Branchenexperten sind sich sicher: Augmented Reality (AR) wird schon bald großen Einfluss auf die Produktivität und Mobilität von Unternehmen haben. Mehrere Thüga-Partner gehören zu den Ersten der Energiebranche, die die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten der erfolgversprechenden Technologie testen. Sie begegnen Fachkräftemangel und immer komplexer werdenden Aufgaben damit frühzeitig.

„Wir betreiben Energienetze mit einer Länge von über 5.500 Kilometern in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern“, erzählt Jörg Albrecht, Elektrotechniker im Bereich Fernwirktechnik, Thüga Energienetze (THEN) in Singen. „Wie für viele Unternehmen unserer Branche ist es auch für uns schwierig, Spezialisten und Fachkräfte für jede Region zu finden. Das heißt, wenn in Schifferstadt das Modem einer Gasstation ausfällt, muss sich im schlechtesten Fall ein Kollege aus Singen ins Auto setzen.“ Allzu oft wird das bei der THEN in Zukunft aber nicht mehr passieren. Das Zaubermittel heißt Augmented Reality (AR): Die computergestützte Erweiterung der menschlichen Wahrnehmung soll Reisezeiten minimieren, Kosten einsparen und die Reichweite von Experten erhöhen.

Realität erweitern

THEN begegnet der erweiterten „Realität“ bei ihrem Pilotprojekt dabei auf zwei Wegen. Die Kollegen erarbeiten mit der Modellfabrik Bodensee momentan den Prototyp einer App und testen darüber hinaus mit terranets bw den Einsatz von AR-Brillen. „Modems in Gasstationen hängen sich öfter mal auf. Wenn kein Spezialist vor Ort ist, kann der Außendiensttechniker im Bereitschaftsfall über die App bei der Reparatur unterstützt werden“, so Albrecht. In der Software wurden dazu neben der 3D-Animation des Modems auch Schaltpläne, Bedienungsanleitungen oder Tutorials hinterlegt. „Selbst wenn der Techniker kein Spezialist ist – über die App erhält er genaue Anweisung zum Neustart. Und die Grafik passt sich je nachdem, wie ich das Tablet oder das Smartphone halte, an. So kann ich das Modem aus jedem Winkel betrachten.“ Zukünftig wird es dann auch die Möglichkeit zu einem zusätzlichen Videochat mit einem Experten geben. Dazu soll die Software mit einer AR-Brille kombiniert werden. Die Testphase wird noch ein paar Monate dauern. Bei der THEN hofft man, bis Ende 2019 die App soweit entwickelt zu haben, dass sie dann auch von anderen Thüga-Partnern genutzt werden kann.

Fernwartung leicht gemacht

Etwas weiter nördlich, bei der Energienetze Mittelrhein (enm), der Netzgesellschaft der Energieversorgung Mittelrhein (evm), konzentriert man sich besonders auf die Arbeit mit Datenbrillen. Daniela Wahlen, Leiterin des Augmented Reality-Projekts bei der enm: „Unser primäres Ziel ist es, die Datenbrillen für den Remote Support, also die Fernunterstützung von Monteuren durch Experten in der Zentrale, zu erproben.“ Da die Datenbrille die Realität um eine Perspektive erweitert, wird die Arbeit der Monteure durch zusätzlich angezeigte Informationen einfacher. Über Videotelefonie hat der Experte in der Zentrale die Möglichkeit, praktisch durch die Augen des Technikers die Situation vor Ort zu sehen. An seinem Computer kann er Texte und Pfeile in das Sichtfeld des Technikers einfügen und ihn somit nicht nur akustisch, sondern auch visuell anleiten.

Probieren geht über Studieren

Da der Erfolg einer neuen Technologie wie AR mit der Akzeptanz der Mitarbeiter steht und fällt, wurde das Projekt bei der enm mit einer ausgedehnten Test-Phase begonnen. „Für den Piloten haben wir drei AR-Brillen gekauft, die nun von Abteilung zu Abteilung wandern. Dadurch haben alle – vom Facility-Management bis hin zu den Mittelspannungsnetz-Monteuren – die Möglichkeit, sich mit der Technik vertraut zu machen“, erklärt Wahlen. „Und wir können überprüfen, welche Bereiche tatsächlich von AR profitieren und in welchen Abteilungen sich die Brillen für den regulären Einsatz eignen.“

Skalierbare Lösungen

Elke Wanke, Expertin für Digitalisierungsstrategie im Kompetenzcenter Digitalisierung & Kaufmännische Beratung der Thüga, koordiniert das Thema AR für die Thüga-Gruppe. „Mit Blick in die Zukunft glaube ich, dass AR durchaus eine Lösung für viele Herausforderungen der Thüga und ihrer Partner werden kann.“ Interessierte Unternehmen der Gruppe können deshalb einmal im Monat an einem großen Austauschkreis per Telefon- oder Videokonferenz teilnehmen. „Es sind jetzt schon rund zehn Partner, die gemeinsam mit THEN, enm und terranets bw über Anwendungsfälle und Synergiemöglichkeiten diskutieren,“ sagt Wanke.