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Die kommunalen Unternehmen stehen vor einer historisch einmaligen Investitionswelle – und gleichzeitig vor einem Transformationsdruck, der die Kapitalbindung massiv erhöht. Darüber sprechen Thüga-Finanzvorständin Anne Rethmann und Johannes Anschott, Mitglied des Vorstands der BayernLB. Das Interview führte Dr. Detlef Hug, Leiter der Thüga-Unternehmenskommunikation.
Johannes Anschott: Wir betrachten die Finanzierungsfähigkeit als grundsätzlich gut. Die Stabilität des Geschäftsmodells und die regulierten Cashflows kommunaler Unternehmen sind dabei positiv zu bewerten. Dies macht sie zu soliden Kreditnehmern. Als Landesbank haben wir selbst einen öffentlichen beziehungsweise kommunalen Hintergrund – zu 80 Prozent gehören wir dem Freistaat, zu 20 Prozent den Sparkassen, deren Träger die Kommunen sind.
Anne Rethmann: Die Unternehmen der Thüga-Gruppe haben eine mehrheitlich kommunale Gesellschafterstruktur. Gerade die Stadtwerke haben sehr solide Geschäftstätigkeiten mit regelmäßigen Cashflows, die aus dem regulierten Geschäft kommen. Auch bei Verschuldungsgrad und Eigenkapitalquote sind sie sehr gut aufgestellt. Wenn sich allerdings im Rahmen der Transformation des Energiesystems die Investitionsvolumina pro Jahr verdreifachen, stoßen klassische Finanzierungswege an ihre Grenzen.
Johannes Anschott: Auf jeden Fall. Die Größenordnungen werden sich verändern. Das Investitionsvolumen für Deutschland erreicht seinen Peak zwischen 2030 und 2035 mit etwa 43 Milliarden Euro jährlich, bevor es wieder abflacht. Die Voraussetzungen dafür müssen heute geschaffen werden, damit diese Welle finanzierbar bleibt – es braucht nachhaltig stabile Bankenkreise, längere Laufzeiten, größere Tickets. Als Landesbank ist es unsere Aufgabe, diesen Wandel strukturiert zu begleiten.
Johannes Anschott: Das Kernelement ist der Bankkredit, ob in bilateraler oder syndizierter Form. Darüber definiert sich meist die Kernbankengruppe, die alle weiteren Entwicklungen mit begleitet. Dann kann man in Richtung Kapitalmarkt gehen, je nachdem, wie groß der kommunale Energieversorger ist.
Johannes Anschott: Eine Möglichkeit sind Schuldscheine – ein Zwitter aus Kapitalmarktprodukten und Kredit, in vielen möglichen Ausprägungen. Kommunale Energieversorger investieren viel in hoch regulierte Bereiche, deren Erlöse prognostizierbar sind. Solche Investitionsvorhaben eignen sich sehr gut für Projektfinanzierungen – je nach Art der Projekte auch für Off-Balance-Lösungen oder im Rahmen von Joint-Ventures oder regionalen Kooperationen. Insgesamt müssen die Instrumente aufeinander abgestimmt und kommunal kompatibel sein, das ist ganz wichtig.
Anne Rethmann: Perspektivisch verlassen wir zunehmend die herkömmliche rein lokale Bankenfinanzierung. Gerade mittlere Unternehmen erweitern ihre Engagements in Richtung Landesbanken oder auch Privatbanken und emittieren erste Schuldscheindarlehen. Die Kombination unterschiedlicher Finanzierungselemente stärkt die Kapitalstruktur und Finanzierungsfähigkeit der kommunalen Unternehmen. Spätestens, wenn Unternehmen ihre Verschuldungskapazität ausgeschöpft haben, stellt sich die Frage: Welche Modelle gibt es, um auch Eigenkapital einbringen zu können?
Anne Rethmann: Für solche Finanzierungslösungen werden einzelne, abgrenzbare Assets wie Umspannwerke, Netze oder auch Wärmeprojekte aus einem Unternehmen herausgelöst und in einer gesonderten Gesellschaft außerhalb des Konsolidierungskreises des Stadtwerks gebündelt und finanziert. Dies erlaubt die gezielte Einbindung von privaten Investoren. Wir sind dabei, solche Modelle mit und für unsere Partnerunternehmen strukturell zu entwickeln.
Anne Rethmann: So schaffen wir eine attraktive Größenordnung für Eigenkapitalinvestoren. Gleichzeitig können wir strukturelle und konditionelle Vorteile für unsere Partnerunternehmen durch Standardisierung und wiederholte Anwendung erzeugen.
Johannes Anschott: Off-Balance-Lösungen entlasten insgesamt die Bilanz und verbessern die Möglichkeiten zur Refinanzierung. Pluspunkt für die Thüga: Lösungen, die für ein einzelnes Stadtwerk zu aufwendig sind, können über Pooling-Lösungen erreicht werden. Diese haben eine hohe Risikodiversifikation. Dazu gehören auch Verbriefungsinstrumente: Sie ermöglichen es Stadtwerken, ihre Forderungen revolvierend an eine Verbriefungsplattform zu verkaufen. Diese Plattform refinanziert den Ankauf durch handelbare Wertpapiere. Das sind langjährig etablierte und auch in Krisenzeiten sehr stabile Finanzierungsinstrumente, weil sie fast vollständig vom Schicksal des Unternehmens getrennt sind. Das heißt: langfristige Finanzierungssicherheit, hohe Stabilität und dabei relativ kostengünstig.
Spannend? Lesen Sie hier den 2. Teil des Interviews
