Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Kommunen sind immens. Die Thüga hat mit Udo Glatthaar gesprochen. Der 59-Jährige ist seit 2011 Oberbürgermeister von Bad Mergentheim und Vorsitzender des Thüga-Beirats.

Herr Glatthaar, wie ist die Stimmung in Bad Mergentheim?

Die Stimmung ist besonnen, es ist zu spüren, wie sich die Leute mit den Folgen des Corona-Virus auseinandersetzen. In der Innenstadt und in den Geschäften tragen viele Menschen Masken und halten den Mindestabstand ein. Jedem ist klar, so eine Situation, wie sie jetzt herrscht, haben wir noch nie erlebt.

Wie ging es Ihnen persönlich, als der Shutdown angeordnet wurde?

Ich fand es erstaunlich, wie rasch zuvor schwer vorstellbare Entscheidungen innerhalb kürzester Zeit selbstverständlich waren. Zum Beispiel über Kurzarbeit im öffentlichen Dienst zu reden und diese auch umzusetzen. Ebenso fasziniert war ich, wie schnell wir einen Krisenstab eingerichtet, sich Ämter neu organisiert haben und Pläne für Katastrophenschutz und Großveranstaltungen herausgezogen wurden. Für mich selbst bedeutete der Rückzug ins stille Kämmerlein den größten persönlichen Einschnitt: Ich musste alle Außentermine absagen, meine Arbeit vom Schreibtisch aus erledigen.

Was war das Wichtigste in dieser Situation?

Es war essenziell, dass meine Teams und ich die Entscheidungen, die getroffen werden mussten, offen und transparent diskutiert und kommuniziert haben.

Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf die Kommunen?

Egal ob Groß- oder Kleinstadt, ob arme oder reiche Kommune, ob Tourismushochburg oder Industriestandort: Wir alle werden Einschnitte erleben. Die Frage ist nur, wie stark. Hier wird es Unterschiede geben. Wir Kommunen sind die politische Einheit, aus der die Menschen zuerst ableiten, wie gut oder schlecht sie leben, welche Möglichkeiten ihnen geboten werden und wie attraktiv ihr Umfeld ist. Das heißt, Einschränkungen, die hier passieren, spüren die Menschen direkt.

Welche Bereiche der Kommunen sind betroffen?

Wir steuern auf einen dramatischen Einbruch der Einnahmen zu. Das hat Auswirkungen auf alle Bereiche und mehrere Haushaltsjahre. Wir erleben eine große Not in Gastronomie und Hotellerie, bei zahlreichen Selbstständigen, im Kleingewerbe, bei Freiberuflern und Dienstleistern. Insofern bin ich sehr dankbar, dass mit staatlichen Hilfspaketen wirtschaftlich die erste Not gelindert wurde, die öffentliche Hand kann aber nicht alles auffangen.

Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus der finanziellen Krise?

Die Kommunen stehen vor der Frage: Verschulden wir uns dramatisch, weil wir den Menschen das Gefühl geben wollen, für sie ändert sich nicht viel? Oder müssen wir in den kommenden Jahren mit viel kleineren Haushaltsbudgets arbeiten, die große Einschränkungen für die Bürgerschaft bedeuten? Ich vertraue darauf, dass Bund und Länder einen mehrjährigen Rettungsschirm für die Gemeinden schaffen, denn kommunale Investitionen sind der sichtbarste Motor für den notwendigen Wiederaufschwung.

Auf welche Diskussionen müssen wir uns einstellen?

Können wir den Ausbau und die Modernisierung von Kitas und Bildungseinrichtungen im geplanten Tempo vorantreiben? Können wir die Digitalisierung, die wir so dringend benötigen, weiter schnell umsetzen? Können wir die Freizeiteinrichtungen, die das Leben attraktiv machen, aufrechterhalten? Wann gibt es wieder Großveranstaltungen? Wie viele Geschäfte überstehen die Krise und wieviele Insolvenzen müssen wir verkraften? Die entscheidende Frage lautet also: Inwieweit bleibt unser Leben so vielfältig wie heute? Und: Wie sichern wir unser Gesundheitssystem für die Zukunft?

Was glauben Sie?

Schlimm wäre, wenn wir uns als Kommune auf die bloße Daseinsvorsorge der Bürger konzentrieren und auf freiwillige Dienstleistungen wie Bäder, Theater, Bibliotheken, Stadtarchiv verzichten. Denn die Attraktivität der Kommunen misst sich an den weichen Faktoren, die keine Pflichtaufgabe sind, aber das Leben erst schön machen. Jeder Bürger möchte gerne in der Gaststätte sitzen, frisches Brot beim Bäcker kaufen, zum Frisör gehen. Wenn das Kleingewerbe im Ort bleibt, haben wir gewonnen. Wenn wir viele Insolvenzen erleben, werden wir uns verarmt fühlen nach der Krise. Das gilt selbstverständlich genauso für den Mittelstand und die Großunternehmen.

Wie wichtig ist der Thüga-Verbund in der aktuellen Situation?

Ich bin sehr dankbar für meine Geschäftsleitung im Stadtwerk und für den guten Austausch, den die Kollegen im Thüga-Netzwerk bundesweit pflegen. Es ist ein starkes Zeichen, dass wir die Infrastruktur und die Daseinsvorsorge für unsere Bürger so professionell stemmen. Der Thüga-Verbund wird uns auch in ein paar Monaten helfen, wenn wir genauere Zahlen auf dem Tisch haben, mit uns abzustimmen, welche Strategien wir entwickeln, um die finanziellen Einbrüche aufzufangen.

Bringt die Corona-Krise auch Positives zum Vorschein?

Sie hat viel Engagement und Kreativität freigesetzt. Sie zeigt mir: Kommune und Stadtwerk sind gut aufgestellt und wir haben wichtige Themen wie Digitalisierung bereits besetzt. Insgesamt beweist die Krise, dass wir im Thüga-Netzwerk über sehr viel Erfahrung und Kompetenz verfügen, auch was Zukunftsthemen betrifft. Insofern fühle ich mich im Thüga-Verbund gut aufgehoben. Dafür hätten wir aber diese Krise nicht gebraucht.

Was wünschen Sie sich?

Ich hoffe, wir treffen uns als Thüga-Beirat im Herbst – nicht virtuell, sondern persönlich. Die Krise hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass wir uns alle seit Jahren kennen und vertrauen. Gute Gespräche entstehen am besten im persönlichen Austausch.