Digitalisierung & Vernetzung

Der Cyber-Bürgermeister und die Stadt der Zukunft

 
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Digitalisierung & Vernetzung | 08.06.2017

Der Cyber-Bürgermeister und die Stadt der Zukunft

Smart Home, Smart Grid, Smart City … Wenn es um die Digitalisierung einer Kommune geht, hat eine hessische Kleinstadt schon viel Erfahrung gesammelt. Eine der treibenden Kräfte dahinter: der Bürgermeister. Thomas Fehling, der Digitalisierer von Bad Hersfeld, im Interview:

Herr Bürgermeister Fehling, wie zukunftsorientiert ist eigentlich Bad Hersfeld?

Sehr. Wenn eine Stadt eine so lange Geschichte hat wie unsere, hat das Einfluss auf die Zukunft. Über die Jahrhunderte haben sich die Menschen immer wieder die Frage nach der Zukunft gestellt. Und gute Antworten gefunden.

Jetzt sind Sie einer der Akteure. Wie gehen Sie damit um?

Ich denke, in dieser Position muss man handeln und die Zukunft gestalten. Ansonsten wird man gestaltet. Auf uns wirken große Trends, von denen man sich nicht treiben lassen darf.

Thomas Fehling, Jahrgang 1967, ist seit 2011 Bürgermeister von Bad Hersfeld. Der Diplom-Wirtschaftsinformatiker war früher für Firmen wie Sybase, NCR Corporation und Teradata international tätig. Zu den Unternehmen, die er unter anderem im Bereich Big Data beriet, gehören die Telekom, Lufthansa, Edeka, Metro, Lidl, Vodafone, Bank Austria und Barclays.

Welche Trends meinen Sie?

Gesellschaftlich beschäftigt uns der demografische Wandel. Unsere Gesellschaft wird immer älter. Unsere Bevölkerung wird bis 2030 um 15 bis 20 Prozent geringer werden. Darum müssen wir jetzt den Kampf um die jungen Talente führen.

Wie machen Sie das?

Wir haben zum Beispiel eine technische Hochschule eingerichtet. Sie bedient die Branchen unserer Arbeitgeber mit gut ausgebildeten Mitarbeitern. Das hat Auswirkungen auf die ganze Stadt: die Gastronomie, die Einzelhandelssortimente. Auf der anderen Seite wollen sich immer weniger Bürger ehrenamtlich engagieren. Vereine finden kaum noch Mitglieder. Gerade die Jüngeren fragen sich: Was habe ich davon? Das Miteinander und das Gemeinsam-etwas-gestalten-wollen ändern sich.

Wie zeigt sich das?

Die jungen Leute formieren sich anders. Sie wollen eher projektorientiert für eine kurze Zeit irgendwo mitarbeiten. Dafür mit voller Leidenschaft. Und die heute 18-Jährigen kommunizieren anders, als wir das früher gemacht haben.

Was heißt das für die Kommunikation der Stadt?

Unser klassischer Kanon mit Pressemitteilungen und Pressegesprächen erreicht nicht mehr alle Bevölkerungsgruppen. Der 18-Jährige liest keine Zeitung. Wenn Justin Bieber genauso nah ist wie Mutter oder Vater, sprengt das auch die Regionalität. Aber dem muss man sich nicht ergeben.

Wie erreichen Sie die jungen Leute?

Daran haben wir lange herumgekaut: Wir haben jemanden für Facebook eingestellt, der zunächst unsere Inhalte transportiert. In einem zweiten Schritt wollen wir die Communities abscannen. Also interaktiv sein, um früh reagieren zu können. Bevor der Shitstorm losgeht oder eine Diskussion wegen mangelnder Fakten falsch läuft.

Hochschule und Facebook: Reicht das für die Zukunft einer Stadt?

Wir wollen ehemalige Bürger zurückholen. Kleinstädte sind nicht nur kostengünstiger als Metropolen. Kurze Wege, vielleicht die Großeltern in der Nähe. Das zählt. Möglicherweise lassen sich ja Globalisierung und die Nestwärme der Heimat auch verbinden.

Was braucht es dazu?

Unter anderem technische Infrastruktur. Also Glasfaseranschluss und Logistikanbindung. Die Digitalisierung schafft hier neue Perspektiven. Auch ich bin aus der Welt nach Bad Hersfeld zurückgekommen. Im Hochtechnologiesektor habe ich viele Jahre Geschäfts- und Projekterfahrung gesammelt, die ich jetzt einbringen kann.

Ja, Sie kommen aus einem unternehmerischen Umfeld. Was ist daran hilfreich?

Keine Verwaltungserfahrung zu haben kann auch helfen, Dinge zu hinterfragen. Der vor 20 oder 30 Jahren gelernte Weg muss heute nicht mehr sinnvoll sein.

Was meinen Sie damit?

Vor fünf Jahren hat uns das Gesetz dazu verdonnert, die doppelte Buchhaltung einzuführen. Bad Hersfeld hatte sich lange dagegen gewehrt, weil meine Vorgänger der Meinung waren, das braucht zusätzliches Personal. Dann haben wir uns alle Abläufe angesehen und – wo nötig – umgestellt. Viele Kernprozesse der Stadt sind inzwischen völlig neu gestaltet. Die doppelte Buchführung schaffen wir ohne zusätzliches Personal und Mehraufwand.

Was haben Sie denn umgestellt?

Wir haben Abläufe digitalisiert. So waren wir die ersten in Hessen, die einen elek­tronischen Rechnungsworkflow einführten. Das ist in der Industrie schon seit Jahren üblich, bei Kommunen nicht. Alle Rechnungen, die per Papier reingehen, schicken wir zu einem Dienstleister, der sie einscannt und uns in einem digitalen Format direkt in die Buchhaltung schickt.

Was bringt das?

Früher haben wir Tonnen von Rechnungen durch die Gegend gekarrt – der eine hat sie angenommen, der Zweite sachlich richtig deklariert, der Dritte musste sie freigeben. Bei zehn bis 20 Euro Verwaltungskosten pro Rechnung sparen wir 150.000 bis 300.000 Euro pro Jahr. Aber auch der Bürger hat seinen Nutzen.

Bad Hersfeld könnte man als Modellstadt für die Digitalisierung bezeichnen (von links): Christoph Kahlen, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Thüga, und Bürgermeister Thomas Fehling

Wie das?

Braucht ein Handwerker eine Parkerlaubnis für eine Baustelle, macht er das heute über ein Onlineportal. Unabhängig von Bürozeiten. Das funktioniert auch beim Standesamt, bei der Stammdatenpflege für Vereine und so weiter. Vor sechs Jahren haben wir noch Urlaubskarten mit Bleistift und Radiergummi bearbeitet.

Und das geht alles so einfach?

In Sachen EDV ist die Stadtverwaltung ein mittelständisches Unternehmen. Sie müssen zunächst die EDV, die Hardware und die Mannschaft auf Linie bringen. Das geht nur schrittweise. Aber es geht. Das sehen auch unsere kommunalen Nachbarn.

Und die rennen Ihnen jetzt die Bude ein?

Es gibt schon Nachfragen zu Smart City oder technischer Infrastruktur. Manche sind auch skeptisch. Haben wohl Angst, vereinnahmt zu werden. Aber glauben Sie mir: Ich brauche kein größeres Terrain, noch mehr Mülleimer und Gebäude, für die ich verantwortlich bin. Aber wir brauchen einfach mehr Austausch.

Wie kann man den erreichen?

Gemeinden können voneinander lernen. Wir bieten unser Know-how an, die anderen verpflichten sich, ihr Wissen wieder ins Netzwerk einzuspeisen. Das ist am Thüga-Netzwerk so imponierend. Den Entwicklungsprozess moderieren kann nur das Netzwerk. Da ist das Thüga-Modell den Energiekonzernen haushoch überlegen.

Warum?

Die können diese Innovationsgeschwindigkeit gar nicht aufbauen. In der Thüga gibt es 100 Organisationen, die für sich optimieren und bereit sind, dieses Wissen dem Rest zur Verfügung zu stellen, die das Ergebnis weiter optimieren. Ein Netzwerk aus 100 Unternehmensentwicklern und Strategen, die neue Geschäftsmodelle auch für Kommunen schaffen. Diese Kraft kann ein Konzern gar nicht entwickeln.

Haben Sie ein Beispiel?

Stichwort Digitalisierung: Es kann nicht sein, dass die Städte – also die Steuerzahler – in Infrastruktur investieren und irgendwelche – vielleicht auch noch amerikanische – Unternehmen damit ein Heidengeld verdienen. Die Städte müssen sich mit den Daten, die sie selbst produzieren, ihre Investitionen refinanzieren.

Wie soll das denn gehen?

Wie das Geschäftsmodell am Ende aussieht, weiß ich noch nicht genau. Aber nehmen Sie mal die Verkehrsdaten: Verkehrsverflüssigung, Parkraummanagement, Umweltbelastung. Nehmen Sie nur die Baustellen: Der Handwerker von vorhin braucht eine Parkgenehmigung. Mit den Daten aus dem digitalen Genehmigungsprozess weiß ich, wann ein Bürgersteig gesperrt oder eine Straße blockiert ist. Informationen, die für Betreiber von Navigationsgeräten wertvoll sein können. Und die Stadt weiß es im Voraus …

Das interessiert aber nur diejenigen, die in Bad Hersfeld unterwegs sind …

Richtig. Bad Hersfeld allein bringt wenig. Aber wenn jetzt möglichst viele Städte – oder alle Städte – mitspielen, dann wird es wirklich interessant.

Sie meinen einen Skalierungs-Effekt?

Natürlich. Kein Datennutzer möchte mit Hunderten von Städten einzeln verhandeln. Ich habe mich 25 Jahre mit dieser Thematik befasst, zehn Jahre mit Big Data gearbeitet. Und nichts anderes ist doch das hier: Datenmodelle, Analyse, statistische Verfahren, neue Services. Mehrwert aus den Daten generieren. Dazu brauchen wir strategische Partner.

Wenn Sie Dritte an Bord holen – wie sieht es mit der lokalen Akzeptanz aus?

Selbstverständlich muss das Thema an lokale Gremien und damit den Bürgern vermittelt werden. Es muss immer ein konkreter Bürgernutzen zu sehen sein. Zum Beispiel das Parkleitsystem. Früher gab es nur Schilder. Jetzt kann der Autofahrer in Echtzeit auf der Straße sehen, wie viele Plätze in welchem Parkhaus frei sind.

Aber kostet es nicht Unsummen, jeden Gullideckel und jede Mülltonne miteinander zu vernetzen?

Ja, der Einzelne kann das erst mal nur schwer stemmen. Aber in einem Netzwerk oder auf einer Plattform könnten auch andere Partner die Skaleneffekte nutzen. Einzelne Stadtwerke könnten über Rendite oder Know-how profitieren. So ein Modell könnte ich mir bei der Digitalisierung der Kommunen gut vorstellen.

Smart City Bad Hersfeld

Unter Smart City versteht man die Digitalisierung der städtischen Infrastruktur. Bad Hersfeld hat sich durch mehrere Referenzprojekte einen Namen als eine der führenden Städte gemacht. Die Vorteile von Smart City:

1. neue Angebote und verbesserte Lebensqualität für die Bürger (besserer Verkehrsfluss, weniger Schadstoffe, mehr Komfort und dergleichen)

2. Einsparungen bei kommunalen Betriebs- und Energiekosten

3. Infrastruktur für zukunftsfähige Unternehmen und Arbeitsplätze

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