Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) nimmt den Stand der Digitalisierung der Energiewende unter die Lupe. In einem mehrjährigen Projekt wird ermittelt wie digital die Energiebranche aufgestellt ist und bereits agiert. Jetzt liegt der Jahresbericht 2018 vor. Was ist beim „Barometer zur Digitalisierung der Energiewende in Deutschland“ bislang herausgekommen? Interview mit Markus Wörz von der Stabsstelle Energiepolitik der Thüga.

Ihr Ansprechpartner

Markus Wörz

markus.woerz@thuega.de

Frage: Wie modern und fortschrittlich ist die deutsche Energiewirtschaft Stand heute in Sachen Digitalisierung?

In der Gesamtbewertung kommen die Autoren auf 22 von möglichen 100 Punkten für den aktuellen Stand der Digitalisierung der Energiewende. Wenn man das in Schulnoten übersetzt, wäre das wohl ein „Mangelhaft“. Aber das ist kein unverrückbares Ergebnis, sondern eine Momentaufnahme. Je nach Fortschritt bei der Zertifizierung von Smart Meter Gateways durch das Bundesministerium für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und einem Beginn des Roll Out noch in diesem Jahr kann der nächste Barometer schon viel besser ausfallen.

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse nach einem guten Jahr Barometer?

Die Erkenntnis, dass mehr Zeit benötigt wird, ist per se keine Hilfestellung – und auch keine Überraschung. Aber in Summe ist es für das weitere Vorgehen wichtig, dass alle Knackpunkte, ausführlich analysiert und auf den Punkt gebracht wurden. Ernst & Young (EY) macht unter anderem ein fehlendes „neues Denken und Handeln“ aller Beteiligten aus. Anders ausgedrückt: Es wird weiterhin in siloartigen Strukturen gedacht und zu wenig das große Ganze gesehen. Man muss sich nicht alle Aussagen des Barometers zu eigen machen – die Kritik an den Normungsgremien erscheint zum Beispiel überzogen – aber in Summe werden die Probleme korrekt benannt.

Bis hierhin hat das Barometer aber nicht wirklich Neues an den Tag gebracht?

Entscheidend ist, dass die Autoren es nicht bei der reinen Analyse belassen, sondern eine ganze Reihe von Lösungsvorschlägen unterbreiten. EY empfiehlt zum Beispiel, dass der System- und Plattformgedanke stärker aufgegriffen wird. Auch der Handlungsspielraum, den das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende (GDEW) bietet, sollte besser genutzt werden. Ferner fordern die Autoren eine weitergehende Standardisierung mit Blick auf weitere Einsatzbereiche wie Smart Mobility und Smart Home (vgl. BMWI-/BSI-Roadmap) und neue Anreize für Messstellenbetreiber. Außerdem eine bundesweite Informationskampagne, um die Endkunden von den Vorteilen und dem hohen Datensicherheits- und -schutzniveau der intelligenten Messsysteme zu überzeugen.

Gelten die Ergebnisse aus dem Barometer auch für die kommunale Energiewirtschaft?

Das ist ganz klar mit Ja zu beantworten. Sie haben für die kommunale Energiewirtschaft die gleiche Relevanz wie für alle andern Akteure. Ein Vorteil, den die Partnerunternehmen der Thüga-Gruppe allerdings haben, sind die Angebote der Thüga-Plusgesellschaften – im Bereich Digitalisierung, Smart Meter und darüber hinaus. Durch die Kooperation im Verbund können wir für Stadtwerke bereits heute Effizienzpotenziale heben und Wettbewerbsvorteile erzielen.

Wird sich der Jahresbericht 2018 auf energiepolitische Entscheidungen und zukünftige Gesetze auswirken?

Ich hoffe doch. Letztendlich braucht es jetzt ein entschiedenes Vorgehen. Wünschenswert wäre in jedem Fall, dass das BMWi so schnell wie möglich das vorgeschlagene Projektmanagement aufsetzt. Damit könnten die identifizierten Probleme gemeinsam, koordiniert angegangen werden. Das Barometer widmet sich zum Beispiel sehr umfassend den notwendigen Anpassungen des Rechtsrahmens. Damit liegen Ideen vor, die umgesetzt werden können. Gemeinsam mit dem BDEW haben Thüga und andere Energieversorger zudem ausgearbeitet, an welchen Stellen noch Änderungsbedarf besteht.

Wie geht es im Projekt weiter?

Das Gesamtprojekt beinhaltet neben dem Barometer, das künftig immer im 4. Quartal erscheinen soll, noch weitere Gutachten zu den drei Topthemen Geschäftsmodelle, Regulierung und Telekommunikation. Diese sollen laut BMWi als nächste veröffentlicht werden. Gerade beim Thema steuerbare Verbrauchseinrichtungen und Flexibilitäten sind die bislang bekannten Zwischenergebnisse der Gutachter vielversprechend. Wir sind also gespannt und werden den weiteren Prozess eng über unseren Sitz im Projektbeirat begleiten.

Barometer zur Digitalisierung der Energiewende – Jahresbericht 2018 (PDF)

Teil 1: Barometer für die Digitalisierung der Energiewende

Teil 2: Digitalisierung der Energiewende: Tendenz steigend?