Intelligente Messsysteme auf der Zielgeraden

Jahrelang hat sich die Energiewirtschaft mit intelligenten Messsystemen beschäftigt – und musste dabei einige Zeit im Dunklen tappen. Doch seitdem das Messstellenbetriebsgesetz 2016 in Kraft trat, kann sie sich an die Arbeit machen. So auch die Thüga und ihre Plusgesellschaften.

„Die Zeit des strategischen Vorausdenkens zahlt sich nun aus“, sagt Johannes Wieser von der Thüga-Technik. „Jetzt sind wir und vor allem die Thüga-Plusgesellschaften an der praktischen Umsetzung“. Zum Beispiel: Die Recherche nach Herstellern, die demnächst Smart Meter Gateways liefern können oder die Entwicklung von Produkten, die Energievertriebe rund um das Thema digitale Stromzähler anbieten können.

Das Ende einer Ära

Für Johannes Wieser geht fast eine Ära zu Ende: Im Oktober traf sich das Kernteam des Thüga-Smart Meter-Projekts zum letzten Mal. Wieser hat es seit Beginn 2011 geleitet. In den wechselnden Namen des Projekts spiegeln sich die Schwerpunkte der Projektarbeit wider: Aus Rollout 6000 wurde erst Admin 6000 und schließlich Digi 6000. Das Ziel war jedoch über die Jahre dasselbe: eine Thüga-weite Strategie für den Rollout intelligenter Messsysteme zu erarbeiten – technisch wie vertrieblich. Und mit den Plusgesellschaften Lösungen für die Umsetzung zu entwickeln. Vertriebsstrategien für die Thüga-Gruppe erarbeitete im ersten Halbjahr 2016 Dr. Stephan Nagl im Teilprojekt Vertrieb gemeinsam mit sechs Thüga-Partnern.

Durststrecke

„Wir sind mit Elan gestartet, mussten aber durch eine lange Durststrecke“, blickt Johannes Wieser zurück. 2011 tauchte im Energiewirtschaftsgesetz erstmalig der Begriff ,Messsystem‘ auf. Der Gesetzgeber hatte ein Verordnungspaket angekündigt, das allerdings erst fünf Jahre später als Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) Gestalt annahm. „In dieser Zeit haben wir grundsätzliche strategische Fragen geklärt“, so Wieser. „Die führten unter anderem zum Aufbau der Thüga SmartService GmbH als dem zentralen Gateway Administrator.“

Was ist ein Smart Meter, ein Smart Meter Gateway, wie funktioniert ein intelligentes Messsystem? Der Film erklärt's.

Über Lobbyarbeit konnte das Projektteam die Wahrnehmung der Thüga-Gruppe auf politischer Ebene stärken: „Einige unserer damals eingebrachten Vorschläge finden wir heute im Gesetz“, so Wieser. „Zum Beispiel die technische Verfügbarkeit von Geräten als Voraussetzung für die Einbauverpflichtung oder die zeitlich gestaffelten Einbaufälle.“ Heute steht Thüga-Partnern im Extranet umfangreiche Hilfe zur Verfügung, wie zum Beispiel der Leitfaden Digitalisierung Messwesen.

Stand der Technik

Johannes Wieser ist auf dem neuesten Stand der Technik: „Für elektronische Zähler beziehungsweise moderne Messeinrichtungen für Haushaltskunden haben wir bereits im August Rahmenverträge abgeschlossen“, erklärt er. Die ersten zertifizierten Gateways sind im Dezember verfügbar, weitere Hersteller werden bis Mitte 2018 soweit sein. „Im August hatten wir die Hersteller hier bei der Thüga, um uns ein Bild von deren Angebot zu machen.“ Die SmartService steht für die Thüga-Partner als Gateway Administrator zur Verfügung. Sie testet, inwieweit die Software der Gateways sämtlicher Hersteller mit anderer Software kompatibel ist. „Wir schließen nach und nach mit einzelnen Herstellern Rahmenverträge ab. 2018 erwarten wir genügend Anbieter auf dem Markt, so dass wir offiziell ausschreiben können“, so Wieser.

Smart Meter aus Vertriebssicht

„Das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende betrifft nicht nur Netz- und Messstellenbetreiber, sondern auch Energievertriebe“, fasst Dr. Stephan Nagl zusammen. Die allgemeingültige Vertriebsstrategie gebe es nicht, so Nagl: „Jeder Energievertrieb muss ähnliche Fragen beantworten, um seine individuelle Vertriebsstrategie in Reaktion auf die Änderungen im Messwesen zu finden.“ Dies umfasst insbesondere:

  • Positionierung für den Messstellenbetrieb: Welchen Wettbewerb um die Messstellen erwartet ein Energievertrieb in seinem Heimatmarkt? Kann eine Neukunden-Akquise über die Messstelle erfolgversprechend sein? Die Folge wäre ein Auftritt als wettbewerblicher Messstellenbetreiber.

  • Überprüfung des Produktangebots: Hier geht es vor allem um Mehrwertleistungen rund um den digitalen Zähler – wie zum Beispiel ein zeitvariabler Smart Meter Tarif mit mehreren Preiszonen oder ein Kosten-Check im Kundenportal. Insbesondere Kunden mit einem intelligenten Messsystem werden bei höheren Kosten Mehrwertangebote von ihrem Lieferanten erwarten.

  • Kommunikative Begleitung des Rollouts: Der Rollout ist gesetzlich vorgeschrieben. Da die Kunden den Einbau eines digitalen Zählers nicht ablehnen können, werden nicht alle den Einbau positiv bewerten. Diese Bedenken müssen kommunikativ aufgefangen werden. Andererseits gilt es Kunden, die an einem Mehrwert rund um die neuen Zähler interessiert sind, herauszufiltern und ihnen Mehrwertleistungen anzubieten.

  • Anpassung der internen Prozesse: Der Rollout wird die Marktprozesse gründlich verändern und auch Auswirkungen auf die Strom- und Gaslieferverträge haben. Neue Verträge werden zwischen den Marktpartnern abzuschließen sein. Auch die künftige Kommunikation zwischen Lieferanten und Kunden ist zu prüfen.

Produkte der Thüga-Plusgesellschaften rund um den Smart Meter

SmartService: Den Partnerunternehmen mit SmartService (TSG) als Gateway-Administrator (GWA) stehen Zusatzprodukte für die intelligenten Messsysteme zur Verfügung. Das Angebot ist sowohl an grundzuständige als auch an wettbewerbliche Messstellenbetreiber gerichtet. Die GWA-Plattform ist auch für Mehrspartenmessungen konzipiert. Diese sind die Grundlage für andere Geschäftsmodelle, wie etwa Mieterstrom. Diese hat die TSG zusammen mit Kunden erfolgreich in der Praxis erprobt. Das Energiedatenportal EnergyData-View kann zudem die Messdaten für die Endkunden visualisieren – eine Kernaufgabe des MSBG.

Conergos: Das vorhandene Kundenservice-Portal (CSS) stellt dem Endkunden zahlreiche neue Funktionen rund um den Smart-Meter zur Verfügung. Kernstück ist die Prognose auf das Jahresendergebnis. Die Funktion der Abschlagsänderung ist deutlich benutzerfreundlicher dargestellt als in der bisherigen Oberfläche. Endkunden können sich im Portal individuelle Energiesparziele setzen, die durch Energiespar-Tipps unterstützt werden. Außerdem gibt es für Gewerbekunden den Hinweis auf einen Konzessionsabgaben-optimierenden Tarif und für Jahreskunden die freie Wahl des Abrechnungszeitpunktes. Alle Funktionen sind in das bestehende CSS-Portal und in das IS-U-backend voll integriert. Kein weiterer Login ist nötig.

E-MAKS: Auf der technischen Basis der Smart Meter haben Energievertriebe die Möglichkeit, die Dienstleistung Betriebskostenabrechnung anzuknüpfen. Dies erleichtert Kunden aus der Immobilienbranche die Abrechnung der Betriebskosten ihrer Mieter in den einzelnen Liegenschaften. Alles auf einer Rechnung und das per Funkauslesung. E-MAKS liefert zur klassischen Energieabrechnung die Abrechnung der Heizkosten und Warmwasser. Weitere Arten von Betriebskosten sind in Planung.