In Estland sagt man: "Es ist möglich"

Was kann Deutschland von anderen Ländern lernen? Ein Vergleich zwischen Estland und Deutschland zeigt, welche Herangehensweise bei einer schnellen Digitalisierung hilft.

Robert Krimmer

Professor für e-Governance an der Technischen Universität Tallinn

Europas Digital Progress Report platziert Deutschland im EU-Ranking auf Platz 11. Der Digitalisierungsgrad der Energiebranche liegt laut Wirtschaftsindex DIGITAL des BMWi sogar unterhalb des Durchschnittswerts für die gewerbliche Wirtschaft. Während Deutsche ihren Gasverbrauch noch per Postkarte einschicken, können Esten mit einer Bürgerkarte online Behördengänge erledigen und sogar online wählen. Warum das so ist, erklärt Robert Krimmer, Professor für e-Governance an der Technischen Universität Tallinn.

Herr Krimmer, warum ist die Digitalisierung in vielen Bereichen in Estland weiter als in Deutschland?

In Estland gibt es eine andere Herangehensweise. Hier sagt man: „Es ist möglich“. In Deutschland spielt das Thema Datenschutz eine größere Rolle. In Konsequenz geht es in Deutschland eher um das Nichtmöglichmachen.

Warum gibt es in Estland weniger Sorgen wegen des Datenschutzes?

Das Thema Datenschutz ist in Deutschland ganz anders geregelt. In Deutschland darf es rechtlich keine einheitliche Personenkennung geben. In Estland hat jeder eine Nummer, die er in Kombination mit einem Identifizierungscode beim Arzt, bei seiner Steuererklärung oder in der Uni angibt. So kann jeder online seine Daten einsehen.

Birgt das nicht sehr große Risiken?

Natürlich gibt es Risiken, aber Estland hat durch das System auch viel Transparenz geschaffen. Jeder erkennt wer wann auf Daten zugegriffen hat.

Welche Vorteile bringt diese Transparenz?

Das zeigt der Fall des estnischen Politikers Edgar Savisaar sehr gut. Als er schwer krank wurde, gelangten – trotz Schweigepflicht der Ärzte – Informationen an die Medien. Man fand damals heraus, dass fünf Ärzte seine digitale Krankenakte eingesehen hatten, einer davon war nicht dazu berechtigt und hatte die Informationen weiter gegeben. Wer es war, ließ sich leicht nachvollziehen. Bei Michael Schumacher wurde die Krankenakte auch publik. Aber wer sie an die Medien gegeben hatte, war fast nicht nachvollziehbar.

Was kann Deutschland bei dem Thema Digitalisierung von Estland lernen?

Deutschland ist in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von Estland. Estland ist Spitzenreiter bei der digitalisierten Verwaltung. In diesem Bereich hinkt Deutschland hinterher – so sehr, dass Angela Merkel sogar schon nach Estland gereist ist, um sich Tipps von estnischen Politikern zu holen. Warum die Behörden in Estland bei der Digitalisierung weiter vorne sind, ist allerdings auch eine Kulturfrage. In Estland ist die Verwaltung anders aufgebaut, hier gibt es keine Länder. In Deutschland sind die Länder dagegen sehr stark. Deshalb ließe sich ein einheitliches System viel schlechter einführen. Bei der Digitalisierung der Industrie, der Industrie 4.0, ist Deutschland dafür weiter vorne. In Deutschland wird in Industrieprojekte deutlich mehr investiert als in Estland.

Was sind die wichtigsten Fragen, wenn man eine Digitalisierungsstrategie entwickelt?

Als Erstes sollte man sich nach dem Grundsatz „digital first“ überlegen wie man eine bestimmte Dienstleistung digital anbieten kann. Als zweiten Schritt sollte man sich überlegen wie man doppelten Aufwand vermeiden kann. Wie viele zig-Mal haben Sie Ihre Daten schon an Behörden weitergegen? So etwas sollte man vermeiden. Als Drittes ist die Frage wichtig, woher ich meine Daten beziehe. Kann ich sie aus Datenbanken beziehen oder muss ich den Bürger oder den Angestellten fragen? Diese Vorüberlegungen erleichtern später die digitalen Prozesse.