Dezentralisierung & Individualisierung

Strom hausgemacht

 
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Dezentralisierung & Individualisierung | 06.06.2017

Strom hausgemacht

Mieterstrom bietet Vorteile für Mieter, Vermieter, Anbieter und Umwelt. Thüga SmartService GmbH, eine Plusgesellschaft der Thüga, führt verschiedene Pilotprojekte durch – das erste davon am Tegernsee.

„Mieterstrom wird durch das geplante Mieterstromgesetz weiter Fahrt aufnehmen.“

Dr. Urs Wehmhörner

Thüga SmartService GmbH

Tel. 089 / 381 97 – 11 82, urs.wehmhoerner@smartservice.de

Falsch abgebogen? Ein E-Werk in einem Haus mit idyllischem Bergblick und Lüftlmalerei, grünen Fensterläden und roten Geranien auf dem Balkon? Das Elektrizitätswerk Tegernsee Carl Miller KG (E-Werk Tegernsee) ist halt ein Traditionsunternehmen – und dabei voll auf der Höhe der Zeit, wie das Mieterstromprojekt zeigt. Dr. Urs Wehmhörner von der Thüga SmartService GmbH (TSG) stellt sein Auto also genau richtig ab. Er ist Projektleiter seitens der TSG und mit Frank Thinnes, dem Technischen Leiter des E-Werks, sowie Andreas Ludeck, dem Fachberater für Energieeffizienz und Anwendungssysteme der Energie Südbayern GmbH (ESB), verabredet, um über den Projektfortschritt zu sprechen. Das Projekt findet aus guten Gründen in Tegernsee statt. Denn das E-Werk Tegernsee nimmt als Netzbetreiber am Projekt teil – und liefert auch gleich das passende Gebäude. Denn daneben steht ein Sechs-Parteien-Haus, das „für den Piloten geradezu ideal ist“, erklärt Wehmhörner.

Gegründet 1896: E-Werk mit Tradition

Wertschöpfung auf kleinstem Raum

Mieterstrom bildet alle Wertschöpfungsstufen der Energieversorgung ab: Erzeugung, Speicher, Netz/Messwesen und Vertrieb. Das Projekt ist ein Paradebeispiel für Zusammenarbeit im Thüga-Netzwerk: TSG, ESB und die ESB Wärme GmbH hatten gemeinsam festgestellt, dass Mieterstrom nur in einem Piloten erschöpfend zu testen sei. Die ESB konnte mit dem E-Werk Tegernsee den passenden Netzbetreiber einbinden. Dieser verfügt direkt nebenan über die passende Immobilie. „Beste Bedingungen!“, findet Andreas Ludeck. Die Mieter für das Projekt zu gewinnen, war nicht schwer: Neben dem Argument, mit dezentraler Erzeugung die Energiewende zu unterstützen, überzeugte sie der Festpreis. Einen wich­tigen Projektbeitrag leistet Viessmann, Anlagenhersteller für Blockheizkraftwerk (BHKW) und Photovoltaik (PV). Er entwickelte eine Regelung zur Optimierung der Eigenstromnutzung. Für die Messdienstleistung ist die TSG zuständig. Seit April 2016 nutzen die Mieter nun ihren selbst erzeugten Strom.

Maximale Vielfalt

„Das BHKW ist im Keller des E-Werks untergebracht, da sich hier die Heizzentrale für unsere Gebäude befindet“, so Frank Thinnes. „Die Wärme und den Strom aus dem BHKW bietet die ESB Wärme im Contracting-Modell an.“ Aufgrund der Komplexität von Mieterstrom ist eine Umsetzung als Contracting-Lösung ratsam. ESB betreibt die Erzeugungsanlagen und kümmert sich um die Wartung. Auf dem Wohnhaus befindet sich eine PV-Anlage mit 6 kWp. „Im nächsten Schritt werden wir einen Stromspeicher installieren“, so Ludeck. „Dadurch verbleibt so viel selbst erzeugter Strom wie möglich im Gebäude.“ Außerdem: Je mehr Komponenten die Kollegen einbauen und testen, desto aussagekräftiger sind die Erfahrungswerte. „Köpfe einziehen!“, heißt es, als sich die Besucher an den beiden großen Pufferspeichern vorbeifädeln. Der Spitzenlastkessel für Wärmespitzen im Winter ist ebenfalls im E-Werk untergebracht. Dann geht es weiter in den Keller des Mietshauses nebenan, wo sich die Zähler befinden.

Im Hintergrund ist das E-Werk zu sehen, davor das Mieter­stromhaus.

Anspruchsvolle Messtechnik

„Wir haben bei Thüga im Vorfeld lange mit Netz und Vertrieb gesprochen, um eine praktikable Lösung zu finden“, sagt Wehmhörner. „Deswegen haben wir hier ein modernes Messkonzept eingeführt, das alle Verrechnungsschritte automatisiert.“ Damit gehen eventuelle Argumente gegen Mieterstrom aus, hofft Wehmhörner. Zwei graue Schränke, sechs Zähler für sechs Parteien, auf den ersten Blick nichts Besonderes. Von wegen! Messtechnisch ist ein Mieterstrom-Projekt anspruchsvoll – und sehr spannend. „Das Messkonzept bildet die Grundlage, um jene Strommengen zu identizifieren, die in der Kundenanlage erzeugt und direkt vermarktet werden“, erklärt Wehmhörner. „Die messtechnische Grundlage ist das Summenzähler-Modell. Wir setzen intelligente Messsysteme ein, die alle physikalischen Stromflüsse im Gebäude energiewirtschaftlich korrekt ausweisen.“ So kann sauber berechnet werden, welcher Stromanteil wo erzeugt und verbraucht wird, trotz fremdversorgter Mieter. Schließlich kann jeder Mieter seinen Stromanbieter frei wählen – sich also gegen Mieterstrom entscheiden und seinen Strom aus dem Netz beziehen.

Werte per Knopfdruck

„Keiner muss herkommen und ablesen – das Versenden der Werte läuft komplett automatisiert ab, das spart Zeit und Geld“, sagt Frank Thinnes. „Die Ablesung bei Anbieterwechsel oder Umzug passiert per Knopfdruck. Wir können jedem Mieter ausweisen, wie viel Prozent seines Stroms er gerade woher bezieht.“ Und Ludeck ergänzt: „Wir verschaffen dem Kunden Transparenz, das kann künftig auch für den Vertrieb spannend werden.“

Warum Mieterstrom?

Mittlerweile haben die Besucher den kühlen Keller verlassen und sitzen wieder im Konferenzraum mit Blick auf die Berge. Wehmhörner erklärt, was genau den Strompreis in diesem Modell so günstig macht. „Da für die lokale und direkte Stromnutzung das öffentliche Stromnetz nicht genutzt wird, fallen einige Preisbestandteile weg“, so Wehmhörner. Das sind: Netzentgelte, Konzessionsabgabe, Stromsteuer, Offshore-, §-19- und KWK-G-Umlage. Die EEG-Umlage muss voll bezahlt werden. „Wenn ich noch die Stromgestehungs- und Abwicklungskosten klein halte, kann ich meinen Mietern einen attraktiven Preis anbieten“, resümiert er. Ludeck ergänzt: „Die Untergrenze für die Rentabilität liegt bei rund 15 Wohnungen, damit das BHKW auf seine Laufzeit kommt und man ausreichend Strom vermarkten kann. Bei PV muss das Objekt noch größer sein.“ Frank Thinnes fügt hinzu: „Je nach den Bedingungen vor Ort hat jedes Projekt am Ende einen anderen Preis.“

Gute Aussichten

Urs Wehmhörner von der TSG führt derzeit mit weiteren Thüga-Partnerunternehmen Mieterstrom-Projekte durch und ist sehr optimistisch: „Mieterstrom wird durch das geplante Mieterstromgesetz weiter Fahrt aufnehmen.“ Außerdem setzt TSG noch eins drauf: „Bei einem weiteren Mieterstromprojekt nutzen wir die Messtechnik auch für eine Mehrspartenmessung, also außer für Strom auch für Gas, Wasser und Wärme“, so Wehmhörner. So ist es erstmals möglich, alle Sparten über ein interoperables, intelligentes Messsystem abzubilden – und damit zum Beispiel komplette Effizienzanalysen für ein Gebäude durchzurechnen.

Mieterstrom ist die Stromerzeugung und -vermarktung in einer Kundenanlage – also in einer Stromver­teilung (mit BHKW und/oder PV-Anlage) auf einem räumlich zusammenhängenden Gebiet. Kunden­anlagen sind mit einem Energieversorgungsnetz verbunden. Der vor Ort erzeugte Strom wird direkt im Objekt an die Kunden oder Mieter vermarktet. Häufig befindet sich die Stromerzeugungsanlage im Eigentum eines Contractors. Dieser beliefert seine Kunden mit einem Vollstromprodukt.

„Mieterstrom wird durch das geplante Mieterstromgesetz weiter Fahrt aufnehmen."

Dr. Urs Wehmhörner

Thüga SmartService GmbH

Tel. 089 / 381 97 - 11 82, urs.wehmhoerner@smartservice.de

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