtbewohner in den Mittelpunkt stellt, ist der Ausgangspunkt smarter Stadtentwicklung. Smart City steht für Energie- und Ressourceneffizienz, langfristig für Kreislaufwirtschaft, für umfassende Nachhaltigkeitsziele, für Resilienz und für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Um diese Ziele erreichen zu können, wird die Stadt die zuvor angesprochenen Lösungen nutzen. Diese Lösungen erfordern intersektorale Kooperation und die Integration von Systemen, Produkten und Prozessen mithilfe der Digitalisierung. Und so steht Smartness schließlich auch für die technische und soziale Vernetzung, die das Ganze ermöglichen soll. Entscheidend ist, dass wir diese Lösungen implementieren, um die zuvor genannten Ziele zu erreichen und um sinnvollen Nutzen zu stiften, nicht aus anderen Gründen.

Wie müsste die Zukunftsstadt aussehen, in der Sie gerne leben würden?

Ich würde gerne in einer Stadt oder Kommune leben, die diese Ziele bereits umgesetzt hat, ohne sich Technologien und der Privatwirtschaft auszuliefern. Das heißt, es sollte eine gesunde, schöne, vielfältige, grüne, lebendige und individuelle Stadt sein. Ich möchte in einer Stadt leben, in der nicht jede Handlung vermessen und bewertet wird, sodass die Bewohner ständigem Stress ausgesetzt sind. Und ich möchte in einer Stadt leben, in der alle Menschen ine Chance auf Privatsphäre haben. Spätestens wenn wir mit der Freigabe von Daten Geld verdienen können, wird das ein Thema.

Wer sorgt dafür, dass eine Stadt „smart“ wird?

Die Stadt- oder Gemeindeverwaltung sollte den Prozess initiieren, sofern er nicht bereits von den Stadtbewohnern gestartet wurde. Wichtig ist, dass die städtischen Akteure frühzeitig und stetig in den Veränderungsprozess eingebunden werden, um zu klären, welche Ziele die Stadt auf welche Art und Weise erreichen will. Während die Stadt also koordiniert, monitort und Prozesse konsolidiert, sehe ich beim Stadtwerk die Rolle des Umsetzers.

Was empfehlen Sie den Stadtwerken, um „ihre“ Kommune zur Smart City zu machen?

Stadtwerke sollten ihre Rolle erkennen und mit politischer Unterstützung den Lead in der Smart City-Entwicklung übernehmen. Kommunale Unternehmen müssen ihre konventionellen Geschäftsfelder zukunftsfähig machen,sich auf eine weiterentwickelte Daseinsvorsorge ausrichten und das Aufkommen digitaler Geschäftsmodelle vorbereiten. Smartness ist eine dezentrale Aufgabe, die lokale Umsetzung erfordert, weil es um die Menschen und Strukturen vor Ort geht. Hierfür brauchen wir hochgradig vertrauenswürdige Akteure, die die Infrastrukturen der Zukunft mit der Versorgungssicherheit von heute betreiben

Welche neuen Geschäftsfelder entstehen mit Smart City, vor allem für Stadtwerke?

Es geht um die Bereitstellung, intersektorale Vernetzung und Steuerung unserer heutigen und zukünftigen Infrastrukturen. Insbesondere im Bereich Sicherheit und angeschlossener Dienstleistungen liegt großes Geschäftspotenzial. Denken Sie allein an das Betreiben von Plattformen, das Datenmanagement und die Datenverwaltung. Wenn nicht unsere Stadtwerke diese Aufgaben übernehmen, werden es andere tun und das wäre nicht gut für unsere Bürger.

Wann werden unsere Städte „smart“ sein?

Wir sollten uns jetzt auf den Weg machen. Angesichts der technologischen Entwicklungen im Ausland ist hier ein wenig Entschlossenheit geboten. Unser Institut arbeitet daran, mit zahlreichen deutschen Partnerunternehmen sinnvolle und vernetzte Lösungen zu entwickeln, die wir deutschen Städten und Gemeinden an die Hand geben können. So kann jede Kommune einen vertretbaren Einstieg finden und das Thema koordiniert angehen.